Für jede Geschichte gibt es irgendwann den passenden Zeitpunkt. So wie für diese hier. Es ist keine emotional aufgeladene Lovestory oder ein Abriss aus dem eigenen Gefühlshaushalt, sondern ein nüchterner Streifzug aus dem Leben eines kleinen Waschsalons.

Manchmal ist es nicht schlimm, ohne Waschmaschine zu leben. Ich weiß, für viele wäre es ein Graus, aber ich will mittlerweile keine mehr. Zu groß ist die Lust, jeden Dienstag in den Waschsalon zu fahren. Pardon, in DEN WASCHSALON, er selbst wurde das Waschcafé getauft.
Von draußen sieht er nicht sehr einladend aus, ein bisschen steril, große Fenster, weiße Fassade, ohne Charme oder Geschmack, man würde ihn zwischen den Häuserzeilen an der Hauptverkehrsstraße sicherlich leicht übersehen. Direkt am Eingang steht ein Aufsteller, der alle Getränke aufzählt, die es in dem kleinen Waschsalon-Café zu trinken gibt: Espresso, Latte Machiato, Kaffee, Kakao, Bionade.

Wenn man reinkommt, hört man bereits das leidenschaftliche Routieren der Waschmaschinen, der Geruch von frischem Waschmittel mischt sich mit dem des Kaffees und leicht orientierungslos steht der Gast vor dem Automaten, der so viele Knöpfe hat. Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Tag hier.
“Haben Sie schon eine Maschine mit Wäsche gefüllt?” fragt eine Stimme neben mir aus dem Off. Ich drehe mich um und schaue einem kleinen rothaarigen Mann mit riesiger Sonnenbrille an.
“Ja, die da hinten. Ähm, die Nummer 9.”
“Gut, dann werfen Sie bitte 2.50 € rein oder brauchen Sie noch Waschpulver?”
“Nö, das habe ich selbst. Ach, wo gieße ich das am besten rein. Da sind drei Löcher.”
“In das Große, das Mittige.”
“Vielen Dank.”
“Papperlapapp, dafür bin ich ja da.”

“Guten Tag. Wieviele Maschinen brauchen Sie heute?” fragt der rothaarige Mann eine halbe Minute später zwei junge Männer, die kurz nach mir mit zwei großen Taschen den Salon betreten.
“Zwei”, sagt der Kleinere von beiden.
“Ja, dann kommen Sie mit. Hier hinten sind noch zwei frei. Wäre doch gelacht, wenn wir das nicht hinbekommen.”
Während er noch spricht, denke ich, ich habe eine Halluzination, denn am Eingang zum Café steht noch ein anderer rothaariger Mann, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht, gleiche Haare, gleiches Gesicht, ebenso in Anzug, doch ohne Sonnenbrille, dafür mit einem eleganten Hut.
“Alles okay?” fragt dieser mich.
“Ja”, antworte ich, “ich hätte gern einen Kaffee.”
“Gern, dann komm mal mit. Was willst du denn für einen?”
“Einen ganz normalen.“
“Mit Milch?“
“Genau.“
Das Zwischenspiel von du und Sie erlebt man hier öfter, wie ich später herausfinde. Darin unterscheiden sich die beiden. Irgendwie reizend. Ich setze mich an einen der kleinen Tische und habe meine Maschine im Blickfeld.
“Endlich ist der Laden wieder voll”, sagt er.
“Wieso? Was war denn los?”
“Na ja, der Streik. Da kamen kaum Leute. Das ist schon hart.”
“Ich verstehe. Ja, echt doof.”
Es rumpelt, pfeift und zischt hinterm Tresen. Die Espressomaschine spuckt erst Dampf und dann meinen Kaffee aus, der hier übrigens hervorragend schmeckt. Einige Fremdlinge, also Leute ohne Wäsche, kommen extra hier her,um den Kaffee zu trinken, meistens als Coffee to go
“Weiß hier einer, was Holunder auf Englisch heißt?” fragt der Hutträger.
“Berry… oder so?” stammele ich. Allgemeines Achselzucken macht sich in dem kleinen Raum breit, der bestimmt nicht mehr als 15 Quadratmeter misst und schlauchförmig ist – rank und schlank.
Das englischsprachige Mädchen ist sich dann doch zu unsicher und nimmt ein schlichtes Wasser.
“Holunder, Holunder…” murmelt der Hutträger und geht zu seinem Zwillingsbruder in den Salon.
Die beiden Inhaber passen nicht in das Bild des Salons. Immer, wenn ich sie antreffe, sind sie schick angezogen, viel zu edel mit Anzug und Krawatte.
“Wer hat die Nummer acht?” fragt der Sonnenbrillen-Mann und reckt seinen erhitzten Kopf ins Café.
“Ach, das ist meine”, ruft ein junger Typ mit Zopf neben mir.
“Können Sie die Maschine bitte ausräumen.”
“Klaro.”
Im Salon hat sich in der Zwischenzeit eine Menschentraube gebildet und auf der Stirn der beiden sammeln sich langsam richtige Schweißtropfen.
“Geh du mal rüber ins Kaffee”, schubst der Hutträger seinen Bruder an.
“Hast du das hier im Griff.?”
“Wat für eine Frage.”

