Ich schaue in das gefüllte Weinglas, stoße dabei auf einen kalten See aus zartgelbem Rebensaft, der so rein ist und regelrecht dazu einlädt hineinzuspringen, kurz vorm Fallen halte ich jedoch inne, denn ich entdecke das verdrehte Fragezeichen in meinen Augen, das mich irritiert, während ich ihren Atem neben mir spüre.
Es ist unser erster gemeinsamer Abend, allein, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, würde man sogar sagen, ich bin unsicher, versuche es mit einem Lachen zu überspielen, halte mich mit oberflächlichen Sätzen über Wasser und hüpfe unruhig im Kopf hin und her, als befände ich mich auf einer morschen Brücke, sie knarrt und raubt mir die Balance. Der Alkohol hingegen betäubt die Gedanken, schenkt mir die Leichtigkeit zurück, die ich am Eingang ihrer Wohnungstür abgelegt hatte.
Der Anfang wohnt dem Zauber inne, schrieb einst der schlaue Hermann Hesse, doch manchmal suche ich vergeblich danach, denn es überwiegen nicht selten die Nervosität, die Zweifel und Erwartungen. Sie baumeln wie reife, rote Äpfel vor meinem Herzen und versperren mir den Weg.
Ich könnte mir schon wieder selbst an der Nase ziehen, weil ich den aufkommenden Gedanken zu viel Raum lasse, anstatt sie festzuketten, die Hütte dazu steht bereit, liebevoll mit warmen Decken ausgestattet. Es liegt nur an mir, höre ich eine Stimme flüstern, etliche Kilometer von mir entfernt.
Während ich mit meinem weindurchtränken Spiegelbild flirte, erhasche ich mich dabei, wie ich das Thema Freundschaft vorsichtig streife wie ein verbotendes Terrain, von dem ich mich heute fernhalten sollte. Erschrocken zucke ich zurück und höre die aufdringlichen Fragen an mir vorbeirauschen wie die S-Bahn, die täglich vor meinem Fenster entlang rattert.
Wo fängt sie an? Wo hört sie auf? Woran erkennt man den richtigen Weg dorthin? Wo sollte man lieber kehrt machen? Wann ist man nur Kollege? Wann ist man eine Bekannte? Wann ist man eine Freundin?
Ab einem bestimmten Alter wird vieles schwieriger, dazu gehören auch Freundschaften. Zu Schulzeiten war es leicht, andere Leute kennenzulernen, mit den Freundinnen den Nachmittag am Strand zu verbringen, man selbst zu sein, abzulästern, zu jammern, zu weinen, zu lachen, Schultern zu spüren, die sich an die eigene anschmiegten. Und man denkt, es wird immer so bleiben, während man gemeinsam den Sonnenuntergang beobachtet. Zum Glück glaubt man das, sonst säße einem die Angst noch härter im Nacken als sie es sowieso schon tut; je mehr sich das Ende dieser Zeit mit großen Schritten nähert, um so schneller geht der Herzschlag. Irgendwie trennen sich nach der Zeugnisübergabe die Wege und jeder beteuert: „Wir bleiben im Kontakt, alles bleibt so wie es ist.“ Doch das ist eine Illusion, die uns eines Tages wie ein kalter Wind einholt. Der Fluss des Lebens spült einen an neue Ufer, wir treffen auf fremde Menschen, in der Hoffnung an dem anzuknüpfen, was man in der Heimat hat liegen lassen.
Als Schulkind erschien einem alles so einfach, selbstverständlich und mit zunehmendem Jahren gerät man schneller ins Stocken als einem lieb ist. Die Eigenständigkeit setzt sich auf die Schulter, navigiert den Alltag und im Hinterköpfchen pocht die Flucht vor der Einsamkeit. Der Mensch ist wie der Wolf ein Rudeltier und ein einsamer Gefährte gleichzeitig. Einerseits sucht man nach leeren Inseln, die dazu einladen, die sich hinzulegen, dem Gesang des Meeres zu lauschen, sich auszuruhen, durchzuatmen, zu sortieren. Andererseits schaut man nach Gleichgesinnten, mit denen er sich austauschen kann. Mit wem gelingt einem das besser als mit einer guten Freundin? Nur was ist, wenn die eines Tages nicht mehr nebenan wohnt?
Und dann ist er da, der Moment, auf dem man so lange gewartet hat: Die Begegnung mit einem Anderen, bei dem man denkt, das könnte mehr werden als nur eine Kollegin. Ohne es zu wollen, fühlt man sich dann wieder wie ein Teenager, der zum ersten Mal verliebt ist. Wie gehe ich es am besten an? Woher weiß ich, dass er oder sie auch so empfindet? Wie fange ich an? Was ist aufdringlich? Wo sind die Grenzen? Bis hier hin und wo weiter?
Der ganze Abend plätschert wie ein scheuer Nieselregen vor sich hin, als würden die Tropfen schüchtern die Rinne entlanglaufen. Nichts Halbes, nichts Ganzes. Als ich gehen will, steuere ich den Ort an, der mich schon die ganze Zeit anzieht und unsere Wellen treffen sich zum ersten Mal richtig, ich will noch mehr, doch die Uhr tickt und die letzte Bahn wird nicht auf eine einzelne Dame warten.
Ich muss nun los, leider, sage ich, drücke sie und dann antwortet sie: Wenn du magst, kannst du nächste Woche gern wiederkommen.
Mai 10, 2008 at 1:33
Das ist ein wunderschöner Text! In dem ich mich , leider, muß ich sagen, nur zu gut wiederfinde. Ich hatte, bedingt durch meine Lebensumstände, lange Jahre überhaupt keine Freunde, und als es mir wieder besser ging, fand ich recht schnell einen Partner und auch lose Bekannte, aber nicht mal annährend sowas wie eine „beste Freundin“. Ich hab mal gelesen, daß das zwischen Mitte 20 und 40 auch fast aussichtslos sein soll. Da stand, Frauen , die in der Zeit selbst Partner und Familie haben, mißtrauen ihren Single-Geschlechtsgenossinen, und die Frauen, die das nicht haben , sehen andere Frauen unbewußt immer als Rivalen….. So ab 50 soll es angeblich wieder leichter werden, das würde bedeuten, ich müßte noch 15 Jahre warten.
Früher hätte ich über so einen Blödsinn gelacht, aber so ganz aus der Luft gegriffen scheint das nicht zu sein
Ich hoffe, daß das Euch „klappt“
LG vivi
Mai 10, 2008 at 7:04
danke liebe vivi, für deinen schönen und wissensreichen kommentar. dann haben wir ja viel zeit bis zur 50 für uns selber. ; ) und ich bin froh, dass ich feste freundschaften habe, von denen ich heute noch naschen kann wie die biene aus der blüte. dir drücke ich fest die daumen, dass es durch einen glücklichen zufall doch schon eher etwas wird. ach, was heißt wünschen, ich glaube einfach dran.**