13. Mai 2009

Du guckst mich an. Starrst als wäre ich eine Außerirdische, die vor einigen Minuten mit ihrem Raumschiff gelandet ist. Das alles passiert an einem normalen Tag in der S-Bahn, obwohl du mit deiner Frau und den Schwiegereltern zusammensitzt. Denkst wohl, ich merke das nicht. Dummer Hund! Ach, ich korrigiere: Dummer, geiler Hund, du! Ihr seid bestückt mit tausend Einkaufstüten, sprecht von eurem Haus am Rande der Stadt, dem schönen großen Garten mit den vielen Beeten und Pfingstrosen, die jetzt besonders schön blühen. Drei Etagen hat es. Sieh an. Und zwei Fernseher. Du denkst, ich lese, bin vertieft und spüre deine Blicke nicht, doch jedesmal, wenn ich Luft hole, treffen mich deine Augen. Deine Frau ereifert sich ganz in ihren hausfräulichen Eskapaden, während es bei dir irgendwo zuckt. Du bist glücklich, denkst du, aber ich sehe, das ist eine Lüge. Deine Augen sind ausgehungert, sie vermissen etwas, das sie an Leben erinnert. Du hast dich vorbildlich eingerichtet, dennoch scheint dich das nicht auszufüllen. Ich sehe es, du dummer, geiler Hund! Unter deinem Hemd sammeln sich die ersten Schweißtropfen, die Salzkristalle pieksen dich und du kratzt dich nervös. Ich spiele mit meiner Zunge an meinem Mund, ganz unauffällig, aber erotisch genug, das es dich blendet. Unsicherheit macht sich breit. Immer noch quasselt deine Frau, ohne Erbarmen. Geht das oft so? Armer Hund, du! Sie hat dich an der Leine, kurz muss sie sein, wenn ich deinen Atem richtig interpretiere.

Erst gestern habe ich über Typen wie dich etwas gelesen, in irgendeinem Buch, ich weiß nicht mehr genau, wie es hieß, denn ich lese zu viel, das ich leicht vergesse, wo ich den Inhalt herhabe. Ist ja am Ende auch egal, aber über Männer wie dich ist oft etwas geschrieben worden, ob damals in den 20ern in Paris oder heute in New York. Euch gibt es zu Genüge, ihr, die ihr glaubt, dass ihr euer Glück gefunden habt, was sich am Ende jedoch als Seifenblase entpumpt. Man muss sie nur sehen und dann mit Freude zerplatzen lassen. Ich mache das so oft und habe einen Spaß daran, nur bemerkt ihr es nicht, denn ich sehe so unschuldig und naiv aus, das macht euch an. Ihr denkt, ich sei eine läufige Hündin, doch ich bin eine Katze – das ist ein enormer Unterschied, den ihr dummen Hunde zu spät feststellt. Dann sind sie da: Die Tränen, die Reue und das Flehen, auf die ich schlage. Ihr seid einfach nur feige und zu bequem, um nochmal auszubrechen, sich aufzumachen zu Ufern, die euch nachts den Schlaf rauben. Dazu bin ich da, um euch den Spiegel vorzuhalten. Hat mich deshalb das Universum auf die Erde geschickt? Keine Ahnung, aber ich weiß, dass mich eure Blicke am Leben halten, mir die Erfrischung geben, die mir der Alltag raubt. Ihr seid der Spott der Liebe und habt keinen blassen Schimmer von eurem Dilemma. Ihr armen Hunde, ihr! Aber ohne euch könnten wir Bienen nicht existieren, die Räuberinnen der Geschichten und Gefühle.

Noch in der Tür sehe ich deinen Kopf, wie er mich von oben abtastet als wärst du so ein blöder Sensor, der mich am Flughafen nach Waffen untersucht. Als die Tür sich öffnet, drehe ich mich um und lächele dich an, ertappt, rot wirst du und guckst verlegen aus dem Fenster. Deine Frau ahnt nichts von deinem Spiel, denn die redet immer noch vom Garten und den Bienen. Blöd nur, dass sie die eine nicht gesehen hat, die könnte ihren Mann stärker stechen als es ihr bewusst ist. Deinen Namen habe ich. Warts nur ab, du dummer Hund, wir sehen uns wieder. Im Garten der Reue, denn das Paradies ist bei Männern wie bei dir schon lange abgebrannt.

Dieses Buch glänzt durch seine Qualität, die man in zeitgenössichen Werken heute schrecklich vermisst. Man bleibt oft in den gehaltvollen Sätzen hängen als hätte jemand eine unsichtbare Schnur zwischen den Augen und den Buchstaben gespannt – so unglaublich gut sind die Gedanken und Worte gewählt.

Irène Némirovsky erzählt die Geschichte von einem jungen Arzt von der Krim, der nach Frankreich einwandert, dort jedoch mehr schlecht als recht mit seiner Frau und seine Sohn durchkommt, was nicht an seiner Qualifikation hängt, sondern nur, weil er keiner von den Franzosen ist, sondern ein Ausländer. Doch eines Tages rächt er sich an den Reichen und Schönen so raffiniert, dass selbst der Leser freudig seine Hände reibt.

