Als sie aufwachte, dachte sie, sie sei tot oder irgendwo ganz anders, nur
nicht hier auf der Erde. Die Sonne schien frech ins Zimmer und strahlte
die Wand dabei so weiß an, dass sie beinah aussah wie eine nicht endenwollende Schneelandschaft im winterlichen Sibirien. Durch das Fenster hörte sie Stimmen aufgeweckter Kinder, von weit her die Sirene eines Schiffes auf dem Fluss und aufgeregte Vögel im Balz-Tanz des Frühjahrs. Leben um sie herum, nur sie war eine leblose Masse. Ihr Körper fühlte sich zwischen den Kissen und Decken wie ein schwerer Klumpen an, den man vergessen hatte, wegzuräumen. Sicherlich wäre sie noch lange so liegengeblieben, hätte den Geräuschen von draußen gelauscht, die Wanderung der Sonne mit wachem Auge beobachtet bis sie am Abend mit dem Mond getauscht hätte, nur dummerweise ging das nicht, weil ihre Blase drückte. Zuerst bewegte sie vorsichtig den Zeh, ja er reagierte und malte Kreise am Bettrand, dann den rechten Fuß und dann das rechte Bein. Starre adé rief sie aufgeweckt und erfreute sich als hätte sie zum ersten Mal ein Wort gesprochen. Nun das war ja auch lange her, dass sie geredet hatte, zu bleiend hing ihre Zunge in den vergangenen Tagen zwischen ihren Zähnen und war einzig dazu in der Lage, den Geschmack von Brotkrümeln und Tee zu unterscheiden. Alles andere schien ihr zu anstrengend, müßig, nervenaufreibend, energieverschwendend, denn sie wollte und brauchte eins: Zeit. Beinah hätte sie vergessen, wie sie das Wort überhaupt schreibt, wenn sie nicht eines Nachts von dem rasenden Zug abgesprungen wäre, atemlos, wollte nicht mehr, konnte nicht mehr, hatte die Schnauze voll vom Eilen, Eilen und nochmals Eilen. Sie lächelte, als sie an den wunderbaren Spruch ihrer Freundin dachte: Ich eile, eile und bin doch zu spät. Genauso. Kein Stückchen anders. Zu schnell und oberflächlich. Genauso. Sah sie aus. Strohige, unordentliche Haare, abgebrochene Fingernägel, Wühlmäuse im Bauchnabel, Haare an den Beinen, unter den Achseln, Krümel auf dem Sofa, tiefe Augenringe. Das Geschirr stapelte sich in der Spüle, erste Fliegen hatten sich schon dazwischen gesetzt, doch das schien ihr erst einmal egal, vorerst dachte sie an sich und die große Sehnsucht nach einem tiefen Schlaf und Träume, die sie wieder beleben würden, denn träumen konnte sie wie eine Weltmeisterin. Ihre Mutter hatte ihr schon damals gesagt, als sie noch klein gewesen war, sie solle sich alles aufschreiben, was sie Nacht für Nacht träume, aber dafür war sie damals zu faul und heute hatte sie keine Zeit. Sie könnte es ja mal versuchen und ihrem Chef sagen: „Sorry, dass ich heute zu spät gekommen bin, doch ich musste noch dringend meine Träume aufschreiben.“ Der würde sie achtkantig rauswerfen und hinterher sagen: „So, nun hast du mehr Zeit zum Aufschreiben.“ Ja, aber warum eigentlich nicht? Was hinderte sie daran, auszusteigen? Den ersten Schritt hatte sie ja schon geschafft und das, obwohl sie erst eine Heidenangst davor gehabt hatte, fast daran erstickt wäre, so groß saß ihr die Angst im Nacken und kraulte sie in unregelmäßigen Zügen wie ein gefährlicher Liebhaber, der wusste, dass er mit ihr spielen, tun und lassen konnte, was er wollte. Gehen lassen. Das kam nicht in Frage, ein Killerwort aus Kindertagen, das sie zutiefst hasste und gleichzeitig vergötterte. Unreifes Geschöpf, du, hörte sie ihn hämisch lachen.
