~~ Die literarische Auszeichnung ~~
Der Leipziger Buchpreis ist - warum auch immer - nicht so populär wie der Deutsche Buchpreis in Frankfurt. Die Preisträger sind folglich oftmals in den Medien nie so präsent wie ihre ausgezeichneten Kollegen im Herbst, was ich zu tiefst bedauere, denn sie sind nicht schlechter, manchmal sogar besser. Weil ich das Gefühl einfach nicht los werde, dass der diesjährige Sieger bereits etwas am Horizont verwischt, möchte ich ihn an dieser Stelle mit einem Buch vorstellen, das mir sehr gefallen hat, nochmals auf ihn aufmerksam machen, da die Jury genau den richtigen Schriftsteller ausgezeichnet hat.
~~ Der Autor ~~
Clemens Meyer ist authentisch und sehr menschlich, so schaut zumindest mein Bild aus, das ich mir durch die Medien bilden konnte. Dass, was ich im Feuilleton über den jungen Mann gelesen habe, ist durchweg positiv. So sei er nach der Bekanntgabe der Auszeichnung aufgesprungen, mit seiner Bierflasche in der Hand und hätte offene Worte gesprochen: „Ach Mensch, wa soll ich jetzt sagen. Es ist eine große Freude. Ich habe mir eine Menge Worte zurecht gelegt, auch eine Menge Unsinn, den ich hier machen wollte und den ich erzählen wollte. Ich hab genug Unsinn gemacht, ich schreib weiter Bücher. Vielen Dank!“ Man glaubt ihm tatsächlich jedes Wort und genau das macht Clemens Meyer eben aus.
~~ Die Geschichten ~~
Wie in seinen Geschichten schwafelt er nicht nur irgendetwas Verkopftes daher, sondern reflektiert das wirkliche Leben; ist echt wie der krähende Hahn auf dem Gockel. Er wählt für seine Geschichten gezielt Außenseiter und Loser aus, Menschen, die oft am Rande der Gesellschaft stehen – glanzlose Gestalten, fernab vom Erfolg. Dies macht er einerseits feinfühlig und andererseits radikal, dass es manchmal richtig weh tut im Herzen und an anderer Stelle hechelt der Leser wie ein Hund, weil einem die Worte hart im Kopf treffen als hätte man dort einen Fußball abbekommen. Zwischen den Zeilen spürt man trotz der Tragik der Protagonisten einen gewissen Respekt.
Der Autor ist von oben bis unten tätowiert, wieder ein Pluspunkt und endlich mal kein glatt geschniegelter Jungliterat, der der Kamera sein Perlweiss-Lächeln zeigt. Bevor er das Schreiben für sich entdeckte, hat er als Wachmann, Möbelträger und Bauarbeiter gearbeitet. Überleben statt Leben lautet oft das Credo seiner Geschichten und man kann sich gut vorstellen, wo er seine Mileustudie gesammelt hat. Zwischen die Härte seiner Worte schiebt sich gleichzeitig eine Sensibilität, die überrascht, nach einem Schlag folgt ein weiterer und dann auf einmal streichelt uns jemand an einer Stelle, an der wir es am wenigsten erwarten. Leise schwingt dabei die Erkenntnis: Gewalt ist nicht immer gleich Gewalt.
~~ Der Roman ~~
Ich erinne mich noch an die erste Begegnung mit seinem Buch „Als wir träumten“. Es lag bei uns im Lager der Buchhandlung in dem Regal, wo all die Bücher landen, die keiner lesen möchte. So saß ich im Pausenraum und irgendwie ging ein Strahlen von dem schwarzen Buch aus, das mich magisch anzog. Zunächst wollte ich es gar nicht lesen, weil der Inhalt zu sehr – Entschuldigung - nach Männerkram klang: Erst der Boxer auf dem Cover und dann die knappe Inhaltsangabe über Biersaufende Jungs, die sich regelmäßig Revierkämpfe liefern. Es klang, ehrlich gesagt, ziemlich platt ausgedrückt, doch platt ist bei Clemens Meyer gar nichts. Dieses Buch zog mich immer tiefer hinein, bis ich atmelos die Pause überzog.
Die Geschichte erzählt das Leben von Wendekindern jenseits der ersten Überraschungseiern. Es geht ums nackte Überleben – genau das Authentische macht das Erstlingswerk des Autors zu einem großartigen Werk.
Sie träumen vom Aufstieg ihrer Fußballmannschaft, von einer richtigen Liebe und davon, dass irgendwo ein besseres Leben wartet. Rico, Mark, Paul und Daniel wachsen auf im Leipzig der Nachwendejahre, in einem Viertel, dessen Mittelpunkt die Brauerei ist. Jede Nacht ziehen sie durch die Straßen. Sie feiern, sie randalieren, sie fliehen vor den Glatzen, ihren Eltern und der Zukunft. Sie kämpfen mit Fäusten um Anerkennung und schlagen die Zeit tot. Sie saufen, sie klauen, sind cool und fertig und träumen vom eigenen Leben. Alle ihre Fluchtversuche enden auf den Fluren des Polizeireviers Südost.
~~ Eine Leseprobe ~~
Ich kenne einen Kinderreim. Ich summe ihn vor mich hin, wenn alles anfängt, in meinem Kopf verrückt zu spielen. [...] Manchmal bewege ich die Lippen und spreche ihn stumm, manchmal fange ich einfach an zu summen und merke es nicht einmal, weil die Erinnerungen in meinem Kopf tanzen, nein, nicht irgendwelche, die an die Zeit nach der großen Wende, die Jahre, in denen wir Kontakt aufnahmen?
~~ Das Fazit ~~
Leidenschaftlich, wild und mutig verspielen sie ihr Leben in einer aussichtslosen Rebellion. Darum lassen einen die Bilder des nächtlichen Leipzig, die Boxkämpfe, die Hoffnungslosigkeit und die Hoffnung dieses Romans nicht mehr los.
Am Ende wusste ich, dass dies kein normales Erstlingswerk war, das man irgendwann vergisst, sondern ein Buch, das in Zukunft einen Sternenschweif mit sich ziehen wird. Und ich sollte Recht behalten.
In diesem Sinne, Clemens, meine aufrichtigen Glückwünsche nach Leipzig! (Leipzsch – übrigens die Geburtsstadt meiner Eltern und das lässt meine Augen noch mehr vor Freude flackern, nu.)
März 31, 2008 at 6:36
Ich würde mir gerne mal das Regal im Lager anschauen…
März 31, 2008 at 6:59
das solltest du, denn dort finden sich auch hervorragende bücher, die leider nicht jeder zu schätzen weiß, aber wie gut, dass es zumindest eine kann. : )