Ich empfehle Lesern russischer Literatur sowie anspruchsvollen Bücherwürmern dieses wunderbare Werk, das in einer Zeit geschrieben worden ist, die vielen von uns fern ist und bleibt.

herr_seelen

Herr der Seelen
Irène Némirovsky
Luchterhand
Mai 2009
8,00 €

** Ein kleiner Filmtipp für große Glücksmomente. **
** “Den Film zu sehen, heißt aufzuatmen.” (tip) **
** 14. Mai  um 21 Uhr auf Arte **

ich_und_du_und_alle

** Mehr über die Regisseurin und Künstlerin, Miranda July, gibt es hier. **

… ich könnte dir die vielen fragezeichen aus den augen wischen …
… ich könnte dir sagen, was richtig und was falsch ist …
… ich könnte dir die weisheit eines schamanen schenken …
… ich könnte dir die entscheidung nehmen …
… ich könnte dir die totale ruhe ins bett legen …

- aber nichts kann ich -
außer dir mut zu geben, dir ein vierblättriges kleeblatt in deine
hand zu legen, eine hühnersuppe zu kochen, ein mount everst
in schokoladenform zu bauen und zu sagen, dass deine entscheidung
die richtige sein wird, welche du auch am ende wählst, denn sie
ist gut überlegt und kommt aus der tiefe deines herzens.

