Ich habe ein wirklich ernsthaftes Problem: In meinen Schuhen sitzt ein Sockenfresser. Das hat leider zur Folge, dass der Verschleiß an Strümpfen seit Monaten bei mir extrem angestiegen ist. Und es ist immer der gleiche Fuß und zwar der rechte. Anfangs dachte ich, meine Nägel seien zu groß, was bei mir aber nicht passieren kann, da ich sie mindestens einmal pro Woche schneide. Als nächstes dachte ich, es liegt vielleicht an dem Material und so habe ich mir der Probe halber teure Falke-Socken gekauft, doch Pustekuchen, es hörte einfach nicht auf. Zum Stopfen bin ich nicht geboren. Schon damals, als wir in der Schule das Fach Näharbeit hatten, bin ich jedes Mal dran verzweifelt. Wahrscheinlich habe ich wirklich zu lange Finger, wie meine Mutter oft behauptet. Also kaufte ich mir brav neue Socken, anstatt nach Nadel und Faden zu greifen. Pro Woche sieben Paar – weiter rechnen möchte allerdings nicht, da wird mir nur schlecht bei.Eine Freundin meinte, es würde eventuell mit meinem Gang zusammenhängen, dabei vergaß sie allerdings eines: dass ich schon seit Jahren Einlagen trage, weil ich Plattfüße erster Güte habe. Nein, zu eng sind meine Schuhe deswegen nicht, denn ich kaufe ja stets welche eine Nummer größer. Es muss an etwas Anderem liegen.
Als ich eines Nachts in die Küche ging, um mir Wasser zu holen, weil ich einen höllischen Durst verspürte, hörte ich plötzlich aus dem Reich der Schuhe ein äußerst seltsames Rascheln.
Hallo? rief ich in die Wohnung und kam mir ein wenig blöd dabei vor.
Keine Antwort.
Ein Atemzug später raschelte es erneut und ich fragte erneut:
Ist da jemand?
Nichts.
Also löschte ich das Licht und schlich in den Flur zu dem Ort, wo alle Schuhe fein säuberlich in Reih und Glied standen. Vielleicht hörte derjenige durch die Vibrationen meiner Füße, dass ich in Anmarsch war, denn es folgte ein kurzes Rumpeln und anschließend herrschte Ruhe. Es war so still, dass ich meinen eigenen Atem wahrnahm und erschrack über das leichte Hecheln, was aus meiner Kehle an die Oberfläche drang. Nichtsdestotrotz nahm ich mutig meine schönen Stiefel in die zitternden Hände, betrachtete sie skeptisch und drehte sie im Uhrzeigersinn einmal um die eigene Achse. Nichts passierte. Es kullerte kein Gegenstand oder Lebewesen auf den Boden. Als nächstes griff ich nach jeden anderen Schuh, inspizierte ihn akribisch wie eine Dedektivin: Die schwarzen, weißen und braunen Turnschuhe, die Sneaker, die Convers und zuletzt die schwarzen Stiefel. Meine Suche blieb leider erfolglos bis auf die eine Tatsache, die ich in meiner Gedankenlosigkeit beinah übersehen hätte: Alle Schuhe waren eiskalt wie purer Schnee, die ersten Stiefel jedoch fühlten sich so warm an als hätten sie in der Sommersonne auf dem glatten Asphalt gelegen. Ich berührte sie nochmals – das Glühen verschwand nicht.
Plötzlich vernahm ich ein entferntes Geräusch, was einem stillen Wispern ähnelte, das aus der Richtung des Schlafzimmers kam. Ehe ich begriff, stand auch schon mein Freund vor mir.
Was machst du hier mitten in der Nacht?
Ähm, ich habe Geräusche gehört.
Da dachtest du wohl, hier ist der Osterhase und versteckt seine Geschenke, sagte er lachend.
Ja, genau.
Jetzt im Januar, ja?
Na ja, es kann durchaus sein, dass er bei manchen eher kommt. Du weißt doch auch, Ostern ist dieses Jahr schon viel früher, ich glaube Mitte März und vielleicht…
Ach, hör bitte mit deiner blühenden Phantasie auf und komm zurück ins Bett. Es ist verdammt kalt hier.
Ich folgte ihm und kaum, dass ich aus dem Flur weg war, hörte ich ein schallendes Lachen.
Hörst du das auch? fragte ich ihn.
Was?
Das Lachen.
Nein, ach Süße, du hast wahrscheinlich schlecht geträumt.
