Sport und Obdachlosigkeit – passt das zusammen? Ich weiß es nicht und wische eine Schweißperle von meiner Stirn. Während ich noch darüber nachdenke, sehe ich ihn schon von weitem auf seiner Bank sitzen. Ich lächele kurz auf und denke, dass er irgendwie schon zu meinem täglichen Morgenritual gehört. Im nächsten Moment jedoch stocke ich bei dem wohligen Gedanken. Irgendwas stimmt nicht.
Der alte, graubärtige Mann sitzt wie gewohnt auf seinem Platz, auf der zweiten Bank am Ufer gegenüber vom Fluss. Seine Haare sind strähnig und hängen wie Staubfäden in seinem Gesicht. Neben ihm liegt wie ein treuer Hund sein großer erdenfarbiger Rucksack, an dem etliche Sachen baumeln. Ich erkenne kleine Schalen aus Alu und eine Trinkflasche, die still dort hängen und froh darüber sind, einen Platz gefunden zu haben. Der Mann strahlt eine Ruhe aus, wie ich sie selten bei Obdachlosen gesehen habe. Fast so, als hätte er sich mit seinem Schicksal angefreundet, vielleicht mit ihm Brüderschaft getrunken oder hat er sich vielleicht bewusst dafür entschieden?
Jedesmal, wenn ich an ihm vorbeilaufe, spüre ich wie sich ein fremder Geruch ganz schüchtern zwischen die assimilierenden Blätter und die seichten Wellen des Wassers schiebt. Diese Mischung erinnert mich an etwas, nur an was genau, mag mir einfach nicht einfallen.
Jedesmal, wenn ich an ihm vorbeilaufe, möchte ich mich neben den alten Mann setzen und ihn so vieles fragen. Er sieht tatsächlich aus wie ein Geschichtenerzähler, dem Kinder am offenen Kamin mit leuchtenden Augen zuhören. Im Winter trägt er bestimmt einen roten Mantel und erfüllt Wünsche.
Jedesmal, wenn ich an ihm vorbeilaufe, krampft sich mein Herz zusammen, als hätte sich ein Muskel eingeklempt. Ich atme dann stets so wie es mir meine Mama beigebracht hat, langsam ein, langsam aus – der Schmerz jedoch bleibt wie eine hässliche Klette an der Stelle sitzen und streckt mir die Zunge raus.
Jedesmal, wenn ich an ihm vorbeilaufe, denke ich über den Begriff Obachloser nach. Landstreicher hießen solche Menschen früher einmal, als noch Kutschen statt Autos fuhren. Ein viel schöneres Wort, finde ich, man sollte es wieder offiziell einführen und auf den Begriff Penner ein Bußgeld setzen.
Jedesmal, wenn ich an ihm vorbeilaufe, sitzt er da, vollkommen in sich versunken, blickt auf die Spree und ist nur mit seinem Körper anwesend. Ich möchte wissen, an was und wie er über die Welt denkt.
Jedesmal, wenn ich an dem alten Mann vorbeilaufe, bleibe ich am Ende des Weges stehen, zerpflücke mit meinem hechelnden Atmen eine Pusteblume und wünsche mir, dass es so etwas irgendwann nicht mehr geben wird.