nouvelle_vague

Wie lange brauchen wohl Marienkäfer bis ihre Punkte auf dem starken Panzer rund sind? Einen Monat, eine Nacht? Was für eine bescheuerte Frage, denke ich und fülle meine Teekanne mit heißem Wasser. Die grünen Stümpfe von ehemaligen Blättern tanzen im heißen Strudel, auf der Suche nach dem richtigen Punkt, in den sie sich legen können, um mir ihr richtiges Aroma zu entfalten. Auch Teeblätter haben ihr eigenes Leben, aalen sich freizügig im Sog der Wahrhaftigkeit. 20, 21, 22, 24, 25, 26, 27,28, 29,30. Fertig. Ich ziehe den Filter aus der Kanne und lege ihn sanft auf einen Teller. Normalerweise habe ich die richtige Zeit für den Tee im Kopf, ach im Blut, aber an manchen Morgen wie heute, an denen ich leicht zerstreut wie ein blinder Bär durch die Wohnung hetze, verlasse ich mich auf den Klassiker: das Zählen, das Monotone mag ich und macht mich ein bisschen wacher als ich bis vor wenigen Minuten war.
Ich hatte gestern Abend eine seltsame Begegnung mit einer Frau, die einige Synapsen in meinem Gehirn seitdem blockiert hat. Eingeschränktes Denkvermögen auf obersten Niveau, würde wahrscheinlich ein Neurologe sagen.
- Seltsam, du erinnerst mich an einen Fisch, sagte sie.
- Einen Fisch? Wieso das denn? fragte ich.
- Ich weiß nicht, deine Art zu gucken, erinnert mich eben an einen Fisch.
- Ist das nun gut oder schlecht?
- Ich bin Taucherin. Suchs dir aus.
Dann schwieg sie. So ging es den halben Abend. Da war nie was Ganzes in ihren Worten, immer nur so halbe Sachen, die ich nicht ganz entwirren konnte. Stets versuchte ich in dem Chaos, mein Gleichgewicht und Charme zu behalten, zu lächeln, und bewegte mich doch ängstlich auf dem Eis, das sie vor sich ausgebreitet hatte, ich passte auf, nicht einzubrechen, weil das bei Menschen von ihrem Schlag schneller ging als man erwartet. Ich fühlte mich wie ein Eiskunstläufer, der zum ersten Mal auf dem scharfen, unberechenbaren Boden stand und erste Versuche unternahm, etwas Elegantes, Atemberaubendes darzustellen. Blöderweise waren meine Hufen stumpf.
Eigentlich hatte alles sehr banal angefangen. Ich saß draußen in meiner Bar, genoss den ersten warmen Abend des Jahres und trank Gin. Das Eis klirrte im Glas und knackte an manchen Stellen. Ich ließ meine halbe Woche Revue passieren, die in der Tat beschissen verlaufen war und suchte nach Lösungen bis sie mich von der Seite ansprach.
- Hast du mal Feuer?
- Sorry, nein, hab mit dem Rauchen aufgehört.
- Schade.
Sie schaute mich an und kratzte sich am linken Arm. Und wartete. Auf was? Ich räusperte mich und kramte nach irgendeinen rettenden Satz, der mich nicht wie ein Trottel aussehen lassen sollte. Sie wartete weiter.
- Frag doch mal den drinnen am Tresen. Harry hat immer Streichhölzer. Er versteckt sie nur immer ganz gern.
- Warum denn das?
- Weil die Leute heutzutage gierig geworden sind. Harry hat da so eine These.
- Ah ja, welche denn?
- Die Leute würden sich keine Feuerzeuge mehr kaufen, sondern sich bei ihm durchschnorren. Ein Feuerzeug kostet in der Regel 1 €. Das sind schon wieder vier Schrippen.
- Das ist also seine Theorie? Für mich sieht das mehr nach einer armseligen Antwort eines Geizhalses aus.
- Auslegungssache. Harry ist ein Rechengenie, hat mal Mathematik studiert und irgendwann Formeln ausgehekt, um die Lebensdauer seiner Streichholzschachteln auszurechnen. Am Ende stellte er fest, dass sie im Laufe eines Jahres gegenüber dem Vorjahr erheblich geschrumpft waren.
- Kann es aber auch nicht darin liegen, weil sie gut aussehen?
- Möglich. Dafür ist er ja bekannt, der verrückte Typ. So ganz kapier ich das auch nicht, denn immerhin tragen die Schachteln den Namen seiner Bar, ist also Werbung für ihn. Er widerrum meinte, das seien nicht irgendwelche Schachteln, sondern Dinge, die auch einen Wert besitzen, den man zu schätzen wissen müsse und wer wirklich nach einer Streichholzschachtel fragt, sei wohl in seinen Augen ein anderer Mensch als der, der nur in die Schale auf dem Tresen grabscht.
- Okay.
Mehr sagte sie nicht. Nur ein blödes Okaaay. In die Länge gezogen, wie es heutzutage alle Leute machen. Kein knackiges, Okay, sondern ein Okaaay, da könnte man eigentlich gleich Okäh schreiben, dachte ich im langen Zeitraffer der Schweigsamkeit. Nach einigen Minuten folgte schließlich der bereits erwähnte Fischsatz, bis sie erneut im Schweigen verharrte.
Jetzt stand sie wieder da und suchte etwas in ihrer Tasche. Für mich die ideale Gelegenheit, das Mädel näher zu betrachten. Nicht schlecht. Lange Haare mit so einem rötlich-blonden Stich, ein frecher Pony umschmeichelte ihr zartes Gesicht, sie war groß, vielleicht 1.80m, schlank, nicht zu schlank, angenehm schlank, eine enge Jeans, darüber ein Kleid mit Punkten wie man sie sonst nur von Marienkäfern kennt und eine unwahrscheinlich hübsche Tasche. Selbst heute bei meinem warmen Tee kann ich sie nicht richtig beschreiben, weil sie einem förmlich den Atem raubt, das Gehirn leerfegt und man sich vorkommt als wäre man in einem Vakuum gefangen.
