Vor einigen Tagen saß ich in einem Café an einer großen Straße. Die Sonne stand an der höchsten Stelle und nahm sich von der Erde, das was sie wollte. Sie bespuckte die Menschen frech mit Schweißperlen, einige hatten sie auf der Stirn, andere unter den Achseln. Ich trank im Schutze des Sonnenschirms einen kalten Eiskaffee und streckte der leuchtend gelben Madame über mir die gefrorene Zunge raus, die ein wenig wie ein dünner Schneemann aussah. Dabei blieben meine Augen im bunten Treiben um mich herum haften. Eigentlich wollte ich einen langen Liebesbrief schreiben; er war schon längst fällig, aber die Verführungen vor der eigenen Nase waren zu groß. Ich weiß auch nicht, aber ich kann mich in der großen Stadt einfach nicht satt sehen. Kaum ist man zur Ruhe gekommen, macht es wieder schwupps und man dreht mit dem eigenen Kopf flotte Runden, als wäre man selbst ein Pferd auf einem Karussell.
Nehmen wir doch mal den Typen links neben mir. Der sitzt schon eine Weile in der prallenden Sonne. Dicke Kopfhörer trägt er, die aussehen wie Tennisbälle, als wären sie irrtümlich an seinen Ohren hängengeblieben. Er schaut geradeaus und ich vermute, er ist gar nicht hier, nur seine Hülle. Der Geist, tja, wo mag er sich wohl gerade aufhalten? Bei einer schönen Frau zwischen den Beinen oder mit dem Mund auf ihren Lippen? Vielleicht pokert er aber gedanklich gerade und ist kurz vorm Gewinnen? Oder steht er im Fußballstadion neben Michael Ballack? Eigentlich sieht er mehr wie ein Skater aus als ein Kicker. Sein Kopf spielt Ping-Pong. Im Sekundentakt wippt er von vorn nach hinten. Ich starre ihn schon eine Zeit lang an, beobachte ihn, und er bemerkt es tatsächlich nicht.
Wumm! Auf der Straße gab es soeben eine Vollbremsung. Vor mir hält ein Lastwagen mit der Aufschrift: Mobiler Schlauchkurier! Was ist bitteschön ein Schlauchkurier? Ein Kurier, der Schläuche transportiert? Oder ein Kurier, der nur Briefe in Schlauchform von A nach B bringt? Gleich dahinter trötet auch schon ein Durstlöscher: Keine Panik, trink Garick – steht in großen Lettern auf seinem Bauch. Von dem Getränk habe ich bis dato nie etwas gehört, aber der große Wagen fährt ruhig an meinen fragenden Augen vorüber, seine Spiegel zwinkern mir frech zu und ich fühle mich ertappt.
Das Klappern eines alten Fahrrads holt mich aus meiner Gedankenspirale zurück und ich schaue auf zwei junge Männer, die händchenhaltend an mir vorbeischlenkern. Der eine trägt einen Hut, der an wilde Westernfilme erinnert und kurz denke ich, dass das an seinem rechten Arm kein Fahrrad, sondern ein brauner Hengst ist. Cold Mountain lässt grüßen.
Den Liebesbrief habe ich Stunden später noch geschrieben, abends im Bett, natürlich bei zugezogenen Fenstern, man weiß ja nie bei so einem neugierigem Geist wie meinem. Schwupps, eh man sich versieht, fliegt er duch den offenen Fensterschlitz und ich sitze am Ende da mit meinen flatternden Haaren, dem klopfendem Herzen, aber ohne Verstand.
Mai 27, 2008 at 7:13
Welch wunderbar offenen Blick du hast und dazu die leisen Töne einer Stadt aufnimmst ohne in ihr verloren zu gehen. Wunderschön erzählt, vor meinen Augen spielte sich ein Kurzfilm ab……Ach wie nett, sowas am Abend…LG Bonafilia
Mai 29, 2008 at 9:56
Und wie wunderschön es ist, solch einen lieben Kommentar am Abend zu lesen. Vielen herzlichen Dank dafür, liebe Bonafilia.