Du könntest meine Schwester sein. Du bist wie sie sechs Jahre älter als ich und mir heute Nacht verdammt nah, so nah, dass ich Gänsehaut bekomme und feuchte Augen. Ich schaue tiefer in den Nachthimmel, um meine wahren Gefühle zu verbergen, suche nach leuchtenden Sternen, an denen ich mich festhalten kann.
Du bist traurig, so sehr, dass es dir dein Herz zerreißt und die eine Hälfte ins Weinglas fällt wie eine Wimper, die sich spontan vom Lid löst. Dort schwimmt sie nun, die eine Scheibe und weiß nicht so recht, was sie machen soll. Obenbleiben? Untergehen? Die Antwort kennt der Wind, höre ich in den leicht gebogenen Muscheln meiner Ohren. Und wenn nicht der Wind die Lösung kennt, dann nur du. Ich jedenfalls nicht, denn du bist du und ich bin ich.
Du hast etwas gemacht, dass bei vielen Frauen auf kein Verständnis trifft. Zum zweiten Mal, sagst du. Das ist nicht gut und so schon gar nicht, doch ich stelle mich nach hinten und lasse meinen Schatten urteilen. Er krabbelt auf deinen Arm, weiter auf die Schulter, in den Mund und hüpft geschickt zwischen deine Zähne durch deinen Rachen in deine Speiseröhre. Von da aus rutscht er weiter durch die Lunge und biegt vorher nach links ab in die Kammern, die mit weichen rotem Plüsch gefüllt sind.
Du sagst, du hast zwei Seiten in dir und kannst dich nicht so recht für eine der beiden entscheiden. Das erwartet keiner von dir. Ich glaube viel mehr, ohne mich mit einem Doktortitel zu schmücken, dass du die eine Seite nicht zulassen möchtest. Mit einer gewissen Überheblichkeit schiebst du sie sachte von dir und tust, als würde es sie gar nicht geben, fast so als wäre sie eine Narbe, die du krampfhaft versuchst, jeden Morgen zu überschminken, doch Lügen, dass weißt du selbst, haben nicht lange Bestand. Irgendwann lösen sie sich auf wie der Nebel, der zwischen Morgentau und Mittagssonne in den Blättern verdampft.
Du suchst die Schuld bei dir, was in erster Instanz richtig und korrekt ist. Du bist Täterin, er das Opfer. Und dennoch möchte ich die Tatsache nicht wegwischen, dass in eine Beziehung immer zwei Parteien gehören. Einige sprechen hier gern von der ausführenden und andere von der entgegennehmenden Seite. Aktiv und Passiv. Soll und Haben. Plus und Minus. Aus der Ferne konnte ich durch mein Fernglas folgendes sehen.
Du hast dich formen, dich zu der machen lassen, wie er es wollte und hast dabei auf Sachen verzichtet, die dir Spaß machen. Genau das ist das Todesurteil für jede Beziehung, so steht es nicht nur in zahlreichen Ratgebern geschrieben, so berichtet auch das Leben. Warum zerbröseln irgendwann einige Lieben? Weil man sich auseinandergelebt hat, klar, aber auch, weil man versucht hat, dem anderen durch dem gerecht zu werden, wie er oder sie es wünschte.
Du bist ähnlich wie ich zu früh erwachsen geworden, folglich fällt es nicht immer leicht, uns fallen zu lassen, weil wir den schweren Rucksack der Verantwortung nicht absetzen wollen, was wiederum eine Kette an Reaktionen mit sich zieht, ohne uns darüber bewusst zu sein.
Wir sind stark und wissen es nicht.
Wir haben Rückgrat und kennen es nicht.
Wir sind hin- und hergerissen und wollen es nicht.
Wir sind wir und uns manchmal fremd im Spiegel.
Irgendwo dazwischen treffen wir uns im Schein des silbernen Mondes, in der schwimmenden Hoffnung, dass alles in unserem eigenen Kartenhaus seinen richtigen Platz einnimmt. Und in alldem, was uns manchmal wie Chaos erscheint, suchen wir nach den passenden Kronen wie die verlorenen Königskinder.
März 27, 2008 at 3:52
Verantwortung (und Rückgrat)…
In vielen Ansichten stimme ich dir zu, doch so, wie ich es in so einem Fall sehe, fehlte beides.
Du kennst meine Meinung dazu.