- Schöne Tasche, sagte ich.
- Danke, hab ich selbst gemacht.
- Echt?
- Nicht echt, sondern wirklich, antwortete sie und versteckte sich wieder in ihr Schweigen.
- Bist du Designerin?
- Nö? Nur weil ich mir eine Tasche selbst schneidere, bin ich doch nicht automatisch eine Designerin. Oder ist das auch wieder so eine Theorie von dem Barmann?
Barkeeper oder Barmade hieß das, hätte ich am liebsten gesagt, hielt aber meine Klappe. Harry würde sauer werden, fuchtelnd mit den Armen wedeln, wenn er das gehört hätte. Reflexartig drehte ich mich um, um sicher zu gehen, dass er das nicht gehört hat.
- Ist was?
- Nichts, alles in Ordnung.
Sie stand immer noch genauso da, wie vor einigen Minuten. Am Nebentisch saßen zwei Mädels, die schon seit einiger Zeit wie zwei aufgescheuchte Hennen neugierig ihre Köpfe in unsere Richtung verdrehten.
- Gehören die zu dir? fragte ich.
- Nö, warum?
- Nur so.
- Ich bin allein unterwegs. Hab keine Freundinnen.
Da war ich baff. So eine Frau wie sie sollte keine Freundinnen haben. Na, wenn das mal nicht ein übler Trick war, der bei mir Mitleid erregen sollte.
- Gar keine? fragte ich nach.
- Gar keine.
- Versteh ich nicht. Du musst doch irgendwelche Freundinnen haben.
- Nö.
Dass sie erneut schwieg, muss ich wohl nicht mehr erwähnen. Das war mir zu doof. Ich stand auf und schob meinen Stuhl weg.
- Wo willst du hin?
- Kurz zu Harry. Passt du auf meine Tasche auf?
- Ja.
Sie setzte sich nicht, blieb weiter an der gleichen Position stehen und guckte mich an. Ich ging schnell aus ihrem Sichtfeld und geradewegs zu Harry.
- Hey, alter Hund, schon ausgetrunken?
- Nenn mich nicht alter Hund, das hab…
- … ich dir schon tausendmal gesagt, ich weiß. Also was kann ich dir Gutes tun?
- Gib mir doch bitte mal eine von deinen entzückenden Streichholzschachteln!
- Wieso denn das? Du rauchst doch nicht mehr.
- Ja, ich nicht, aber das Mädel da draußen möchte gern.
- Kann sie die sich nicht selbst holen?
- Ich weiß es nicht. Hab sie nicht gefragt.
- Und warum kommst du dann rein? Ziehst du den Schwanz ein oder möchtest Eindruck hinterlassen? He?
Harry reckte seinen Hals und schaute nach der Unbekannten. Die stand immer noch an gleicher Stelle als wäre sie festgewachsen. Sie sah tatsächlich aus wie eine Statue, der der Bar gleich ein anderes Bild verlieh.
- Tolles Ding, zumindest, das, was ich sehe.
- Mhm, sagte ich.
- Die sieht aus, als könnte sie mich selbst fragen.
- Was soll das bitte schön heißen?
- Das, was ich eben gesagt habe, wenn sie eine Streichholzschachtel von mir haben will, dann soll sie mich schon selbst fragen.
- Harry, ne, das ist doch jetzt nicht dein Ernst.
- Doch.
Ich stöhnte.
- Und, sonst noch was?
- Dann gib mir was für sie zu trinken. Sieht ja sonst megabescheuert aus, wenn ich mit leeren Händen wieder herauskomme.
- Gern! Was darf es denn sein?
- Kein Ahnung, du bist der Profi hier. Was würde deiner Meinung nach so eine Frau trinken?
- Warte mal.
Jetzt erstarrte Harry. Das machte er jedesmal. Es schien, als würde sein Geist aus ihm herausfliegen und seinen Körper allein zurück lassen, während seine Seele in die Seele des Gastes schlich, um im Innersten nach der richtigen Antwort zu suchen. Erst, wenn er das richtige Puzzleteil gefunden hatte, so schien es für alle Außenstehende, war er wieder ganz er selbst, griff automatisch nach seinem Werkzeug und kreierte wunderbare Getränke, die es nur hier gab. Es klang kosmisch, funktionierte jedoch immer. Deshalb war er so beliebt und natürlich wegen seinen dämlichen Streichholzschachteln. Es klirrte und knackte, es patsche und floss und im Nullkommanix hielt er mir ein gefülltes Glas hin, eine farbliche Mischung aus blauen Himmel und einem satten Rasen.
- Wasn das?
- Frag nicht. Gib mir 5 €.
- Schreibs auf, habe meine Tasche draußen.
- Bei der Fremden?
- Ja.
- Du bist ja mutig.
- Solchen Frauen kann man vertrauen.
Bevor Harry antworten konnte, war ich schon draußen.
- Hier für dich.
- Oh danke, das kann ich nicht annehmen. Wieso steh ich hier eigentlich noch? Ich hätte schon längst weg sein müssen.
- Manchmal passieren eben Dinge im Leben, die man nicht erklären kann.
- Bei dir vielleicht, aber nicht bei mir.
Sprachs und war weg. Ich konnte gar nicht so schnell antworten, ruderte schon mit meiner Zunge, die leicht benebelt zwischen Gaumen und den Schneidezähnen herumeierte. Als ich ihn endlich gefunden hatte, den Satz, der mich retten und sie aufhalten sollte, sah ich nur noch ihren Schatten im Mondlicht, zurück blieb ein runder Kreis auf meinem Tisch, so funkelnd rot wie ein glückliches Herz. Ich setzte mich also hin und versuchte es nun auch mit dem Schweigen.

