Ich hatte ihn schon fast vergessen, bis ich ihn letzte Woche zufällig in einem mir bekannten und mittlerweile fremdgewordenen Stadtteil wiedersah. Ich mag den Ort nicht mehr, weil er mit der Zeit so glatt gefegt worden ist, dass man dort selbst in festen Turnschuhen ausrutscht. Außerdem ist da noch etwas Anderes, was mich stört. Irgendwie vermisse ich dort gewisse Ecken und Kanten, das Gefühl von Lebendigkeit, abgenutzte Hauswände, an denen man sich die Hände wundreibt, kalte Keller, die nach oben atmen und von alten Zeiten erzählen. Nichts, gar nichts ist von dem übrig geblieben nach der Wende, als sich der Kapitalismus dort niederließ und seine gierigen Arme ausstreckte. Statt sich heute in Ruhe auf Spurensuche begegeben zu können, teilt man sich die sauberpolierten Straßen mit Touristen und Yuppies, die ihre teuren Taschen und Sonnebrille spazierentragen.
Aus dem Nichts erhellte sich jedenfalls der Ort, fast so als hätte sich die Sonne spontan entschieden, in der nahenden Nacht länger zu verweilen. Zwischen den Luxuswolken tauchte Kasimir auf. Ein bisschen überraschend und sagenumwoben. Eigentlich ist er nur ein mittelloser Mann, doch dafür ein Obdachloser mit Verstand und Würde.
Ich habe ihn vor vier Jahren zum ersten Mal kennen gelernt, als ich beim Italiener an der Spree saß. Da kam er einfach wie ein Kater herangeschlichen, sein Profil spiegelte sich im Weinglas und die Gabeln hörten auf, ihre hohen Töne auf den Tellern zu singen. Kasimir sieht zwar im ersten Augenglick wirklich aus, wie jemand, der über kein Geld verfügt, aber auch wie jemand, der viel Phantasie hat. Wie ein unbekannter Stern fliegt er sanft zwischen die Tischnischen und malt die Umgebung mit seinem Schweif an, denn über seine durchlöcherten Sachen trägt er stets weite, farbige Umhänge, die von einem Leben jenseits des grauen Asphalts erzählen. Kasimir ist anders, das spüren auch die Kleinsten. So habe ich beobachtet, wie sich einige Kinder zunächst ängstlich hinter ihren Eltern versteckten, weil ihnen der Mann unheimlich vorkam, dennoch dauerte es nicht lange, bis die kleinen Köpfe wieder aus dem Versteck hervorkrochen. Kasimir ist nämlich nicht irgendjemand, sondern Kasimir. Geheimnisvoll, menschlich – kurz gesagt: Phantastisch.
Der graubärtige Mann läuft mit seiner Hupe, frischen Blumen oder der Jahreszeit entsprechende Pflanzen und einem Eimer durch die Straßen, hält vor den Tischen der Restaurants – im Sommer drin und im Winter draußen – stets mit einem charmanten Abstand. Wer von ihm eine kleine Blume abkauft, darf auf die Hupe drücken. Laut trötet man in die Umgebung, die es sonst eher dezent mag. Hier werden unsere Kinderherzen wieder wach! Dann holt er seinen Alueimer hervor und drückt dem Spender sein aktuelles Schriftstück in die Hand. Kasimir Kaiser von Berlin – Bettler und Hund steht ganz oben. Wenn man besonders lieb ist, bekommt man auch kleine Zugaben wie unechte Geldscheine oder Plaketen. So kam es, dass ich den kühlen Kiez verlassen wollte, als Kasimir vor mir stand.
Kasimir, wie schön, dich zu sehen, sagte ich.
Hallo, junge Dame.
Darf ich eine Blume kaufen?
Gern.
Ich reichte ihm ein wenig Kleingeld. Daraufhin hielt er mir seine Hupe hin, die ich drückte. Gott sei Dank war es schon dunkel, denn wie jedes Mal errötete ich und kicherte verlegen.
Darf ich auch dein Blatt haben?
Ja, aber dafür musst du nicht bezahlen. Für Kunst muss man bei mir nicht bezahlen.
Ich lächelte ihn an.
Dann streichelte er meine linke Wange und sagte:
Du bist ein guter Mensch. Er griff in seine Tasche und überreichte mir feierlich einen großen Taler auf dem geschrieben stand: 10 Jahre Thronjubiläum Berlin XI-2008. Auf der Rückseite entdeckte ich eine Eins, gefolgt von einem Herzen und einem Dank. Diese Begegnung hat mich so glücklich gemacht, wie es selbst kein neues Kleidungsstück vollbringen kann.
Als ich nach Hause kam, sagte mir mein Freund später, dass ich so strahlte. Neben diesem Lächeln, das mir Kasimir schenkte, blieb noch etwas Anderes in mir hängen. Eine Erkenntnis, die ich erst einige Stunden später so wirklich begriff: Du kannst alles verlieren, doch zwei Dinge kannst du nie verlieren: Deine Würde und deine Phantasie.

April 1, 2008 at 8:11
Die Geschichte kannst du später mal deinen Kindern, Enkeln, Nichten und Neffen erzählen, wie in einem Märchen verpackt mit schillernden Farben*
April 2, 2008 at 9:38
Es ist mir ja fast schon etwas unangenehm, aber ich weiß wieder genau was Du meinst. Berlin verliert mit jedem neuen Jahr ein Stück seiner Seele. Früher konnte man noch an den Tordurchfahrten vorbeigehen und den Charme der alten Zeit riechen. Das Feuchte, das Alte, das Ehrwürdige und vor allem: Das Lebendige. Wo ich schon bei Dir und Kasimir lande: Bewahre Dir die Gabe, Menschen mit dem Herzen zu sehen, das ist leider heute nicht mehr oft anzutreffen. Und es war auch noch so schön zu lesen.