Lange hatte sie das zarte Leben auf der Fensterbank nicht gegossen. Es waren viel mehr die Regentropfen, die durch die Spalten hindurch auf die grünen Inseln sprangen und von der Welt da draußen berichteten. Irgendwie erinnerten die Tropfen an kleine Sternschnuppen, die mit ihren goldigen Zacken ein Hauch von Esprit als eigene Visitenkarten hinterließen. Manchmal übernahm auch der runde Ballon am Nachthimmel das Ruder. So wuchs die Pflanze Nacht für Nacht im silbernen Schein des Mondes, still und heimlich trank sie durstig von dem Licht, das sie für sich brauchte. Man hätte sie gar nicht wahrgenommen, wenn es nicht in regelmäßigen Abständen die kleinen Seufzer von der Fensterbank gegeben hätte. Doch irgendwann brauchen alle Lebewesen richtige Nahrung, bei der Fauna und Flora sind es das Wasser und beim Menschen die Abwechslung.
Zu spüren, dass man wirklich lebt und ein Teil des großen Ganzen ist, dass einem täglich ins Fenster fliegt. Kein passiver Zuschauer, sondern aktiver Schauspieler.
Sie raffte sich auf, schaltete den Fernseher aus und begann mit der Maskerade. Gierig wie eine hungrige Bärin tunkte sie ihre Finger in den Lidschattentopf, edle Substanz. Kein billiger Scheiß, sondern richtig gute Farbe von Mac. Noch zwei Jahre später erfreute sie sich an dem teuren Puder, der ihre Augen zum Strahlen brachte. Damit malte sie ihre Augen an und täuschte alle, die ihren Blick suchten. Das bisschen Grün, was sich in der blau-grauen Iris versteckte, zog sie hervor, geschickt und liebevoll wie eine Malerin, die nur das Beste für ihr Bild will. Wenn doch mehr Frauen von dem Zauber Gebrauch machen würden, dann würde die Welt glanzvoller im Schein des Grauen hervorgehen und die Männern, ach ja, die Männer, würden es den Damen danken, dachte sie.
Die künstlichen Wimpern hatte sie sich irgendwann während der Faschingszeit gekauft und holte sie nur zu besonderen Anlässen heraus. Es ist eigentlich so einfach, sagte sie zu Herbie ihrem kleinen Plüschfrosch im Bad. Er pfiff freudig sein Lied vom tiefen Moor und sagte aufgeregt:
Mademoiselle, von mir aus könnten Sie öfter ausgehen.
Kleiner Charmeur, antwortete sie und übermalte die Röte mit dem Make-up. Sie verstand überhaupt nicht, wie einige Frauen Stunden im Bad verbrachten, bei ihr dauerte es maximal 15 Minuten. Tsss. Nun ja, ich bin nicht die anderen, sondern ich bin die einen.
Die ersten Regentropfen platschten gegen das Fenster und der Sturm hatte zugenommen. Für einen kurzen Augenblick, dachte sie, nein und schob den Gedanken schnell beiseite wie die roten Hausschuhe, die im Weg standen. Sie schlüpfte in ihre enge Jeans und dankte dem Gott, wie so oft, für ihre knabenhafte Figur. Der kleine Buddhabauch verlieh ihr das richtige Weibliche. Sie zog das elegante schwarze Sommerkleid darüber und griff ihren Gürtel. Es konnte losgehen.
Das Nachtschattengewächs hatte genügend Wasser.
Im Nachhinein fragte sie sich natürlich, was sie eigentlich erwartet hatte. Die angekündigte Gästeliste hätte sie ja schon vorher belehren müssen. Aber, nein Mademoisselle wollte ja nicht hören. Und nun stand sie da neben ihren wichtigen Freundinnen inmitten der noch wichtigeren Leute.
Die Mode ist zu Gast in der Stadt, hieß es in den Tageszeitungen und im lokalen Fernsehsender. Dazu hatten auch mehrere Clubs ihre Tore geöffnet, die sonst nur am Dienstag oder Donnerstag on stage waren. Sie wusste, warum sie dieses Nachtleben nach ihrer Rückkehr in die große Stadt gemieden hatte. Jeder war schöner besser und klüger sowieso. Wie so oft fand sie sich im Clubwesen wieder und dachte nach, viel zu viel. Ihre eine gute Freundin hätte ihr jetzt natürlich an der Nase gezogen. Wie gut, dass sie in weiter Ferne war.
Ganz abschalten konnte sie selten und hier schon gar nicht.
Was versprachen sich die Menschen eigentlich, wenn sie alle gleich aussahen? Wo ist die Individualität hin? Man kann es doch mit kleinen Dingen erreichen, warum schaffte es die Allgmeinheit nicht? Sie schämte sich in ihrer grauen Röhrenjeans, hätte sie mal ihre dunekelblaue Hose angezogen, dann würde sie auffallen. Ihre Perlenkette und das silberne Haarband rettete sie vor dem Absturz in die Masse.
Irgendwann nach einigen Drinks, setzte ihr Kopf aus und sie ließ alles hinter sich. Vollkommen frei schwebte sie auf die halbvolle Tanzfläche und flog mit ihren Beinen davon, lauschte den Bässen und lenkte ihre Beine zu dem richtigen Rhythmus hin. Später, einige volle Minutenzeiger in etwa, sah sie nur noch das Blinken über ihr und ganz hinten in der Ecke stand ihre Pflanze, ihr Nachtschattengewächs, das flüsterte: Es ist gut so, wie es ist.