Die Stadt ist erschöpft und erholt sich müde im warmen Bad der Sonne. Die letzten Stunden waren ihr eindeutig zu schwer, zu laut, zu schmutzig und unruhig. Normalerweise kennt sie es anders. Sicherlich ist es oft laut hier und dreckig sowieso, aber selten vibriert es in ihr wie am 1. Mai. Genau so muss es sich anfühlen, wenn sich Frauen im Endstadium ihrer Schwangerschaft befinden, denkt sie. Der Tag der Arbeit – steht neben der 1. Der Tag der Revolte möchte sie lieber dagegen setzen. Der Zorn der Menschen sitzt an dem Tag überall, in den Schornsteinen, auf den Dächern, zwischen den blühenden Kirschblüten, in den Poritzen der jungen Mädchen und zwischen den Bärten der weisen Männer, auch in einem Rülpser eines Biertrinkers, der murmelnd an der S-Bahn-Haltestelle kraftvoll sein Transparent in die Luft schwengt.”Faire Löhne für alle” steht drauf in roten Lettern geschrieben. Das Blaulicht ist an diesem Tag von morgens bis in die Nacht im Dauereinsatz und raubt den singenden Vögeln ihre Lieder. Die Amsel senkt traurig ihr Haupt und schaut wütend den leuchtenden Fahrzeugen hinterher, denn allein fahren sie an Tagen wie diesen nie, ständig in langen Karawanen wie in der Wüste, nur dass Kamele wesentlich stiller sind als die blauen Hüte auf deren Dächern. Und in alldem Chaos taucht plötzlich ein Mädchen auf, das vielleicht zehn Jahre alt ist. Seine Haare wehen aufgeregt im Wind und verdecken ihm oft die Sicht, was es aber nicht stört, denn mit einer Leichtigkeit streicht es die Strähnchen weg. Ein Mädchen wie all die anderen, doch irgendetwas an ihr ist anders, das merkt der Passant schnell und dreht sich um. Ist es das Lachen? Sind es die großen Schuhe, die eher ein Erwachsener tragen sollte? Ist es die Katze, die sie mit sich führt? Man weiß es nicht so exakt, aber es tut trotzdem gut, solch ein Wesen an diesen erhitzten Momenten zu sehen, dass selbst die Stadt lächelt und für Sekunden den ganzen Stress vergisst. Da tanzt etwas Zauberhaftes auf dem erschöpften Asphalt und es scheint, als sei das Mädchen eine Fee, die aus einem Märchenbuch entlaufen ist. Wenn man sich ein zweites Mal umdreht, ist es verschwunden. Als hätte eine starke Böe es weggepustet oder die Märchenwelt wieder ihre Ansprüche geltend gemacht. Vielleicht ist das Mädchen auch nur da, um die Menschen anzuhalten, sie durchatmen zu lassen und die Kleinigkeiten um sich herum wieder wahrzunehmen, ihnen ein gutes Gefühl zu schenken und ihre Gesichter mit einem Lächeln anzumalen. Vielleicht, aber nur vielleicht, es könnte auch einen anderen Zweck haben oder eben gar keinen Zweck, schließlich muss das Leben ja nicht immer mit Sinn gefüllt sein. Manche Dinge oder Wesen umschmeicheln die Menschen zu gern, überraschen sie und erinnern sie daran, dass es schön ist, auf dem unruhigen Erdball zu leben. Das ist doch auch ein Sinn, werden die ersten Gemüter rufen. Natürlich. Aber ein schmeichelnder Sinn ohne Fragezeichen und Stolpersteine, nach denen man nicht angestrengt suchen mussen, ohne Stöhnen und Jappsen, ohne Pfeifen und Tränen. Einfach da, hier und jetzt, nicht woanders, um die müde Stadt in die Arme zu schließen, denn der nächste 1. Mai in Berlin kommt bestimmt.