(Wie ich es hasste, wenn er mich so nannte, das machte mich zu einem kleinen empfindsamen Wesen, das ich nicht mehr sein wollte. Aber ich sagte nie etwas darauf, wahrscheinlich brauchen Männer das Gefühl, jemanden beschützen zu wollen. Das gelang ihnen bei einer Süßen besser als bei einer großen starken Frau.)
Ich hatte meinem Freund von dem Sockenproblem nichts erzählt. Wir sind ja gerade mal vier Monate zusammen und haben gerade die ersten kritischen drei Test-Monate mit Bravour überstanden. Da kann ich doch nicht mit meinen Löchern kommen. Was soll er denn von mir denken? Ich habe mir seitdem immer angewöhnt, ein extra Paar Socken in meiner Tasche mitzunehmen. Andere verstecken dort ihr Make-up Täschchen und ich meine Strümpfe.
Werde ich gar paranoid oder schizophren? Erschöpft und aufgewühlt lehnte ich mich an seine Schulter und genoss den nächtlichen Anblick. Im silbernen Schein des Mondes sah sein Gesicht noch weicher aus als sonst am Tag, da überwog stets eine gewisse Härte, die ich sehr anziehend fand. Jetzt glich er mehr einen kleinen Jungen, der verletzlich war und nach der Hand seiner Mutter suchte. Seine Lippen erinnerten mich an ein Kissen, das mit roten Kirschen gefüllt war und an seine langen Wimpern wollte ich mich sanft hängen wie eine schüchterne Träne, die sich nicht entscheiden konnte, ob sie nun an den Augen bleiben oder den Weg in die offene Wange wagen sollte.
Die restlichen Stunden bis zum Morgen verbrachte ich in einem Dämmerschlafzustand. Mit dem einem Ohr lauschte ich dem ruhigen Atem des geliebten Mannes wenige Zentimeter neben mir und mit dem anderen lauschte ich weiter in die Wohnung hinein, in der Hoffnung noch ein weiteres Geräusch zu ergatten, um im richtigen Zeitpunkt zur entsprechenden Quelle zu laufen. Aber nichts, rein gar nichts passierte. Ich lachte leise auf, als ich feststellte, dass in dieser Nacht die Wörter “nichts” und “passierte” zu meinen persönlichen Top Two gehören sollten.
Irgendwann fuhren mehr Autos auf der Straße unter meinem Fenster vorbei, vertrieben mit einer Selbstverständlichkeit den warmen Mantel der Ruhe unter dem die Großstadt friedlich schlief, der Mond reiste weiter ans andere Ende der Welt und der Himmel färbte sich Rot bis er einige Minuten später in ein blasses Rosa wechselte und aussah wie ein sattes zufriedenes Schwein. Es würde wieder ein sonniger Tag werden, wie schön. Ein Tag, an dem ich meine Ballerinas anziehen konnte und keine allzu großen Einschusslöcher zu erwarten hatte, denn bei diesen Schuhen hielt sich der Sockenfresser diskret zurück. Wenig später stand ich für meine Verhältnisse sehr früh auf, die Kirchenuhr aus dem benachbarten Bezirk schlug sieben Mal und begrüßte fröhlich den neuen Tag.
Mir war kalt, was auf meinen Schlafmangel zurückzuführen war. Also setzte ich den Wasserkocher in der Küche an und im Bad drehte ich den Hahn auf, den roten Knauf stärker, um die Wanne zu füllen. Ich hatte noch ein wenig Zeit bis alle Wärmemaßnahmen fruchten würden, also fuhr ich mein Laptop hoch und sauste ins Internet direkt zu Wikipedia. Dort gab ich erst das Wort Loch in die Suchmaske ein und fand zum Thema folgende Einträge.
- ein Hohlraum
- in Irland und Schottland einen See oder einen Fjord
- im Golfsport das genormte Ziel einer Spielbahn
- in der Halbleitertechnik eine Senke
- Ortsteil von Cham, Deutschland,
- Ortsteil von Fliess, Österreich,
(Und stellte fest, wie viele Orte es gab, die den Namen meines Dilemmas trugen.)
- Günther Loch, Schriftsteller und Widerstandskämpfer
- Hans Loch (1898-1960), deutscher Politiker
- Siegfried Loch (* 1940), deutscher Schallplattenmanager, Produzent und Gründer des Jazz-Labels ACT - Wolfgang Loch (1915-1995), deutscher Psychoanalytiker(Und stellte fest, wie viele Persönlichkeiten den Namen meines Dilemmas trugen.)