Nun lag sie immer noch im Bett und zappelte mit den Beinen wie ein Käfer, den man auf den Rücken geworfen hatte, ihre Blase wurde aufdringlicher, so sehr, dass es zwickte. Die Sonne war in der Zwischenzeit gewandert und hatte eine kleine Matschlandschaft an den Wänden hinterlassen. Die Kinder waren auch längst verschwunden, wahrscheinlich saßen sie bereits am gedeckten Abendbrottisch und schimpften mit ihrer Mutter, dass sie die Paprika nicht essen, weil sie die nicht mögen. „Mama, das habe ich dir doch schon so oft gesagt!“ Die erschöpfte Mutter würde wutentbrannt an ihrem erhitzten Kopf fassen, kurz hinausgucken oder gar nicht erst und gleich losbrüllen oder gar nicht losbrüllen und sanft sagen: „Verzeih, mein Liebes, das habe ich vergessen.“ Unterwürfige Mütter. Gibt es die eigentlich? Oder müssen sich Kinder schon im frühen Alter an das schnelle Rad der Zeit gewöhnen, kämen gar nicht zum nächsten Atemzug und würden einfach alles stehen lassen? Sie wusste es nicht und es war ihr auch egal, weil sie dringend pinkeln musste. Da half nun nichts. Also stand sie auf und bewegte sich wie eine alte Frau unsicher auf den Beinen ins Bad. Das Licht ließ sie lieber aus, denn den Anblick konnte sie nicht ertragen, noch nicht, bald schon, keine Frage, aber bitte nicht jetzt. Dazu war der Ekel zu groß, ihr kam es so vor als verfolge sie nicht der eigene Schatten, sondern eine fette, ölige Schleimspur. Aber, aber, dachte sie laut, auch solche Tage musste es geben, das hatte sie in den letzten Wochen und Monaten vollkommen vergessen wie sich selbst. Sie dachte, sie wäre stark wie ihre Freundin, die immer noch überall auf jeder Hochzeit mittanzen könne, jede Minute des Tages verplant für irgendwas, ruheloses Umherlaufen, nur nicht Anhalten. Anfangs fand sie es sehr aufregend als hätte sie ihren ersten Kuss bekommen, schmeckte zum ersten Mal eine fremde Zunge in ihrem Mund und wurde hungrig nach mehr, weil ihr all das ein Gefühl von Wichtigkeit verlieh. Sie war ein Mädchen, das stets jemanden kannte und beliebt war. Was du kommst nicht? Spätestens dann gähnte sie ihre Müdigkeit weg, schmiss sich in ein nettes Kleidchen und verließ ihre unaufgeräumte Wohnung, übersah die hängenden Köpfe der Blumen und überhörte die kleinen Alarmglocken in ihrem Ohr. Jung, ich bin noch jung und kann es mir leisten. Die anderen machen es doch auch, nur dass die anderen nicht sie waren, sondern die anderen und genau das konnte oder wollte sie nicht sehen. Lief, lief, lief bis ihr selbst fast schwindelig wurde. Doch auch da stellte sie weiterhin auf Durchzug. Sie übersah weiter, auch dass ihre geliebte Gitarre eine dicke Staubschicht zwischen den Saiten hatte, dass ihre Bücher die Seiten weinen ließen, weil sie sie so vermissten, ihre zärtlichen Hände, die mindestens zweimal am Tag durch ihre Buchstaben strichen. Und Kermit, der Schwimmfrosch, im Bad verlor immer mehr an Farbe und wurde sogar stimmlos, weil die Badewanne leer und kalt blieb. All das sah sie nicht im Eifer ihrer Ruhelosigkeit.
Es ist schon erstaunlich, wie blind Menschen in der Eile werden können, wie viel sie an Sinn und Wahrnehmung verlieren, wie oberflächlich sie werden. Es scheint so, als würde die Hektik etwas klauen, in einer Nacht- und Nebelaktion, kommt sie daher mit einem Koffer und Kescher und stiehlt den schlafenden Menschen etwas sehr Wichtiges, das sie zunächst gar nicht merken und weiter in ihrem eigenen Kosmos leben. Der Diebstahl macht sich nur stückchenweise bemerkbar, genau das ist das Fatale, so klein und gefährlich, dass ihnen der Verlust nicht auffällt. Eine tickende Zeitbombe, die keine Zeit kennt. Bewusst wird es ihnen erst viel später, Monate liegen dazwischen, manchmal auch Jahre, doch sie merken es, irgendwann. Oftmals an ungünstigen Momenten, auf einer Party beispielsweise oder bei einem Geschäftsessen. Der Schmerz ist laut und aufdringlich, dass man sogar Heidenangst überspringen kann. Warum habe ich es nicht früher gemerkt, fragte sie sich und schaute aus dem Fenster? Der Raum blieb still. Keine Antwort, wäre auch zu viel des Guten gewesen. Sie knabberte an einer Salzstange und fühlte langsam wie sich die tauben Stellen ihres Körpers wieder mit Leben füllten, hörte ihr Blut rauschen, von dem sie dachte, es sei zu Eis erstarrt. Erst jetzt nahm sie das ganze Chaos in ihrer Wohnung wahr, war erschrocken und hielt sich die Hände vor dem Mund. Das passiert wirklich, sie wollte es bis heute nicht glauben, dachte so etwas gibt es nur in düsteren Filmen. Jetzt war sie selbst ein Schattenkind geworden, nicht das, sondern ein schleimiges Schattenkind, das nur glucksen konnte. Das Sprechen fiel ihr nach ersten Versuchen immer noch schwer, also steckte sie das Telefon nicht zurück in die Auflade und ließ ihr Handy im schweigendem Off. Wer jetzt die meiste Kraft hatte, das hatte sie vorhin schon gespürt, waren ihre Arme und die Finger, die hektisch in die Luft griffen, auf der Suche nach Halt und Schwung, folgte ihnen untergeben, griff mechanisch wie ein Robotermädchen nach ihrer eingestaubten Gitarre, stimmte zärtlich die Saiten und begann ihr Lieblingslied zu spielen, das sie zurück in eine Welt brachte, wo es noch keine Zeit gab und sie ganz bei sich war.