Die Sehnsucht führte uns heute am ersten warmen Tag in diesem Jahr an diesen Ort zurück.

Hier begann unsere Liebesgeschichte.
Hier spürte ich zum ersten Mal deine Lippen auf meinen.
Hier entschied ich mich für dich.

Und wir waren damals im Spätsommer 2003 nicht die einzigen Zeugen unserer Lovestory, denn zwischen uns tanzten die Seelen von Bertolt Brecht und Helene Weigel, Paul Dessau und Hanns Eisler, John Heartfield und Wieland Herzfelde, Anna Seghers und Arnold Zweig, J. R. Becher und Heinrich Mann, Schadow und Schinkel, die Philosophen Hegel, Heiner Müller, Bernhard Minetti, Hans Mayer.

Ich mag diesen ruhigen Ort inmitten der hektischen Großstadt sehr, weil er mich an eine Insel im brausenden Meer erinnert. Die schattigen Bäume, die mit der Sonne flirten, die alten – teilweise prunkvollen – Gräber – ein Relikt aus einer anderen Zeit, das Knirschen der kleinen Steine unter den Schuhen, die einsamen singenden Vögel. Nach meiner Ankunft in der großen Stadt habe ich mit deiner Kamera Fotos geschossen, sie in einem Kurs für Schwarz-Weiß-Fotografie selbst entwickelt und noch heute erfreue ich mich an ihnen wie an dir. Ich erinnere ich mich, wie ich damals in einem günstigen Moment über mir bedeutende Grabsteine streichelte, ich wollte eine Antwort auf meine Frage, die mir nächtelang den Schlaf raubte. Ich war hin- und hergerissen, konnte es selbst nicht aussprechen, weil ich mich einerseits so gut und andererseits so schmutzig fühlte. Meine Tränen streiften das B von Bertolt und trockneten auf dem warmen Stein, der durch schüchterne Strahlen der Sonne geküsst wurde. Für einen kurzen Moment spürte ich, wie sie mir die Nackenhaare aufrichteten und ich einen zarten Hauch auf meiner linken Wange spürte wie eine Katze, die vorsichtig meine Beine streift. Und dann hatte ich sie.

An diesem Ort hören wir unsere Herzen besonders laut schlagen, auch weil wir uns mit den Toten auf eine Art verbunden fühlen.
An diesem Ort bleibt die Zeit vor den eisernen Toren stehen. Die Tram rattert regelmäßig vorbei, Autos hupen, Kinder kreischen.
An diesem Ort kommt man an, bei sich und seinen Gedanken.
Manchmal stolpern wir über Touristen, die ihre Reiseführer hier her führen, aber uns stört es nicht, denn jeder von uns ist weit weg, geborgen in einer Welt, in unserer, die für Fremde verschlossen bleibt.

Hier dürfen wir sein und uns lieben.