Es geschah an einem Montag, als die Sonne schon morgens fast am Zenit stand und versprach somit lächelnd den Erdenkindern, dass es ein wunderbarer Tag werden sollte. Ich setzte meine Sonnenbrille auf und lief zur S-Bahn. Oben angekommen, stach er mir sofort in die Augen. Er war kein gewöhnlicher Wartender, irgendetwas verwirrte mich, doch ich konnte nicht genau sagen, was es war. Sein Alter ließ sich schwer schätzen, aber eines sah ich sofort: Es musste ein intelligenter Mann sein, der vom Weg abgekommen war.
Als sich die S-Bahn-Türen schlossen, hörte ich von ganz hinten eine summende Stimme, in den Worten war so ein Singsang, den ich nicht einordnen konnte. Es kam immer näher und dann hörte ich: “Ich bin seit acht Jahren obdachlos, aber ich bin nicht so einer, wie Sie hier vielleicht denken und bitte lediglich um eine kleine Spende. Bitte.” Ich schluckte und sah zu den anderen Fahrgästen. Einige stellten ihre Musik lauter, andere versteckten sich hinter ihren Zeitungen. Kurz dachte ich: Es ist eine schwere Zeit, jetzt obdachlos zu sein, wo die Menschen sowieso weniger Geld haben. Kaum einer kann wirklich davon existieren. 50 Prozent leben mit einem Jahreseinkommen von 25.000 Euro, wie die neue McKinsey Studie erst kürzlich veröffentlichte.
Vor die Sonne schoben sich düstere Wolken und ich kämpfte mit mir – mit meinem Gewissen. Der Teufel und der Engel lieferten sich eine regelrechte Schlacht, so sehr, dass ich mich fester halten musste, um nicht umzukippen. Er kam an mir vorbei, stieß mich an und ich guckte in seine Augen. So leer, verbraucht, doch ganz hinten sah ich einen zarten Hoffnungsschimmer, dass ich erschrocken das Atmen vergaß. Neben mir raschelte es und ich sah, wie ein Mann seine Geldbörse zückte. Ich atmete auf und spüre, wie sich die Stimmung plötzlich in der S-Bahn veränderte.
Hinterher fragte ich mich: Bin ich kalt? Feige? Aber ich habe nur wenige Cent-Stücke übrig und die gebe ich Leuten, die etwas vollbringen, entweder eine Zeitung verkaufen oder auf einem Instrument spielen, obwohl letztere schon wieder eine andere Kategorie darstellen.
Die Sonne schien tatsächlich den ganzen Tag, doch über mir bewegte sich ständig ein dunkler Schatten wie ein treuer Hund, der nicht von mir weichen wollte.