Ich erinnere mich gar nicht mehr, wann es das letzte Mal war. Viele Monate sind seitdem übers Land gezogen. Blumen blühten, Äpfel reiften, Blätter fielen. Mein Geist irrte unruhig umher, unsicher, wo vorne und wo hinten ist. Heute steht er naürlich nicht still wie ein fertiges Haus, dennoch ist er irgendwie erwachsener geworden.

Im Lichtschein des Mondes streichele ich über sein Gesicht, er atmet tief und hält sich jetzt ganz woanders auf. Vielleicht fährt er mit seinem geliebten Jaguar durch Italien, ich daneben und auf uns die Sonne. Wer weiß das schon. Träume sind unsere geheimen Botschafter, manchmal ähneln sie dem Gruselkabinett und in anderen Nächten fühlt man sich wie im Paradies, möchte nicht aufwachen. Ich liege nun wach, aufgekratzt und versuche die Zahl zu greifen. Ich bewege meine Finger nach oben… 1…2…3…4… Dann taucht sie auf einmal grinsend auf: die 4 war es. Während eben noch das Bild eines warmen Sommertages meine Wangen streifte, plumpst mir die Zahl auf die Nase wie eine dicke Spinne. Ich erschaudere und zittere. Eckig, spitz ist sie und ich höre sie hähmisch lachen.

Vier Jahre und sechs Monate ist es her, dass ich mit einem ICE gefahren bin. Es sollte damals die Reise in ein dunkles Land sein, das man sonst aus schlimmen Filmen kennt, eine Landschaft, wo keine Pflanzen und singende Vögel mehr existieren. Es war das furchtbarste Weihnachten, das ich je erlebt habe. Noch Monate, Jahre danach verfolgten mich Alpträume, in denen mich die eine Person bedrängte, die dort auftauchte. Ich hatte mich damals auf das Fest gefreut, auf meine Familie, meine Nichte und Neffen. Es sollte so schön sein, wie man es kennt, aber für mich war die Feierlichkeit blanker Horror. Während alle im Haus schliefen, lag ich mit der gewissen Person im Keller – dort war das Gästezimmer. Statt Sternenküsse hagelten Vorwürfe und Schuldzuweisungen auf mein Kissen. Der Boden löste sich in Salzkristalle auf, aber es waren dieses Mal nicht meine Tränen. Folglich sei ich ein kaltherziger Mensch gewesen. Die anderen bekamen von dem Desaster überhaupt nichts mit und ich verschwieg das alles, aus Vorsicht und es allen Recht zu machen, nur keine Unruhe stiften.

Heute bin ich mir darüber bewusst, dass ich es hätte machen sollen. Schon am ersten Abend der Ankunft hätte ich wieder abreisen sollen, zurück zu meinem Liebsten, der sich in der Heiligen Nacht eine kalte Wohnung mit einem einsamen Mann und Kater teilte. Aber ich blieb, ich war feige, ängstlich. Ich blieb, schwieg mich blutig wohl wegen meiner Nichte und Neffen – da ich sie ohnehin zu selten sah. Wer den Glanz von glücklichen Kinderaugen kennt, wird mir nachempfinden. Ehe ich mich versah, kroch ein Monster zu mir, durch die Ohren… weiter in die Brust und verharrte im Herzen. Wo sich eins zwei Menschen liebten, zerfleischten sie sich wie wilde Tiere.

Wie oft ich danach nachts klitschnass aufgewacht bin, weiß ich nicht mehr. Ich habe es vorsorglich verdrängt. Der ehemalige Geliebte war zu einem brutalen Monster geworden. Er versuchte mich einzusperren, mich zu vergewaltigen, mit einem Schraubstock kratzte er an der Tür und rief gierig: Ich krieg dich noch.
Niemanden – bis auf den engsten Freundinnen – habe ich davon erzählt. Ich schwieg, wollte keine Unruhe stiften, das gleiche Spiel wie zum besagten Weihnachtsfest. Doch jetzt, Jahre später, wo ich wieder im ICE sitze, kommt alles nach oben, da ist ein Riss, der die bösen Gedanken und Gefühle nach oben pumpt begleitet von einem Geschmack, der an faule Äpfel erinnert.

Ich weiß, ich habe damals im Sommer 2003 einige sehr verletzt, meine Mutter am meisten, durch mein Schweigen, doch ich hatte Angst. Ich hatte mich in einen anderen Mann verliebt, einen Mann, der Jahre älter war als ich und nicht in so sicheren Gefilden schwamm wie sein Vorgänger. Doch der neue Mann war ein Seelengefährte, wie man ihn selten trifft. Einige warten Jahre oder ihr ganzes Leben auf so eine zauberhafte Begegnung, die vom Schein der Götter umgeben ist. Damals wollte ich den anderen hinter mich lassen, befreien, allein sein. Und ich habe mich nicht sofort in eine neue Beziehung gestürzt. Wir beide wollten und mussten uns erst einmal sortieren. Ha, und da sind sie wieder die Rechtfertigungen, es jedem Recht machen zu wollen.

Ohne etwas zu tun, füllen sich meine Augen jetzt mit Tränen und gleichzeitig fällt eine große Last von mir ab. Ja, meine Tränen mischen sich nun mit einem Lachen und ich fühle mich wie eine Raupe, die schon ihre Flügel spürt. Sicherlich sind vier Jahre und sechs Monate keine lange Zeit auf das Leben gerechnet und doch können sie dich prägen als wären sie 50 Jahre.
Das Monster habe ich mittleweile besiegt. Wenn er heute des nachts auftaucht, winselt er vor Unsicherheit als wäre er ein schüchterner Hund. Wenn von dem Fetzen an Liebe und Wärme damals noch etwas existierte, so hat er es durch sein egoistisches Verhalten zerstört. Es lebt nichts mehr von dem in meinem Herzen.

Ein einziger Grabstein erinnert heute an das, was sich einmal Liebe nannte.