Ich nehme immer ein Buch mit in den Salon, doch zum Lesen komme ich selten. Das Umfeld lenkt mich zu sehr ab. Letzte Woche waren fünf italienische Mädchen mit ihren bunten Reisetaschen hier, und der eine Inhaber versuchte mit Händen und Füßen ihnen die Funktionsweise des Automaten zu erklären. Das Englisch der beiden gehört auch mehr zu den Schwächen wie oben zu lesen war und doch schaffen sie es mit ihrer drolligen Ausstrahlung, das Minus glänzend zu übermalen. Ich mache mich nicht lustig über sie, doch wenn man sie sieht, weiß man, was ich meine. Die beiden sind klein, gerade mal so groß wie ich, also 1.69 Meter, fuchteln oft charmant mit ihren Händen in der von Waschmittel durchtränkten Luft, laufen in ihren Anzügen hin und her, immer darauf bedacht, jeden Gast ein gutes Gefühl zu hinterlassen. Sie sind aufmerksam, zuvorkommend und ihrer Art einzigartig. Manchmal erinnern sie mich an kleine hektische Hamster, die sich gegenseitig am Fell ziehen.
Wahrscheinlich haben die Brüder irgendwo in der Stadt noch ein anderes Etablissement, denn vor einigen Jahren residierten sie mit ihrem Café in der Galerie Lafayette – anders kann ich mir ihr schickes Aussehen nicht erklären.
Obwohl sie sehr nach Business aussehen, finde ich so großartig, wie sie sich um jeden Kunden bemühen, der mit seiner vollen Tasche eintrifft. Businessmänner mit dem Herzen an der richtigen Stelle.

Im Waschsalon selbst trifft sich alles, was lebt und zappelt, würde meine Oma sagen. Ob jung oder alt, fashion oder old fashion, ob schwarz oder weiß – hier gibt es Nichts, was es nicht gibt. Das Publikum ist international, so ist die englische Sprache hier oft dominierend. Wie selbstverständlich sich die Leute hier helfen, fast als wären sie die Zahnräder der Uhr, die immer richtig greifen. Alles tickt im gleichen Rhythmus, kein Harken, kein Aussetzen. Eben einfach ein wohlbekömmlicher Waschmaschinengroove.

Ich habe lange überlegt und nachgedacht, was mich dort zwischen den Maschinen hält. Vielleicht ist es ja die Nächstenliebe im Waschsalon, die mich so glücklich macht.

Wenn also noch jemand einen Waschsalon in Berlins Mitte sucht, dann kann ja hier mal vorbeischauen.