Jetzt, wo die Tage wieder länger werden, denke ich besonders oft an eine Freundin. Warum genau jetzt? Vielleicht, weil ich den Geschmack vom Abschied schon auf meiner Zunge ertaste und mich das Ganze an eine Salzstange erinnert, die sich nicht auflösen will. Uns verbindet so Einiges: Berlin, Theater, Literatur, Kunst, Kaffee, Wein, Pfefferminztee, der Norden. Gleichzeitig schwebt ein dunkles Geheimnis über den Köpfen, das wir bis heute verschweigen.
Kennengelernt haben wir uns während eines Studienfaches, das wir beide als schwarzen Fleck in unserem Lebenslauf benennen und es deshalb raffiniert ausradiert haben. Heute noch prusten wir los, wenn wir daran zurückdenken. Und doch hätte es diese Stelle nicht gegeben, würden wir uns gar nicht kennen. Schon komisch das Leben, denke ich mal wieder.
Es brauchte nicht viele Worte, bis der Bann gebrochen war. Sehr schnell schwänzten wir die Seminare, tranken stattdessen Kaffee und lachten mit der Sonne um die Wette. Eines Nachmittags tauchte eine Frage in meinem Kopf auf. Ich war ganz aufgeregt, wollte es nicht aussprechen, rief sie an und sagte:
Du, ich muss mit dir reden.
Ach, wie schön, ich auch, sagte sie.
Als wir uns gegenüber saßen, schmiegte sich der Kaffeedampf müde in die kalten Fliesen über der Spüle, kehrte bald mit frischem Elan zurück, blieb dann an den Tassen hängen und uns verdeckte er die roten, aufgeregten Gesichter.
Und? fragte sie im Nebel.
Na ja, ich dachte, du bist unzufrieden mit deiner WG und ich mit meiner überteuerten Wohnung… wollen wir nicht…
Sie lachte und sagte: Das Gleiche wollte ich dich auch fragen.
Das Glück brachte uns nach einem langen Marathon tatsächlich schneller als erwartet die Traumwohnung. Am Rande von Prenzlauer Berg, frisch renoviert, perfekte Zimmeraufteilung, im obersten Stockwerk, bezahlbar.
Ich erinnere mich noch ganz genau, dass am Tag, an dem wir einzogen, die Sonne brannte. Es war Mai, der Winter lag hinter uns, während der Sommer sein verführerisches Lächeln ausetzte und lechzte. Es war höllisch heiß, folglich lief uns der Schweiß nur so runter und unsere Schuhe badeten unfreiwillig in kleinen Seen aus Salzkristallen.
Schon damals mochte ich ihren kühlen Stil. Alles weiß, schlicht und die schöne Bauhauslampe auf ihrem Schreibtisch ließ mich jedes Mal vor Freude erschaudern. Ich mag es gar nicht sagen, aber ich habe sie oft in ihrem Zimmer besucht, nur um die wunderbare Lampe zu sehen, weil ihr Anblick mich so berührte, etwas in mir weckte, von dessen Existenz ich bis dahin noch gar nichts gewusste hatte. Meine Möbel sahen eher aus wie zusammengewürfelte Puzzleteile. In gewissem Maße spiegelten sie mein Ich wieder: ein Wirrwarr an Gedanken und Gefühlen. An meinen Wänden hingen keine Bilder, dafür einige Fragezeichen, die mir nachts ihre Lieder sangen.
Die Sonne strahlte auch Wochen danach weiterhin wie ein treuer Gefährte, doch es zogen allmählich dunkle Wolken auf, die wir zunächst übersahen. Für mich brach eine schwierige Zeit an, denn das Studium schlauchte mich und es gefiel mir von Tag zu Tag weniger. Sie kam mit den Semesterferien nicht klar, vergrub sich in ihrem Zimmer, die Kapuze tief im Gesicht. Die Zeit davor war auch nicht einfach gewesen. Im ganzen Klausurenstress wechselten wir kaum ein Wort miteinander, gingen uns förmlich aus dem Weg. Manchmal sprach sie mehr mit ihrem guten Freund, obwohl ich dabei war. Das tat sehr weh. Eines Abends erschrak ich im Kerzenlicht, denn ich hatte Angst vor ihr, Angst davor, wenn sie heim kommt, Angst vor ihrer Laune. Und dann tauchte ein junger Mann auf, der ihren Sinn für Warterei auf die äußerste Probe stellte. Unsere Wohnung glänzte noch immer in einer gewissen Schönheit, die man nicht wagt anzufassen, aus Vorsicht, sie durch eine ungünstige Handbewegung kaputt zu machen, aber die Bewohner erinnerten an Wände von denen der Putz längst abgeblättert war. Sie waren Schatten ihrer Selbst geworden und krochen am Boden. Kalt, distanziert, gefühllos.
