Heute kurz vor der Geisterstunde ist es wieder soweit: Wenn die Kirchturmglocke um halb 12 Uhr schlägt, huscht der dicke Literaturkritiker Denis Scheck über die Bildschirme der Fernseher. Eigentlich viel zu spät für so eine gute Sendung, aber so ist da oft bei den Öffentlich-Rechtlichen - erst der Musikantenstadl und in der Nacht das Beste. (Der gute Kurt Krömer kann davon ein Lied singen.) Ich mag den Dicken jedenfalls und seine Art über Bücher zu sprechen. Erfrischend, manchmal frech und charmant. Von ihm stammt übrigens auch die Aussage über Paulo Coelho: „Diese weichgespülte Esoterikscheiße, die uns suggeriert, das Glück liege unter Bäumen. Da habe ich etwas Besseres. Lesen Sie Charles Bukowski. Der hat eine Seele, die ist feiner als die von Rilke und Coelho zusammen.“ Nicht jeder mag die Meinung teilen, aber wenn doch, dann ist das doch eine Wohltat, oder?
Auch das Format ist eine Klasse für sich, die Kameraeinstellungen gefallen mir sehr und verleiht dem sonst trockenen anhaften Ruf von Büchern eine Frische, die an den Biss in eine Zitrone erinnert. Und es gibt keinen besseren Kritiker, der die Bestsellerliste so herrlich zerreißt wie er. Mir spricht er jedes Mal aus der Seele. Mit einigen Autoren scheint er übrigens eine engere Beziehung zu haben, denn in seiner aktuellen Sendung am 4. Mai 2008 hat er Feridun Zaimoglu bei sich zu Gast – wie das letzte Mal, als sein neues Buch “Leyla” erschien. Macht nichts, Herr Zaimoglu, Sie sind ja symphatisch und ich werde das Semester nicht vergessen, als sie uns Literaturstudenten in “Literature to Go” Prominente und ihre Bücher vorstellten. Und doch wäre ich erfreut, wenn Herr Scheck auch mal Autoren vorstellen würde, die nicht ständig bei ihm sind.
Also, wer um 23.30 Uhr noch nicht schlafen sollte, kann ja mal beim charmanten Dicken vorbeischauen, dem man vertrauen kann, denn er wisse ja, was er tue. Erste Infos zu der Sendung gibt es hier.

Mai 4, 2008 at 11:21
Also ich muss ja jetzt mal sagen, dass ich Coelho nicht ganz so furchtbar finde. Ich hatte eine Phase, in der ich mir fast alle seine Bücher geholt und verschlungen habe. Klar, die Aussage ist spätestens nach dem zweiten Werk zu erkennen und auch, dass es sich dabei immer um dieselbe handelt. “weichgespülte Esoterikscheiße” – nun gut, so krass würde ich es nicht ausdrücken, auch wenn ich den Kern der Aussage gut nachvollziehen kann. Doch solche Bücher wie “Veronika beschließt zu sterben” oder “Fräulein Prym und der Dämon” finde ich auch heute noch gut und möchte sie nicht hergeben. Das erste Problem ist wahrscheinlich, dass man bei Coelho schnell an einer Überdosis “leidet”, wenn man mehr als zwei Bücher hintereinander liest. Das zweite Problem ist, dass er die breiten Massen immer wieder mit dem ständig wiederholten Mantra begeistern und befriedigen kann. Ich wurde dessen bei seinem vorletzten Werk überdrüssig, möchte ihm aber nicht die Qualität seines Schreibens, also der Wortreihung absprechen. Denn dieses Handwerk versteht er meines Erachtens.
Zu der Sendung: Die kenne ich gar nicht. Ist die neu?
Mai 4, 2008 at 2:44
liebe ada, danke für deinen kommentar. dazu habe ich mir noch ein paar gedanken gemacht.
ich glaube, denis scheck wollte mit dem coelhospruch den leuten einfach mal auf dem kopf hauen, weil sie nur auf den einen mann fixiert sind. aus der praxis im buchhandel habe ich es allzu oft erlebt. dabei gibt es im dem themenbereich selbstfindung – oder ich nenne sie auch gern erbauungsliteratur – viele andere und gute werke, die man nicht achtlos links liegen lassen sollte. den meisten kunden fehlt es aber oft an mut, anderes auszuprobieren. schließlich hätten ja freunde bücher von dem autoren gelesen und wären schwer begeistert davon. coelho ist im laufe der zeit leider zu kommerziell geworden und abgenutzt wie eine ledertasche, die man zu oft geöffnet hat. wie du schon schreibst, nach dem zweiten buch ist man oftmals schon gesättigt, was darin liegt, dass sich seine botschaften irgendwie immer wiederholen, es bleibt kein raum mehr für überraschungseffekte. dennoch ist der autor heutzutage sehr beliebt, im wahn des pilgerns und tibeterns – so ist zumindest mein eindruck als buchhändlerin, aber auch ich arbeite daran, den leuten andere bücher aus dem bereich zu zeigen.
druckfrisch mit denis scheck gibt es schon lange. nun ist er nicht so bekannt wie die elke heidenreich, weil seine sendung nicht so nach oben gehoben wird, was ich wiederum sehr gut finde. und wie gesagt, nicht selten, inspiriert er seine zuschauer durch neue buchentdeckungen, jenseits der ausgelutschten bestsellerliste. ich denke, man mag ihn oder man mag ihn nicht.
Mai 4, 2008 at 3:57
Sollte ich es nicht wieder vergessen, werde ich mir die Sendung mal anschauen. Das hört sich interessant an.
Oh, ich glaube das Thema “Selbstfindung” ist allgemein eher riskant. Wie viele Ratgeber es allein schon gibt, bei denen man nur hoffen kann, dass sie niemand als seine persönliche Lebensanleitung benutzt. Diese Regeln behagen mir nicht, sie zwingen zu sehr in etwas hinein und lassen zu wenig Freiraum, auch wenn sie unter dem Deckelmäntelchen “guter Rat” unterwegs sind.
Coelho verpackt das alles noch recht märchenhaft, aber ich gebe dir Recht: In gewissem Sinne fehlt selbst da – trotz Romanform -der Freiraum für Eigenes.