Das Loch (1960), Le trou, französischer Film von Jacques Becker, basierend auf dem gleichnamigen Roman von José Giovanni
- Das Loch (1944), deutscher Kurzfilm von Matthias Heise
(Und stellte fest, dass es Filmstoff gab, die den Namen meines Dilemmas trugen.)
Nach dem Loch ging ich gleich zum Socken über.
- eine historische schwedische kirchlich-administrative Einheit, etwa mit Kirchspiel zu übersetzen
(Und stellte fest, dass die Mehrzahl der Socken eine ganze andere Bedeutung hat.)
Die Defintion Socke lautet:
Ein Strumpf oder eine Socke, häufig auch der Socken, bezeichnet ein Bekleidungsstück für den Fußaus einem einzigen, an einem Ende offenen „Schlauch“, der über den Fuß nach oben gezogen wird. Strümpfe und Socken gehören an sich zur Unterwäsche.
Es gab zu dem Thema aber auch Geschichtliches.
Strümpfe waren bereits den Römern bekannt; das Wort „Socke“ stammt von lateinischen „soccus“ und bezeichnet einen Schlüpfschuh, der zur Hausbekleidung und von Schauspielern der Komödie getragen wurde. Noch heute werden z. B. in der Gegend des südlichen Thüringer Waldes Hausschuhe als Socken bezeichnet.
Der Vorläufer des Strumpfs und des Sockens war der Fußlappen. Im 13. Jahrhundert wurden beide Strümpfe zu Hosen vereinigt (daher die Bezeichnung Hosen, was ja eigentlich eine Pluralform ist), aber im 16. Jahrhundert am Knie wieder von den Hosen getrennt.
Und natürlich ist Socke nicht gleich Strumpf: Socke und Strumpf werden manchmal synonym verwendet. Es besteht jedoch ein gewisser Unterschied bezüglich des Materials und der Länge, wobei der Sprachgebrauch landschaftlich unterschiedlich ist.- Socken reichen etwas über die Knöchel. Kürzere Socken, auch Söckchen genannt, enden unterhalb der Knöchel. Schließlich gibt es Füßlinge (sog. Sneakersocken). Sie enden weit unter den Knöcheln, in Schuhen nicht oder kaum sichtbar. Bis zum Knie reichende Socken werden Kniesocken genannt.
- Strümpfe gehen fast bis zum Gesäß, sind heute allerdings fast durchgängig durch Strumpfhosen ersetzt, die bis darüber hinaus in der Taille enden. Kürzere Strümpfe, die nur bis zum Knie gehen, werden Kniestrümpfe genannt.
Ich erfuhr außerdem, dass Männer Kurz- oder Langsocken trugen und dass es ein Zeichen von Schusseligkeit oder aber Nonkonformismus ist, wenn man am linken und am rechten Fuß unterschiedliche Socken trägt. Über Sockenfresser konnte ich bei alldem jedoch nichts finden.
Nach dem kleinen Socken-Loch-Exkurs füllte ich meine Tasse mit Tee und tauchte einige Sekunden später tief ins wohlige Schaumbad. Während ich im heißen Wasser allmählich anfing selbst zu kochen, fiel mir ein, dass ich heute auf jeden Fall neue Socken kaufen musste, denn ich hatte nur noch zwei Paar. Einen kleinen Vorteil hatte die Geschichte immerhin, ich sparte erheblichen Platz in der Waschmaschine und musste mich nicht mit dem mühsamen Zusammenlegen plagen.
Und dann geschah es, vollkommen unerwartet einige Stunden später. Gerade als wir losgehen wollten, wir hatten schon unsere schwarzen Mäntel an, als mein Freund an der Garderobe erstarrte.
Was ist denn das? fragte er.
Sein Gesicht war kreidebleich und ich schaute zu seinem rechten Schuh. Dort war an der linken Seite – das war übrigens auch die Stelle, wo ich stets Löcher in den Socken hatte – ein Loch, das aussah, als hätte sich ein Zeh durchgebohrt. Mir wurde schlecht, ich verlor das Gleichgewicht, fiel auf den Boden und sah im Schein der Sonne, die meine rechte Gesichtshälfte traf, das Unglück auf mich zurollen.
Ein ungwöhnliches Thema…
Die Wikipedia-Sockenpassage (das Geschichtliche) zieht sich ein wenig in die Länge, finde ich, aber ich möchte wissen, wie es weiter geht!
P.S.: Der Abschnitt, in dem die Stadt erwacht, gefällt mir sehr*