Als sie aufwachte, dachte sie, sie sei tot oder irgendwo ganz anders, nur
nicht hier auf der Erde. Die Sonne schien frech ins Zimmer und strahlte
die Wand dabei so weiß an, dass sie beinah aussah wie eine nicht endenwollende Schneelandschaft im winterlichen Sibirien. Durch das Fenster hörte sie Stimmen aufgeweckter Kinder, von weit her die Sirene eines Schiffes auf dem Fluss und aufgeregte Vögel im Balz-Tanz des Frühjahrs. Leben um sie herum, nur sie war eine leblose Masse. Ihr Körper fühlte sich zwischen den Kissen und Decken wie ein schwerer Klumpen an, den man vergessen hatte, wegzuräumen. Sicherlich wäre sie noch lange so liegengeblieben, hätte den Geräuschen von draußen gelauscht, die Wanderung der Sonne mit wachem Auge beobachtet bis sie am Abend mit dem Mond getauscht hätte, nur dummerweise ging das nicht, weil ihre Blase drückte. Zuerst bewegte sie vorsichtig den Zeh, ja er reagierte und malte Kreise am Bettrand, dann den rechten Fuß und dann das rechte Bein. Starre adé rief sie aufgeweckt und erfreute sich als hätte sie zum ersten Mal ein Wort gesprochen. Nun das war ja auch lange her, dass sie geredet hatte, zu bleiend hing ihre Zunge in den vergangenen Tagen zwischen ihren Zähnen und war einzig dazu in der Lage, den Geschmack von Brotkrümeln und Tee zu unterscheiden. Alles andere schien ihr zu anstrengend, müßig, nervenaufreibend, energieverschwendend, denn sie wollte und brauchte eins: Zeit. Beinah hätte sie vergessen, wie sie das Wort überhaupt schreibt, wenn sie nicht eines Nachts von dem rasenden Zug abgesprungen wäre, atemlos, wollte nicht mehr, konnte nicht mehr, hatte die Schnauze voll vom Eilen, Eilen und nochmals Eilen. Sie lächelte, als sie an den wunderbaren Spruch ihrer Freundin dachte: Ich eile, eile und bin doch zu spät. Genauso. Kein Stückchen anders. Zu schnell und oberflächlich. Genauso. Sah sie aus. Strohige, unordentliche Haare, abgebrochene Fingernägel, Wühlmäuse im Bauchnabel, Haare an den Beinen, unter den Achseln, Krümel auf dem Sofa, tiefe Augenringe. Das Geschirr stapelte sich in der Spüle, erste Fliegen hatten sich schon dazwischen gesetzt, doch das schien ihr erst einmal egal, vorerst dachte sie an sich und die große Sehnsucht nach einem tiefen Schlaf und Träume, die sie wieder beleben würden, denn träumen konnte sie wie eine Weltmeisterin. Ihre Mutter hatte ihr schon damals gesagt, als sie noch klein gewesen war, sie solle sich alles aufschreiben, was sie Nacht für Nacht träume, aber dafür war sie damals zu faul und heute hatte sie keine Zeit. Sie könnte es ja mal versuchen und ihrem Chef sagen: „Sorry, dass ich heute zu spät gekommen bin, doch ich musste noch dringend meine Träume aufschreiben.“ Der würde sie achtkantig rauswerfen und hinterher sagen: „So, nun hast du mehr Zeit zum Aufschreiben.“ Ja, aber warum eigentlich nicht? Was hinderte sie daran, auszusteigen? Den ersten Schritt hatte sie ja schon geschafft und das, obwohl sie erst eine Heidenangst davor gehabt hatte, fast daran erstickt wäre, so groß saß ihr die Angst im Nacken und kraulte sie in unregelmäßigen Zügen wie ein gefährlicher Liebhaber, der wusste, dass er mit ihr spielen, tun und lassen konnte, was er wollte. Gehen lassen. Das kam nicht in Frage, ein Killerwort aus Kindertagen, das sie zutiefst hasste und gleichzeitig vergötterte. Unreifes Geschöpf, du, hörte sie ihn hämisch lachen.
Nun lag sie immer noch im Bett und zappelte mit den Beinen wie ein Käfer, den man auf den Rücken geworfen hatte, ihre Blase wurde aufdringlicher, so sehr, dass es zwickte. Die Sonne war in der Zwischenzeit gewandert und hatte eine kleine Matschlandschaft an den Wänden hinterlassen. Die Kinder waren auch längst verschwunden, wahrscheinlich saßen sie bereits am gedeckten Abendbrottisch und schimpften mit ihrer Mutter, dass sie die Paprika nicht essen, weil sie die nicht mögen. „Mama, das habe ich dir doch schon so oft gesagt!“ Die erschöpfte Mutter würde wutentbrannt an ihrem erhitzten Kopf fassen, kurz hinausgucken oder gar nicht erst und gleich losbrüllen oder gar nicht losbrüllen und sanft sagen: „Verzeih, mein Liebes, das habe ich vergessen.“ Unterwürfige Mütter. Gibt es die eigentlich? Oder müssen sich Kinder schon im frühen Alter an das schnelle Rad der Zeit gewöhnen, kämen gar nicht zum nächsten Atemzug und würden einfach alles stehen lassen? Sie wusste es nicht und es war ihr auch egal, weil sie dringend pinkeln musste. Da half nun nichts. Also stand sie auf und bewegte sich wie eine alte Frau unsicher auf den Beinen ins Bad. Das Licht ließ sie lieber aus, denn den Anblick konnte sie nicht ertragen, noch nicht, bald schon, keine Frage, aber bitte nicht jetzt. Dazu war der Ekel zu groß, ihr kam es so vor als verfolge sie nicht der eigene Schatten, sondern eine fette, ölige Schleimspur. Aber, aber, dachte sie laut, auch solche Tage musste es geben, das hatte sie in den letzten Wochen und Monaten vollkommen vergessen wie sich selbst. Sie dachte, sie wäre stark wie ihre Freundin, die immer noch überall auf jeder Hochzeit mittanzen könne, jede Minute des Tages verplant für irgendwas, ruheloses Umherlaufen, nur nicht Anhalten. Anfangs fand sie es sehr aufregend als hätte sie ihren ersten Kuss bekommen, schmeckte zum ersten Mal eine fremde Zunge in ihrem Mund und wurde hungrig nach mehr, weil ihr all das ein Gefühl von Wichtigkeit verlieh. Sie war ein Mädchen, das stets jemanden kannte und beliebt war. Was du kommst nicht? Spätestens dann gähnte sie ihre Müdigkeit weg, schmiss sich in ein nettes Kleidchen und verließ ihre unaufgeräumte Wohnung, übersah die hängenden Köpfe der Blumen und überhörte die kleinen Alarmglocken in ihrem Ohr. Jung, ich bin noch jung und kann es mir leisten. Die anderen machen es doch auch, nur dass die anderen nicht sie waren, sondern die anderen und genau das konnte oder wollte sie nicht sehen. Lief, lief, lief bis ihr selbst fast schwindelig wurde. Doch auch da stellte sie weiterhin auf Durchzug. Sie übersah weiter, auch dass ihre geliebte Gitarre eine dicke Staubschicht zwischen den Saiten hatte, dass ihre Bücher die Seiten weinen ließen, weil sie sie so vermissten, ihre zärtlichen Hände, die mindestens zweimal am Tag durch ihre Buchstaben strichen. Und Kermit, der Schwimmfrosch, im Bad verlor immer mehr an Farbe und wurde sogar stimmlos, weil die Badewanne leer und kalt blieb. All das sah sie nicht im Eifer ihrer Ruhelosigkeit.
Es ist schon erstaunlich, wie blind Menschen in der Eile werden können, wie viel sie an Sinn und Wahrnehmung verlieren, wie oberflächlich sie werden. Es scheint so, als würde die Hektik etwas klauen, in einer Nacht- und Nebelaktion, kommt sie daher mit einem Koffer und Kescher und stiehlt den schlafenden Menschen etwas sehr Wichtiges, das sie zunächst gar nicht merken und weiter in ihrem eigenen Kosmos leben. Der Diebstahl macht sich nur stückchenweise bemerkbar, genau das ist das Fatale, so klein und gefährlich, dass ihnen der Verlust nicht auffällt. Eine tickende Zeitbombe, die keine Zeit kennt. Bewusst wird es ihnen erst viel später, Monate liegen dazwischen, manchmal auch Jahre, doch sie merken es, irgendwann. Oftmals an ungünstigen Momenten, auf einer Party beispielsweise oder bei einem Geschäftsessen. Der Schmerz ist laut und aufdringlich, dass man sogar Heidenangst überspringen kann. Warum habe ich es nicht früher gemerkt, fragte sie sich und schaute aus dem Fenster? Der Raum blieb still. Keine Antwort, wäre auch zu viel des Guten gewesen. Sie knabberte an einer Salzstange und fühlte langsam wie sich die tauben Stellen ihres Körpers wieder mit Leben füllten, hörte ihr Blut rauschen, von dem sie dachte, es sei zu Eis erstarrt. Erst jetzt nahm sie das ganze Chaos in ihrer Wohnung wahr, war erschrocken und hielt sich die Hände vor dem Mund. Das passiert wirklich, sie wollte es bis heute nicht glauben, dachte so etwas gibt es nur in düsteren Filmen. Jetzt war sie selbst ein Schattenkind geworden, nicht das, sondern ein schleimiges Schattenkind, das nur glucksen konnte. Das Sprechen fiel ihr nach ersten Versuchen immer noch schwer, also steckte sie das Telefon nicht zurück in die Auflade und ließ ihr Handy im schweigendem Off. Wer jetzt die meiste Kraft hatte, das hatte sie vorhin schon gespürt, waren ihre Arme und die Finger, die hektisch in die Luft griffen, auf der Suche nach Halt und Schwung, folgte ihnen untergeben, griff mechanisch wie ein Robotermädchen nach ihrer eingestaubten Gitarre, stimmte zärtlich die Saiten und begann ihr Lieblingslied zu spielen, das sie zurück in eine Welt brachte, wo es noch keine Zeit gab und sie ganz bei sich war.

