Das ist die Geschichte, die ich nie erzählen wollte, als ich noch in meiner heimatlichen Provinz lebte. Damals hätten sie noch mehr mit dem Finger auf mich gezeigt und gerufen: „Guck mal, das ist die, du weißt schon.“
Vor vielen Jahren, als junges Mädchen, zelebrierte ich mein Anderssein mit ungewöhnlichen Klamotten. Normales war mir schon immer suspekt gewesen und ich fand es genauso langweilig wie eine kalte Tasse Kamillentee. Ich wollte keine faden Jeanshosen tragen, sondern tauschte sie gegen silberfarbene Satinhosen oder farbig-gestreifte Miniröcke ein, die mich an glückliche Regenbogen am halb verregneten Himmel erinnerten. Meine Haare spielten wöchentlich mit Tönungen, schwammen mal hier im Kaminrot, dort im Rouge Noir, wenngleich mir meine Mama sagte: „Kind, mit den Farben siehst du noch blasser aus als du sowieso schon bist.“ Mir war es, ehrlich gesagt, egal, denn die Farben erzählten mir von dieser anderen Freiheit, nach der ich mich so sehr sehnte.
Natürlich blieb das Abgrenzen nie ohne Folgen. Ich erinnere mich noch, wie schnell ich errötete, wenn ich durch die Fußgängerzone schlenderte, stets spürte ich die aufdringlichen, bohrenden Blicke der anderen auf dem Rücken und verfluchte mich dafür, nicht eine von ihnen zu sein. Einfach mit dem zufrieden zu sein, was ich hatte. Dieses Gefühl, nicht in die Menge zugehören, setzte mir manchmal doch arg zu. Das Alltägliche musste für mich nicht immer unbedingt etwas Überraschendes, etwas Zauberhaftes in seinen Taschen versteckt halten, es war etwas anderes, Elementares, nach dem ich mit meinen neugierigen Augen Ausschau hielt. Häufig saß ich mit meinen damaligen Schulfreundinnen zusammen, alle waren lieb und nett zu mir, ihr herzliches Gelächter hängt noch heute in den Ohren, und doch ertappte ich mich oft dabei, wie allein ich mich fühlte und dass ich an den gemeinsamen Abenden wegflog, weil ich es vor bibbernder Kälte im Herzen nicht mehr aushielt. Und so begab ich mich auf die Suche nach einem Ort, wo ich ähnliche Menschen wie mich finden sollte. Meine Seele erhob sich ganz vorsichtig, fast geräuschlos, flog durch das Cocktailglas und suchte nach diesem Anderen, ein Paralleluniversum, das mir noch näher zu sein schien als mein eigener Hund, der bis in die Nacht auf mich wartete.
Würde ich es je finden? fragte ich mich und lehnte später, als ich allein in meinem Zimmer zurückkehrte und bis zum kleinen Zeh fror, den Kopf an das kalte Fenster mit dem Blick in die klare Nacht, hinauf zu den Sternen, die mich an beiden Armen festhielten. Ich hoffte und wünschte es. Die salzigen Tränen in meinem Kopfkissen versprachen es mir einige Stunden danach kurz vorm Morgengrauen: „Irgendwann wirst du es bekommen, Kleines. Glaub nur daran und vor allem: Glaub an dich.“
Und eines Tages geschah es. Eine Nacht in Hamburg. Vollkommen unerwartet, wie so vieles im Leben. Ich saß mit meinen Freundinnen in einer dieser hippen Bars und spielte mit meinen Haaren. Da tauchte er aus dem Nichts auf. Ganz in Schwarz. Eine Halbglatze, ein spitzer Bart und ich spürte, wie sich eine Gänsehaut über meinem Körper bis in die hinterste Ecke des Herzens zog. Eigentlich interessierten mich damals keine anderen Männer, weil ich mit jemandem zusammen war, aber Glück sah anders aus, sollte ich in dieser Nacht feststellen. Jeder aus meinem Familien- und Freundeskreis sagte mir, wie toll der damalige Freund war, der mir jeden Goldschatz ausgrub, wenn ich es nur wollte, aber keiner ahnte, wie einsam ich mich oft in seinen Armen fühlte. Da war in vielen Situationen kein Verstandenwerden. Ich erinnere mich beispielsweise an einen Kinobesuch, der mich innerlich so aufgewühlt hatte, dass ich schreien wollte, und ich scharrte stattdessen mit den Füßen auf den Boden als würde er einen aufdringlichen Juckreiz verspüren und hätte mich darum gebeten, ihn zu kratzen. Meine Gedanken wollten rausfliegen, hinein in ein weiches Netz, doch sie fielen gegen einen harten, kalten Stein. Er konnte nichts dafür, ich spürte, wie sehr ihn das beschäftigte, aber es passt nun mal nicht jede Mutter auf eine Schraube – so sehr man es sich auch manchmal wünschte. Gegen so genannte Wellenlängebrüche half auch nicht der beste Gipsverband. Ich brauchte leider viel zu lange, um zu verstehen und habe damit jemanden sehr weh getan.