Ich machte durch meine spontane, manchmal naive Art noch alles schlimmer, an dem Tag, als ich ihr eröffnete, dass ich ausziehen wolle und schon Nachmieter gefunden hatte. Sie ging, ohne ein Wort zu sagen in ihr Zimmer, schmiss die Tür und blieb dort. Ich glaube, in der Nacht löste sich unsere Wohnung im Salz der Tränen auf. Einzig der Mond legte seinen kalten Mantel um unsere erhitzten Herzen.
Im Nachhinein ohrfeige ich mich dafür, dass ich so war wie ich war, wir nicht öfter mit einander sprachen, ich statt mit Vorwürfen nicht einfach meinen Arm um sie gelegt habe… Einiges wäre anders verlaufen und doch weiß ich: Wir sind zu sehr zwei Individualistinnen, zwei Querköpfe, anspruchsvolle Charaktere, die ihren gegenseitigen Abstand brauchen, um nicht zu ersticken. Es würde heute auch nicht besser laufen.
Einige Freundschaften zerbrechen nach solchen Aktionen. Ich habe es in meinem Bekanntenkreis selbst erlebt. Lange Zeit hielten auch wir uns nach dem Auszug bedeckt. Mir blieben einzig allein die Erinnerungen an die lustigen Parties, denn sie kannte etliche Leute in Berlin und die wiederum brachten viele andere mit. Und an die Abende, wo wir bei Kerzenschein in unserer kalten Küche saßen, ihre Art, meinen Namen auszusprechen, Tage, an denen wir unsere Sonnenbrillen nicht absetzten und bei heißen Gläsern mit Pfefferminztee in einem Abbruchcafé saßen, dabei gemeinsam in der Melancholie schwammen…
Bis wir uns vor zwei Jahren wiedersahen. Da tauschte ich die Erinnerungen aus oder halt nein, sie bekamen eine andere Farbe. Sie hatte ebenso wie ich ihr Studium geschmissen und war in den Ernst des Berufslebens zurückgekehrt. Während wir an unseren Limonaden nuckelten, merkte ich: Wir waren erwachsene junge Frauen geworden, die ihr Ziel endlich gefunden hatten. Lange saßen wir an dem Nachmittag zusammen, bald musste ich wieder los, weil ich noch in einer anderen Stadt wohnte.
Nun bin ich hier her zurückgekehrt, habe mich eingelebt und nenne auch ihren Namen, wenn ich von meinen Freundinnen in Berlin spreche. Wir sind reifer geworden, haben uns weiterentwickelt und ignorieren einfach diese eine Geschichte. Nun könnte alles so schön sein, ein zweiter Versuch, es kommt mir vor, als stünde ich auf einer Leiter greife nach einem roten Apfel und rutsche ab, denn ausgerechnet jetzt packt sie Kartons und bereitet sich auf ihren Umzug nach Holland vor.
Auch das ist das Leben, denke ich. Es bewahrt dich nicht vor Veränderungen und Abschiede. Sie kommen angeschlendert, ohne dich vorher zu fragen, ob du damit einverstanden bist oder nicht. Es spielt seine eigene Melodie und du sitzt auf dem Balkon, deine Beine baumeln, du guckst zum Mond, in der Hoffnung, er möge hinter seinem Grinsen eine passene Antwort hervorzaubern.
Während ich noch den silbernen Schein auf meinem Kopf spüre, weiß ich eins genau: Heute finde ich in meinem Herzen nicht nur die Erinnerungen von damals, sondern dich, so wie du bist und immer sein wirst.
Viel Glück, meine Liebe. Und wenn es sein soll, sehen wir uns wieder.
Mai 30, 2008 at 10:13
Es gibt Veränderungen, ob gut oder schlecht, die sich nicht aufhalten lassen. Die Momente entgleiten einem, bis plötzlich alles ganz anders ist und man es nicht mehr rückgängig machen kann. Doch dann zählt, was man danach daraus macht und ich finde, dass ihr das doch eigentlich gut hinbekommen habt. Oder?
Juni 1, 2008 at 5:03
Nicht jede Freundschaftsgeschichte endet so versöhnlich wie diese.
Deshalb ist ein versöhnliches Ende manchmal auch ein Zwischenspiel.
Juni 2, 2008 at 8:24
@ ada.
ja, wir haben es wieder hinbekommen und ich bin sehr froh über die wende.
@claudia.
es ist ja ähnlich wie in beziehungen… manchmal gibt es einen knacks. entweder beide parteien können damit leben oder sie gehen daran kaputt. wir beide leben heute unsere freiheit miteinander und arrangieren uns damit bestens. trotz allem bin ich froh über diese erfahrung, wie schmerzhaft sie auch war.
ich danke euch für eure gehaltvollen kommentare.