Das Paradies sieht anders aus. Das weiß der Leser schon nach der ersten Seite und folgt der Geschichte auf leisen Sohlen, in der Hoffnung viellicht doch irgendwo ein Stück vom Paradies zu finden.

Wie eine fleißige Spinne hat die israelische Autorin, Yael Hedaya, ein Netz um die Einzelschicksale der Menschen gewoben, die in der Siedlung Eden, vor den Toren Tel Avivs leben. Psychologisch und sensibel gibt sie jedem Protagonisten die richtige Stimme, malt das Bild so authentisch, dass man nicht das Gefühl hat, dies sei irgendein Roman, sondern viel mehr eine spannende Reportage, eine Nahaufnahme, über Menschen wie du und ich, die eigene Sehnsüchte, Träume haben und dennoch nicht vom Schicksal verschont bleiben. Yael Hedaya schreibt dabei ohne große Absätze, reiht die Geschichten aneinander und addiert alles zu einem großartigen Roman.

Da wären einmal Mark und Alona, noch verheiratet, leben getrennt und sind Eltern von zwei Kindern. So ganz ohne können sie nicht auskommen, aber als Ehepaar funktionieren sie nicht mehr. Es fehlt ein Dazwischen, doch das will sich nicht so einfach einstellen. Ronny, die frühreife Tochter aus Marks erster Ehe, verliebt sich in ältere Männer, vor allen in den jungen Schriftsteller, Uri, den Alona als Lektorin betreut. Und dann ist auch noch Eli, mit dem sie eine Affäre hat. Eli wiederum ist verzweifelt, ein ehemaliger Yuppie, mittlerweile Rechtsanwalt und versucht mit seiner Frau, Dafna, seit sieben Jahren eigene Kinder zu zeugen, was einfach nicht gelingen will, trotz etlicher medizinischer Befruchtungsversuche.

Der Autorin berichtet mit einem geschulten psychologischen Auge über die seelischen Abgründe der Menschen – fesselnd und fantasievoll. Sie nimmt kein Blatt vor dem Mund und schreibt lieber über Ficks statt über Liebe machen. Wie Zeruya Shalev gelingt es ihr mit einer leichten Radikalität feinfühlig zu bleiben, aber nicht zu emotional zu werden. Und neben all den Beziehungsgeflechten zeichnet sie obendrein das Bild von einem zerrütteten Land, das nie zur Ruhe kommen will.

eden

Eden
Yael Hedaya
Januar 2009
Diogenes Verlag, 24.90 €

Das ist mein großes Ziel. Es ist schon sehr lange bei mir, länger als üblich. Normalerweise taucht so ein Vorhaben in einer Nacht- und Nebelaktion auf, bleibt bei mir, rüttelt mich wach und ich rede mit ihm. Das war es dann. Es ist schneller weg als ich sprechen kann. Doch mit der Gelassenheit ist es dieses Mal anders. Sie erscheint mir allmählich wie eine Heilige aus einem fernen Land. Vielleicht, weil mein Unterbewusstsein weiß, dass dort der Schlüssel für so Vieles liegt. Zum ersten Mal habe ich einen Namen für ein Kind und halte daran fest, lasse es nicht einfach davon ziehen.

Kürzlich habe ich dazu in einem schlauen Buch gelesen, dass vor allem sensible, emotionale oder perfektionistisch veranlagte Menschen, dazu neigen würden, eher auszurasten als andere. Volltreffer, denn das sind ja alles meine Eigenschaften.
Mit Erkenntnissen verhält es sich nur blöderweise oft so, dass sie einen zunächst beflügeln, wenn sie sich taufrisch in unseren Geist gesetzt haben. Dort hocken sie und warten, warten bis wir selbst aktiv werden. Doch wie krempelt man das alte Verhalten um? Immerhin funktionieren unsere Nervenbahnen wie Autobahnen, die wir ständig befahren, jahrelang schon. Wir kennen die Beschaffenheit des Bodens, die Breite der Bahnen und im Grunde haben sie uns ja nie wehgetan, aber an einem bestimmten Punkt beginnen sie holprig zu werden, erzeugen kleine Risse durch die ungebetene Gäste hindurch schlüpfen.

So wachen wir eines Morgens auf und fühlen uns mit denen da oben so nicht mehr wohl, weil sie uns mehr behindern als fördern. Genau das ist der Zeitpunkt der großen Erkenntnis. Die an für sich eine prima Sache ist, weil sie einzigartig ist, so ehrlich, wahrhaftig, dass sie schmerzen kann wie helles Sonnenlicht, das ungeschützt in unsere Augen dringt. Schließlich sitzen wir mit den Kratern an maroden Autobahnen und wissen, dass es Zeit ist, sie in saubere, gut funktionierende Schnellstraßen umzuwandeln. An dem Punkt harkt es gewaltig, da etliche Widerstände auf uns einschießen als wären wir Eindringlinge. In gewisser Weise sind wir das ja auch. Wir wollen Macht, unsere Macht, für eine gute Fahrt zurückhaben. Schaben mit Schaufeln das Ungeziefer weg. Aber Vorsicht: Autobahnen sind stärker als man zunächst annimmt.

Häufig übernehmen wir uns auch. Wir wollen mehr Straßen umbauen, als uns das Budget überhaupt erlaubt und so verzetteln wir uns in uns selbst und werden zu kleinen Wollknäulen. Hier gilt das oberste Prinzip: Ruhe bewahren. Runter vom Gas. Blick in den Seitenspiegel. Blick in den Rückspiegel. Wir atmen noch und können sehen. Also, alles nicht so schlimm.

Wer uns sensiblen Menschen zu schnell in die Quere kommt, sind eindeutig die Gefühle. Die killen alles, jegliche Gedanken oder Lösungsansätze, die sich nach vorne richten. Aufhalten können wir sie nicht, dafür haben wir einfach zu viele. Dennoch ist die Situation nicht ausweglos. Lasst sie uns in die Enge treiben mit Fragen.
Warum seid ihr da?
Warum rege ich mich gerade auf?
Wie kann ich euch besänftigen?
Was kann ich ändern?
Betrifft mich das gerade wirklich oder geht es nur um eine Sache?
Ist das wirklich persönlich gegen mich gerichtet? (Denn die meisten Ausbrüche entstehen, weil wir uns verletzt fühlen, was jedoch nicht oft der Fall ist.)

