Sie liebt traurige Geschichten. Warum, wieso und woher die tiefe Sehnsucht dafür rührt, weiß sie nicht. Und eigentlich wäre ihr die Leidenschaft nie wirklich aufgefallen, wenn eine Freundin sie kürzlich nicht mit der Nase darauf gestoßen hätte. Die Begeisterung für die Tristesse ist für sie so selbstverständlich wie der der tägliche Schluck aus der Teetasse zum Frühstück.
Muss ich mir ernsthafte Sorgen um dich machen? fragte die Freundin.
Ach, eigentlich nicht, sagte sie und lächelte.
Wenn sie ehrlich zu sich selbst ist, ist es nichts wirklich Außergewöhnliches. Einige Menschen würden es wahrscheinlich nie ganz nachempfinden können und so tief man ihr auch in die Augen schauen würde, die Antwort käme nie zum Vorschein. Es mag einen manchmal vielleicht an das vergebliche Suchen nach vierblättrigen Kleeblättern auf einer großen Wiese am Waldesrand erinnern.

Schon als Kind war sie kein gewöhnliches Mädchen, das mit Puppen spielte oder Pferde liebte. Rosa hasste sie wie die Pest und all die anderen doofen Mädchenfarben. Noch heute denkt sie gern an den Moment zurück, als sie sich ihr erstes eigenes Geld beim Eisladen verdient und kurze Zeit später die zarten farbigen Sachen gegen Schwarzes ausgetauscht hatte. Zunächst beäugte ihre Mutter sie mit einem kritischen Blick, ließ sie aber machen, als sie erleichtert feststellte, dass ihre Tochter kein schwarzes Mädchen wurde, wie die anderen, die sich regelmäßig am Wochenende abends auf dem Rathausplatz trafen.
Ich bin doch kein Gothik-Girl, Mama, sagte sie.
Gossick-was?
Gothik ist eine Subkultur der Post-Punk- und Dark-Wave-Bewegung aus den 70er Jahren.
Sie grenzen sich durch ihr Aussehen von der Masse ab und zeigen irgendwie auch so ihren Protest gegen die Gesellschaft. Mit der Farbe Schwarz signalisieren sie ihre, ja nennen wir es, Todessehnsucht. Das sind in der Regel sehr intelligente Menschen, die sich von der Welt nicht verstanden fühlen und sich zusammenfinden. Im Grunde sind sie nicht so böse wie sie aussehen, ganz im Gegenteil, oftmals sind es sehr sensible Wesen, die es im Leben nicht leicht hatten und in der schwarzen Szene eine Familie finden, bei der sie sich geborgen fühlen.
Schlaues Mädchen.
Ach, Mama, nun komm mir bitte nicht so. Ich habe mir oft solche Fragen anhören müssen, gerade in der Anfangszeit von meinen Freundinnen.
Von Sylvia und Clara?
Ja, auch von denen. Ich mag die Farbe, weil sie mir am besten steht, mich dem Stilbewusstsein näher bringt und außerdem sieht man da nicht meine Schweißflecken, du weißt ja.
Du kennst meine Meinung dazu. Das kommt von deinem Deo.
Ja, Mama, mag sein und lass uns bitte nicht über das leidige Thema reden. Du wolltest die Anwort auf Gothik und damit ist es nun gut, ja?
Ja.

