An dem Tag hatte es draußen vom Himmel über Berlin erlösende Tränen geregnet, so kam es mir jedenfalls vor. Die Tempos reichten nicht aus, um die zahlreichen Tropfen von den sich auflösenden Wolken einzusammeln. Mein kleiner Kopf war taub, der große Mund trocken und ich wollte nie mehr aufstehen. Mit bleiernden Füßen schleppte ich mich doch irgendwie in die Küche trank einen Schluck Milch und würgte. Das war mal ein Erzeugnis der Kuh, denn die weiße Flüssigkeit hatte längst den Status der Säuerung erreicht. Ich setzte Wasser auf und mich an den Tisch, sah nebenbei in die Zeitung. Die Heizung plätscherte im gleichen Rhythmus mit den Regentropfen am Fenster und ich zählte die Sekunden im Zeiger, die an dem Morgen irgendwie aufgeregter waren als an den anderen Tagen zuvor.
Es ist lange her, dass ich geschrieben habe. Es lag nicht etwa an der Inspiration, dafür ist die östliche Großstadt nahe der polnischen Grenze eine zu große Bühne. Nein, es waren viel mehr die Buchstaben, die sich auf dem Monitor fade anfühlten. Die gefüllten Sätze holperten als würde ich mit meinem alten Mini über Kopfsteinpflaster fahren. Bis zu jenem Tag zweifelte ich an mir, ich spürte, wie die Zeit in meinem Ohr tickte. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich die Antwort auf meine Fragen finden sollte wie einen geliebten lang-vermissten Anhänger, den man eines Tages überraschend aus seiner Jackentasche fischt.
Als ich im Feuilleton der SZ meinen geliebten Murakami entdeckte und die Antwort fand. Für alldiejenigen, die hier jemals an den Punkt der Zweifelns kommen, widme ich diese Auszüge, die ich aus Murakamis Artikel zitiere.
“Ganz gleich, ob in der Musik oder beim Schreiben von Romanen – es kommt vor allem auf den Rhythmus an.”
“Als ich 29 geworden war, erwachte in mir aus heiteren Himmel der Wunsch, einen Roman zu schreiben. Natürlich würde ich nie schreiben können wie ein Dostojewski oder Balzac. Aber das macht nichts, ich musste ja kein Gigant der Literatur werden. Allerdings hatte ich keinen Schimmer, wie ich es anpacken sollte oder worüber ich schreiben könnte. Mein einziger Gedanke damals war, wie wunderbar es sein müsste, wenn ich so schreiben könnte, wie man ein Musikinstrument spielt.”
“Es gibt keine neuen Worte. Unser Job (als Schriftsteller) ist es gewöhnlichen Worten eine neue Bedeutung und spezielle Untertöne zu geben.”
Ich nahm das durchsichtige Saxophon, von dem ich der gleichen Nacht geträumt hatte und begann zu spielen. Und da war er dann plötzlich von ganz allein der: Der Blues, der uns Schreibern genau den richtigen Rhythmus schenkt.
Frohes Schreiben, euch da draußen!