Und so habe ich eine kleine Frageschichtmauer um mich herum gebaut. Es ist immer das gleiche Spiel. Zu erst krallen mich die Gefühle, als nächstes greife ich meine Waffe und mache sie mit Fragen platt, bis sie irgendwann nur noch Wesen sind, die in Reagenzgläser passen. Derzeit ist noch alles frisch und ich freue mich wie ein Schulkind, das soeben die ersten Zeilen selbstständig gelesen hat. Meine Erfahrung lehrt mich jedoch, dass es auch wieder Rückfälle geben kann, die mich auf meine kaputten Autobahnen werfen können. Was mache ich dann? Genau dann denke ich an das, was ich heute habe und dass es auch anders gehen kann als wie ein passives Autowrack im eigenen Saft zu schmorren.

Meiner geliebten Micah, deren Grübchen ich sah, als wir aneinander vorbeifuhren, ich unterwegs von der Arbeit, sie unterwegs zur Arbeit. Ich war wegen eines Vorfalls auf der Arbeit aufgebracht, doch Micahs Lächeln löschte das aus. Ich wünsche, jeder könnte diesen einen Menschen finden, der alle anderen wettmacht.

Diese reizende Widmung findet man auf der ersten Seite des neuen Roman von dem jungen Joey Goebel. Ich kann es nicht beweisen und dennoch denke ich, dass diese einleitenden Worte es waren, die mich das Buch nicht mehr aus der Hand legen ließen oder mich gerade deshalb in das dicke Werk hineinlockten.
„Heartland“ ist auf dem ersten Blick eine andere Geschichte als wie wir sie bisher von dem 29-Jährigen kannten. In seinen früheren Werken „ Vincent“ und „Freaks“ standen überwiegend Menschen, meist skurrille und Außenseiter, im Vordergrund. Nun hat sich Joey Goebel dazu noch aus dem Topf der Familie, der Politik, der Liebe und des American Way of Life bedient. Herausgekommen ist ein Familienepos, Polit-Roman und eine Liebesgeschichte auf satten 700 Seiten. Vertreter kurzer Romane werden nach den ersten 200 Seiten aufgeben, doch Liebhaber von dicken Büchern, wie etwa ausdauernde Irving-Leser kommen, dann erst so richtig in Fahrt.

Der Autor erzählt die Geschichte einer wohlhabenden Familie, die Mapothers, in Amerika. Henrys ältester Sohn, John, will es in der Politik versuchen und wirbelt mächtig in der Wahlkampftrommel, während der jüngere, Blue Gene, anfangs skeptisch, später enthusiatisch, ihm dabei tatkräftig unterstützt. Bis zu dem einen Tag, in dem der junge Mapother mehr erfährt, als er eigentlich wissen sollte.

Blue Gene. Einer der Hauptakteure in der Geschichte ist schon ein komischer Kauz.

Tagein, tagaus umgab ihn eine Wolke der Unzufriedenheit, änhlich dem Gefühl, das man verspürt, wenn man aus dem Dunkel eines Kinos in das ernüchternde Tageslicht tritt, wo alles noch genauso ist wie vor dem Kinobesuch. Nur das Blue Gene Mapother dieses Gefühl nie abschütteln konnte.

Er lässt sich gehen, hat eine Vokuhila sowie einen Schnauzbart, trägt am liebsten Muskelshirts und liebt das Wrestling. Melancholiker und Außenseiter sind ja bekanntlich Goebels liebstes Spielzeug in seinen Romanen. Auch dieses Mal versieht er seine Protagonisten mit der dunklen Schwere, die man sonst nur aus schwarzen, mondlosen Nächten kennt.
Der Leser ahnt schon von Blue Genes Schicksal und möchte den Jungen am liebsten links und rechts eine scheuern, weil er nur 50% von dem gibt, was er wirklich kann. Und doch lieben wir ihn auf Anhieb, weil er so ehrlich und menschlich ist. Besonders sieht man das, wie er mit seinem Neffen umgeht, auf gleicher Augenhöhe und respektvoll, was man von seinem Erscheinungsbild zunächst nicht erwartet hat. Blue Gene ist eben jemand, der sich noch nicht gefunden hat und bis dahin, Menschen, die ihm lieb sind, mit der Liebe versieht, für die er bei sich noch keine Verwendung hat.
Dennoch ist es nicht nur der ungeschickte Blue Genes, der humpelnd durchs Leben läuft, auch sein Bruder, John, hat einige Leichen im Keller, ist geplagt von Versagensängsten, den hohen Anforderungen seiner Eltern und Familie. Er versucht diese Geister mit diesem typischen künstlichen Lächeln, das wir aus schlecht gemachten Zahnpastawerbespots kennen, zu übermalen. Doch Goebels Leser sind zu clever, um darauf reinzufallen.

Das Buch ist ein oppulentes Werk, das sich erst im Laufe der Zeit entfaltet. Action steht hier nicht an oberster Stelle, sondern viel mehr die Auseinandersetzung mit den kleinen erfreulichen oder weniger erfreulichen Begebenheiten des Lebens. Dank Goebels witziger Schreibe bleibt der Geist selbst an einigen langatmigen Seiten hellwach. Ich finde, es ist ein gelungener Roman, einer der besten, der mir in diesem Frühjahr bei den Neuerscheinungen unter die Augen gekommen ist.

heartland

Joey Goebel
Heartland
März 2009
Diogenes Verlag, 22.90 €

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