Manchmal verstand sie ihre Tochter nicht und sie machte ihr ein bisschen Angst. Dieses Eigenbrödleresche. Die anderen Freundinnen hatten längst einen Freund und sie noch nicht. Wenn die Mutter sie darauf ansprach, bekam sie stets den gleichen Satz zu hören:Ich habe meine besonderen Ansprüche und möchte nicht irgendeinen dahergelaufenen Jungen nehmen, nur damit ich einen Freund habe. Und die ich wollte, wollen mich nicht. Was ihre Mutter nicht wusste, war, dass sie sich mit einem unglücklichen Händchen die Jungs aussuchte, die etwas älter waren, nicht zwei Jahre, sondern ab fünf aufwärts. Das Komplizierte an der Sache war: Vom Äußeren glich sie Mädchen, die jünger waren als sie. Wie es jedoch im Inneren aussah, wollten die Männer dann schon nicht mehr wissen. So war das eben in der Kleinstadt. Irgendwie wurde da auch auf eine Art Inzest betrieben, dachte sie. Jeder kannte jeden und es sprach sich schnell herum, wenn was passierte oder es zu Kopulationen kamen. Deshalb zählte sie mit 18 Jahren die Monate, bis sie ihre Sachen packen und weggehen konnte aus dem Mief, der nicht nur streng nach Kuh, sondern zusätzlich nach einem proletigen Parfum roch, das es mit dem Schweißgeruch konkurrenzlos aufnehmen konnte. In der Kleinstadt am Meer war alles so oberflächlich wie eine Eisfläche. Es gab kaum einen, der gern Löcher graben und nach Schätzen unter dem Gefrorenen suchen wollte. Das wiederum war ein Grund mehr, warum sie abends selten ausgegangen war. Oft drehte sich alles um das Haben und nicht um das Sein. Diese Tatsache musste sie leider mit Tränen in den Augen unter die schweren Akten der Schmerzen ablegen. Vielleicht mag da auch der Grund für die Liebe zur dunklen Macht liegen, weil sie eben nicht durchschaubar war. Die Hauptpersonen in ihren Büchern trugen stets schwere Päckchen mit sich, doch irgendwie schafften sie es häufig daraus eine Stärke zu ziehen, auch wenn es nicht immer gut ausging. Das juckte sie herzlich wenig, nein, es bewegte sie auf eine ganze besondere Weise. Das Leben war schließlich auch kein Honigschlecken. Bücher waren für sie eine Art Spiegel, in dem sie sich sah, einiges hinterfragte und manchmal die eigenen Dinge aus einem neuen Blickwinkel betrachtete. Was sollte sie bitteschön mit Lovestories, von denen man von vorne herein ahnte, wie gut sie ausgingen? Unterhalten lassen konnte man sich eben so gut vom Fernsehen oder vom Kino. Obwohl sie dort ebenso auswählte. Für sie musste jede Sekunde des Lebens tatsächlich sein, sie wollte spüren, dass sie lebte und lehnte das Sich-Berieseln-Lassen kategorisch ab. Dazu war ihr Geist zu hungrig und die Neugier auf die Welt hinter dem Horizont am Ende des Meeres zu groß.Es gibt Menschen, die sind von Natur aus Sonnengemüter, optimistisch veranlagt und es gibt Menschen, die tragen von sich aus eine Melancholie im Herzen. Das kann man der ersten Sorte nicht immer ganz begreiflich machen, weil viele bei dem Wort Melancholie zurückschrecken, als hätten sie gerade leibhaftig ein Gespenst vor sich vorrüberziehen sehen. Einige vertauschen in ihrer Eile schnell die Melancholie mit Depression. So ein Quatsch. Regen ist ja auch nicht automatisch Schnee, da liegen einige Welten dazwischen, wenngleich sie aus dem gleichen Grundstoff, dem Wasser, bestehen. Sicherlich neigen einige Melancholiker zu dunklen Phasen, das liegt vor allem daran, dass es sehr sensible Menschen sind, die viel aufnehmen und verarbeiten wollen. Sie stoßen öfter an ihre Grenzen und gleichzeitig sind es häufig diejenigen, denen wir großartige Bücher, Bilder und Filme verdanken.Sind es nicht die traurigen Songs, die uns besonders berühren? Sind es nicht die Gedichte, gefüllt von Zweifeln, die nicht nahtlos an uns vorbeiziehen? Sind es nicht die Filme, die den harten Alltag dokumentieren, die uns am meistern aufwühlen? Warum? Weil sie menschlich, ehrlich und wahrhaftig sind. Weshalb mögen wir beispielsweise die Kommissarin Bella Block, gespielt von Hannelore Hoger, aus dem ZDF? Weil sie nicht immer strahlend daherläuft, sich durch ein künstliches Lächeln schmückt, sondern ganz sie selbst ist und dazu gehören eben auch nachdenkliche Abende, die sie vorzugsweise mit dem Wein teilt.

Nein, sie sträubt sich nicht dagegen, dass sie ein sensibles Wesen ist, das zu häufig von ihrer emotionalen Seite gelenkt wird. Mittlerweile hat sie den dunklen Vogel in ihrem Herzen einen guten Platz zu gewiesen. Zu schön sieht er aus und zu köstlich klingen seine Lieder. Und doch bewegt es sie, dass die Menschen vor der Farbe Schwarz gleich aufheulen wie Hunde, denen man aus Versehen auf den Schwanz getreten hat. Sie lacht. Klar, denkt sie, die Farbe macht den Leuten Angst, weil sie sich nicht einordnen können und viele verbinden damit auch den Tod, wobei Tod ja eigentlich nichts Schlimmes ist, denn er gehört zum Leben dazu wie die Geburt. Alles ist im Fluss und nicht endlich. Die Buddhisten haben es längst erkannt.

Wohin sie die Farbe und die Leidenschaft der Tristesse wieder getragen hat, denkt sie, lacht aus voller Kraft und zieht den Reißverschluss ihrer Jacke nach oben, während sie ihrer eigenen Tochter entgegenläuft, die aussieht wie ein Rabe, der zu viel vom bunten Malkasten genascht hat.