An Tagen wie diesen weiß ich nicht so recht, wie ich zum Arbeitskampf stehen soll. Ich bin selbst Mitglied einer Gewerkschaft aus verschiedenen Gründen, die ich hier nun nicht groß erläutern möchte. Zum ersten Mal komme ich jedoch arg ins Stolpern und finde keine Stange, an der ich mich festhalten kann. Stattdessen wehen mir weiß-rote Verdi-Fahnen vor die Augen. Also schiebe ich sie aus mein Gesicht wie meinen Pony, der zu lang ist und versuche durch Worte einen neuen Halt zu finden.
Gerechtigkeit in dieser Welt ist wichtig und der Kampf dafür. Keine Frage. Aber irgendwo gibt es Grenzen. Wo fangen sie an? Und wo hören sie auf? Ich gehöre derzeit leider zu den Arbeitnehmern, die unter dem anhaltenden Streik der BVG (Berliner Verkehrsbetriebe) zu leiden haben. Ich wähle mit Absicht das Wort Leid. Denn es ist eine große logistische Herausforderung für die Berliner, dieses Dilemma einigermaßen zu überstehen. Für mich bedeutet das Ausmaß jeden Tag zwei Stunden mehr Zeit, um zur Arbeit hin und wieder zurück zu kommen. Bei Sturm und Schneegestöber bin ich, wie viele andere auch gezwungen, einen langen Fußmarsch in Kauf zu nehmen, da ich mir keine Taxifahrt leisten kann. Hinzu kommen überheizte und volle S-Bahn-Züge, die sich um Minuten verspäten. An Umsteigeknoten wie das Ostkreuz staut sich alles vor der morschen, abgenutzten Treppe, die zum oberen Bahnsteig führt und man verpasst schnell seinen Anschlusszug, was natürlich zur Folge hat, dass der nächste wieder überfüllt sein wird. In den Menschenmengen, die einen an Großstädte wie Tokyo erinnern, schiebt man sich nur schleppernd zum Ziel. Von vorn, von hinten, von der Seite dringen zusätzlich klagende Stöhnlaute ans Ohr. Manchmal entwischen dort kleine fluchende Wortgemetzel aus den nach unten gebogenden Mündern der Fahrgäste, die aber schnell geschlichtet werden bis sie wie schüchterne Schatten in den Ohren hängenbleiben.
Ich frage mich, was man mit den Streiks eigentlich erreichen erreichen will.
Die Großen treffen.
Sie zu einer besseren Lösung bewegen.
Wen der Arbeitskampf letztlich allerdings trifft, ist der kleine Mann. Der muss früher aufstehen, viel mehr Fahrtzeit in Anspruch nehmen und ist obendrein sehr gestresst. In einem gewissen Maße vertrete ich diesen Kampf, zwei Wochen jedoch finde ich zu lang. Doch, wer hört schon auf die zarte Stimme einer jungen Pendlerin? Natürlich habe ich nicht das Recht zu urteilen, was richtig und was falsch ist in diesen Tagen, denn ich bin keine Busfahrerin, die nachts mit der Angst fahren muss von angetrunkenen Fahrgästen geschlagen oder gar abgestochen zu werden. Ich bin auch keine Müllfrau, die sich mit niedrigen Gehältern herumplagen muss. Und ich bin ebenso keine Erzieherin, die hunderte Euro weniger verdient als ihre Kollegin aus dem Westen des Landes.
Mich beschleicht das Gefühl, das urplötzlich wie ein Vulkan der bedingungslose Streikwahn ausgebrochen ist. Es hat lange Zeit im Inneren gebrodelt, nun läuft die Lava dem Berg hinunter und verbrennt vielen die Finger. Ich finde es großartig, dass die Menschen für Gerechtigkeit auf die Straße gehen. Endlich schaffen die Deutschen ihrem Ärger Luft. Und wieder möchte ich eine Frage zwischen die Zeilen hier streuen: Warum musste man so viele Jahre verstreichen lassen? Wo ist der gewisse Biss wie wir es von unseren Nachbarn wie den Franzosen gewohnt sind? Haben die Gewerkschaften wie Verdi all die vergangenen Jahre geschlafen?
Schaut euch doch da draußen die arbeitende Bevölkerung an. Kaum einer kann von seinem Lohn leben und alles wird teurer. So kletterte in diesem Monat erneut die Teuerungsrate 2,4 Prozentpunkte nach oben. Vergangene Woche sagte eine Berlinern in den Abendnachrichten des Lokalsenders: “Eigentlich müssten wir alle auf die Straße gehen.” Ja, es stimmt. Und genau da sollte sich die Bundesregierung mal an die Nase fassen, die sich täglich damit schmückt, dass es immer weniger Arbeitslose gibt. Dass aber ein Großteil über Zeitarbeitsagenturen angestellt sind, zu wenig zum Leben verdienen, verschweigt sie elegant. Andererseits wissen wir auch über den Machteinfluss der Wirtschaft auf die Politik. Das ist alles ein sehr komplexes Thema, das ich hier nicht mit Fakten belegen möchte. Was ist das für ein Zustand, dass man heutzutage arbeitet und am Anfang des Monats noch so wenig Geld übrig bleibt? Wie viele Menschen nehmen heute für banale Dinge wie beispielsweise eine Urlaubsreise nach Ägypten einen Kredit auf? Und wie viele Hochschulabgängern müssen sich in niedrig bezahlten oder unbezahlten Positionen behaupten? Man möchte meinen, der Wert der Arbeit ist erheblich gesunken und lässt sich übrigens immer bestens mit handfesten Tatsachen begründen. Dazu nehme man die zwei Schlagwörter wie die Osterweiterung und die Globalisierung und fertig ist der Niedriglohnsalat.
Vielleicht ist die Streikwelle ja erst der Anfang eines großen Ganzen? Eine Revolution? Man stelle sich das mal vor: Alle Arbeitnehmer mit einem niedrigen Gehalt gehen auf die Straße! Ist das gut? Es ist klasse!! Dann geht nichts mehr und schön für den, der meint, ein Unternehmen sei dafür da, um Umsatz zu scheffeln. Aber ohne Mitarbeiter? Was macht eine Firma ohne seine Angestellten? In die Luft starren und ruhen.
Nächstes Jahr stehen wieder Wahlen an. Bis dahin werden sich alle Parteien mit Versprechungen schmücken. Ob sie am Ende des Tages eingehalten werden? Diesen Ausgang kennen wir ja zu gut. Also wehen weiterhin die Verdi-Fahnen vor den Nasen und erinnern uns an die Ungerechtigkeit in unserem Land, die heute leider noch mächtig über alles ist, das atmet.