Meine Hände haben zehn Finger. Ich betrachte jeden einzelnen akribisch als wäre ich das Mikroskop höchstpersönlich und zähle sie durch. Zehn… eine 1 und eine 0. Die Zahl streift zaghaft mein Haar, verharrt dort zwei lange Atemzüge und wandert weiter am Hals entlang, in mein Ohr und fällt ins weiche rote Plüschsofa meines Herzens.
Es sind genau zehn Jahre her, dass ich endlich 18 Jahre geworden bin. Was habe ich damals dem Tag entgegengefiebert. Ich erinnere mich noch so genau, als wäre es gestern gewesen. Im Hintergrund höre ich meine Mutter sagen: „Warts nur ab, von nun an vergehen die Jahre wie im Fluge.“ Was habe ich schallend über die mütterliche Weisheit gelacht. War es wirklich Schadenfreude oder wollte ich die aufkommende Angst des kurzen Atems der Zeit überspielen?
Ich sprang mit einem Gesicht, das von Freudestränen eingeseift war, vom Felsen in das frische Nass der 18 und freute mich auf die Schätze, die der Meeresboden für mich bereit halten sollte. Als erstes schnappte ich mir das Wort Volljährigkeit und die damit verbundene Verantwortung. Hinter der nächsten Koralle versteckte sich der Führerschein und weiter dahinten mein Abi, etwas abseits lag eine neue Stadt und die erste eigene Wohnung. Hungrig war ich, als hätte ich wie eine Bärin bis dahin einen tiefen Winterschlaf gehalten und wollte nun alles auf einmal verschlingen. Alles kam langsam im Zeitlupentempo auf mich zu, aber verdaut wurde rasant und ich bemerkte es im Eifer nicht. Die Worte der Mutter lagen verborgen hinter gelesenen Bücherseiten und wisperten im Schatten ihr eigenes Lied.
Heute krame ich sie hervor und habe wieder Tränen in den Augen – es sind jedoch andere, keine von Trauer durchtränkten, viel mehr Spuren der Rührung, Tränen einer erwachsenen Frau von 28 Jahren. Die naive Leichtigkeit dominiert jetzt nicht mehr allein. Gerührt bin ich über die Geburtstagskarte meiner Mama, die Worte so wahr, herzlich und rein. Jeden einzelnen Buchstaben habe ich herausgezogen, auf eine Leine gehangen und erfreue mich über das, was ich heute bin. Leider bin ich noch immer zu oft eine kleine Chaotin, die 12 Stunden des Tages mit dem Suchen beschäftigt ist. Gleichzeitig möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass ich enorm gewachsen in den zehn Jahren und es zu häufig übersehe. Ich habe wirklich keine Zeit vertan, wie du schreibst. Mama. Mein Rucksack, den ich schon mit 18 Jahren schnürte, trug ich stets bei mir. Einige Träume entpumpten sich als zerplatzte Seifenblasen, dafür kamen jedoch neue Perlen für meine Lebenskette hinzu. Ich habe viel riskiert, etliche Eimer an Tränen in die Blumentöpfe gegossen, Risse am Leibe erfahren, die heute in Form von Narben an jene schmerzhaften Ereignisse erinnern, mir dafür Stärke in die Knochen gebrannt haben. Meinen Weg bin ich aber unbeirrt, hartnäckig weitergegangen und manchmal hat mir meine kindliche Naivität weitergeholfen. Nicht darüber nachdenken, sondern einfach nur machen und an das Gute im Menschen glauben.
Ich bereue nichts, kein Umweg war mir zu lang, kein Berg zu hoch, keine Schweißperle zu nass, keine Träne zu feucht. Vielleicht habe ich an einigen Stellen den kurzen Atem der Zeit gelegentlich unterschätzt. Wie oft verschob ich Sachen auf Morgen, obwohl sie besser in die Gegenwart gepasst hätten? Wie oft habe ich an Dingen festgehalten, obwohl sie längst am Horizont verschwunden waren? Wie oft habe ich gegenwärtig über Sachen nachgedacht, die noch gar nicht an der Zeit waren? Irgendwann stieß ich durch einen Autor auf eine Kultur, die in der Moderne zwar ebenso eilt wie ich, doch parallel die Kunst des Anhaltens, des Verweilens beherrscht. Die Menschen dort lassen los, wenn es sein muss und beugen sich vor der Natur als wäre es der liebe Gott persönlich. Ich spreche von den Japanern und dem Buddhismus. Das fasziniert mich und hält mein Rad an, wenn es das Tempo überschritten hat.
Das Teufelchen sitzt auf meiner linken Schulter und grinst:
„Siehst du, du wolltest damals nicht auf deine Mama hören. Nun hast du den Salat.“
„Salat? Wo ist Salat? Schau sie dir an, wie wunderbar sie geworden ist. Ihre Stärke, den großen Happen an Weisheit, den sie heute schon im Bauch liegen hat“, entgegnet der Engel auf der rechten Schulter. „Sie ist ihren Weg gegangen und wird ihn weitergehen mit ihrem eigenen Atem und wenn sie die Zeit eines Tages einholt, dann hält sie diese fest und denkt an ihre Mama zurück. Sag, gibt es ein schöneres Gefühl als dieses?“
Sicherlich ist es schön, wenn es Zeitrahmen gibt, doch ich finde, man sollte für sich den eigenen Atem der Zeit finden und leben. Während ich das denke, tanzen meine zehn Finger den nächsten Jahren in ihrem eigenen Rhythmus entgegen.