Während ich in den Spiegel schaue, entdecke ich zwischen Lid und Augenrand erste kleine, jungfräuliche Falten. Du übertreibst, säuselt er mir liebestrunken ins Ohrläppchen, doch mir ist bewusst, dass auch meine Uhr der Jugend abläuft. Langsam, aber stetig, als wäre ich der Kreidefelsen auf Rügen dessen Schicht Stück für Stück in den gierigen Schlund der Ostsee fällt. Noch zwei Jahre und ich erreiche das Dreißigste Jahr. Das Komische an dem Ganzen ist, ich fühle mich noch gar nicht so wie ich dachte, mich in dem Alter fühlen zu müssen, also ausgeglichener, ruhiger, reifer, weiser. Wie oft vergesse ich heute noch das Atmen, jage ihm regelrecht hinterher wie der Jäger seiner Beute. Das Eheleben und eigene Kinder sind noch in weiter Ferne, wirkliche Lust darauf verspüre ich noch gar nicht. Bin ich gar zu egoistisch, weil ich nicht genug von mir bekommen kann? Nun ich bin seit jeher ein selbstkritischer Mensch mit hohen Ansprüchen, da bleibt es eben nicht aus, dass einige Dinge auf der Strecke verdursten.
Noch haften die Blicke der fremden, älteren Männer an mir wie eine Ölschicht, ich rieche ihre schweißdurchnässte Lust nach Frischfleisch, sehe ihre Augen über meine Brüste, den Po, den langen schlanken Beine wandern, auch wenn sie versuchen, es zu vertuschen, erahne ich ihre Geilheit. Wie geschickt sie auch die Sehnsucht hinter ihre Pupillen verstecken wollen, ich halte sie längst in meinem Kescher, zwinkere ihnen hinter vorgehaltener Hand kokett zu und laufe eilig davon, einzig die Jugend lasse ich ihnen als Schatten zurück.
Die Jugend aalt sich zu gern im Schein der Unendlichkeit. Irgendwie kann man sich nicht vorstellen, älter zu werden. Ich habe keine Ahnung, wie es sich anfühlt, wenn die Knochen zu knirschen beginnen oder man Wimpern in die Falten der Haut legen kann, weil die Festigkeit sich zurückzieht. Und ehrlich gesagt, will ich es heute noch nicht wissen. So lange es geht, genieße ich noch das Jungsein und ich freue mich nun darüber, dass ich schon immer jünger aussah als ich eigentlich war. Zur Teeniezeit hat mich der Umstand sehr genervt, vor allem bei der Vorliebe für ältere Jungs, doch heute küsse ich dieses Gen liebevoll, hüte es wie einen kostbaren Diamanten.
Das Alter war auch vergangene Woche das Thema der ARD. Ich hatte am Montag dazu die großartige Reportage von dem Korrespondenten Sven Kuntze gesehen. Der Journalist bezog ein Altersheim der gehoberen Klasse, auf der Suche nach dem richtigen Domizil fürs Alter. Zwischen lustigen Augenblicken spürte man die Ohnmacht der alten Damen und Herren. Viele wollten mehr als sie eigentlich dazu in der Lage sind. Der Geist ist oftmals noch hellwach, nur der Körper erinnert sie an einen schweren Stein, den man am Bein festgebunden hat und der einem daran hindert, vorwärts zu kommen.
Aber Alter ist nicht gleich Alter, wage ich an dieser Stelle zu behaupten. Wie die Jugend fängt sie bei einem selber an. Es ist das, was man draus macht und beginnt bei der Kleidung, hört später im Kopf auf. Ich glaube, wenn man schon als junger Mensch dafür sorgt, am Ball zu bleiben, muss es im Alter nicht plötzlich aufhören. Ich klammere hier Krankheiten wie Demenz und Parkinson einfach mal aus. Menschen, die sich von jeher geistig mit Literatur, Kunst und Kultur auseinandersetzen, besondere Hobbies pflegen, laufen sicherlich nicht so schnell Gefahr, dass sie einrosten, wie es der allgemeine Sprachgebrauch gern bezeichnet. Sich nicht berieseln zu lassen, auch wenn es nach einem anstrengendem Arbeitstag müßig erscheint, kann einem am Ende nicht nur sehr bereichern, sondern auch beschützen. Dies jedoch ist meine Theorie, das Alter hat seine eigenen Antworten und wird sie mir irgendwann selbst verraten.
Warum haben wir eigentlich Angst vor den schwindenen Jahren? Vor dem großen A zwischen den Zähnen? Eine 60 gehört genauso zum Leben wie eine 28, denke ich, streiche über die kleine Falte und entdecke 90 Grad tiefer süd-östlich einen roten funkelnden Pickel.
Ich glaube, ich habe nicht so sehr das Problem mit dem Alter – an Falten habe ich mich schon gewöhnt, die zeigen sich bei mir nämlich schon seit Jahren auf der Stirn und um die Augen; die Haut wird eh etwas träger – sondern mit dem Gefühl, noch nicht genug erlebt und gesehen zu haben.
Natürlich, im allgemeinen Vergleich bin ich noch jung, aber ich fühle mich nicht so, als hätte ich schon alles, was man in meinem Alter ausgekostet haben sollte, ausgekostet. Doch wenn ich all das noch auskosten möchte, bin ich ja wieder ein paar Jahre älter und dann denke ich vielleicht, dass ich das, was ich in diesen Jahren hätte erleben sollen, noch nachholen möchte. Doch irgendwann kann man nichts mehr nachholen, weil eben irgendwann auch Schluss ist.
Also sollte ich mich direkt damit anfreunden, dass ich nicht immer was nachholen sollte, sondern einfach noch Dinge tue, die ich tun kann und die schön sind. Alles andere versetzt einen immer nur zwei Schritte hinter die Zeit.
Ich werde lieber mit _meiner_ Zeit gehen und sage erstmal danke für die geistige Anregung