„Darf ich?“ fragte der Men in Black.
„Gern“, antwortete ich und er setzte sich neben mich.
„Du hast wunderschöne Hände“, sagte er.
„Meine Hände?“
„Ja.“
„Das hat mir noch nie jemand gesagt. Dankeschön. Außer meine Mama, die meint, ich hätte mit den langen Fingern auch gut Frauenärztin werden können.“
Er lachte und bot mir eine Zigarette an, die viel zu edel klang dafür, dass sie ja eigentlich böse zu unser Lunge war.
„Silk Cut.“
„Kenne ich nicht.“
„Aus England.“
„Ich rauche nicht mehr, aber danke.“
Und dort sah ich es, dieses Funkeln hinter seiner Iris. Ohne, dass ich etwas tat, nahm sie meine Hand, streichelte sie sanft, küsste mich und zog mich an den Ort, den ich so lange vergeblich gesucht hatte. Da war so eine Vertrautheit, die an den Bauch der eigenen Mutter erinnerte, ohne irgendwelche Erklärungen, sie war einfach da.
Wir sprachen viel in der Nacht. Über uns breitete sich ein Zauber aus, so heimlich, dass wir gar nicht bemerkten, wie kleine Feen uns unauffällig funkelnde Kronen auf die Häupter setzen, die goldig im matten Licht leuchteten und wir vergaßen alle anderen um uns herum. Zum ersten Mal hatte ich das wirkliche Gefühl, nicht allein zu sein in dieser lauten schnellen Welt. Ich kannte diesen Menschen nur ein paar Stunden und es kam mir vor, als wären wir uns nie fremd gewesen.
Ich war angekommen.
Heute küsst er mich jeden Morgen wach und sagt:
„Hab keine Angst davor anders zu sein. Menschen wie uns braucht die Welt, denn wir sind das Salz in der Suppe.“
Es wäre eine Lüge von mir zu behaupten, dass mir das Anderssein mittlerweile leichter fällt, aber ich bin nicht mehr allein damit, ich habe jemanden an meiner Seite, der mich auffängt, wenn ich ein Loch übersehe und Wellenlängebrüche habe ich seit unserer Begegnung nie mehr erlebt.
Wenn ich jetzt in den Nachthimmel schaue, friere ich nicht mehr am kalten Fenster und mein Atem geht wesentlich ruhiger.
April 11, 2008 at 11:40
Manchmal ist man mit seinem Anderssein vielleicht nur am falschen Ort. Dann, wenn man eine andere Welt betritt (z.B. eine neue Stadt, eine WG, eine neue Freundschaft/Partnerschaft etc.), spürt man jedoch, dass es noch mehr Leute gibt, die anders sind.
Vielleicht ist es keine Frage des Andersseins, sondern eine Frage der Begegnungen. Auf jeden Fall schön, dass du so eine neue Welt gefunden hast
April 13, 2008 at 12:30
Anderssein ist ein Geschenk. Das ist kein Fluch, sondern Gabe. Und der einzige Quell, aus dem sich Veränderungen ergeben können. Außerdem sind solche Menschen -so wie Du- viel interessanter als all „die Anderen“.