Wenn ich heute an das Mädchen zurückdenke, überkommt mich eine Kälte wie sie nur an eisigen Wintermorgenden herrscht. Und ich sehe noch etwas: Eine Träne, die sich zart an den starken Sonnenstrahlen festhält. Ich wollte sie auffangen, doch meine Arme waren zu kurz, mein Atem zu schnell, als das ich sie hätte in ein Land pusten können, das vor Freude erstrahlt. Ihre Traurigkeit berührte mich noch Stunden nach unserer Bewegung, wenn ich ganz ehrlich bin, selbst heute noch. Als ich mit meinem Liebsten freudig erzählend mit der S-Bahn in die City fuhr, spürte ich eine kalte Nebelwand zwischen ihm und mir, denn er saß genau neben ihr.
Das Mädchen hielt ihren Schokoriegel in den Händen, als wäre es ihr liebstes Stofftier, das sie schon seit ihrer Kindheit stets bei sich trägt. Ich dachte erst, es sei ein Straßenkind, doch beim genauen Hinsehen, sah ich wie makelos ihre Kleidung war. Alles sauber, keine Falte, fleckenlos. Lediglich ihr Gesicht erzählte mir die wahre Geschichte. Sie hatte es im Leben nicht leicht gehabt und ich sah ihr die Erschöpfung unter den Augen deutlich an. Die Haut erinnerte mich an kalte Asche, die mein Opa stets aus dem Ofen herausgekratzt hat, während draußen zarte Schneeflocken sachte an die Fenster klopften. Ihre Augen vergruben sich ganz hinten in den Höhlen und sehnten sich in Wirklichkeit nach Ruhe und Frieden. Dort existierte kein Leuchten, wie es bei jungen Leuten sonst der Fall ist. Das Mädchen war jünger als ich und schien älter als mein Opa.
Als wir die Bahn verließen, sagte mein Liebster leise, fast flüsternd:
Sie hat mich eben ganz traurig angesehen. Das tut weh.
Ich drückte seine Hand und verstand.
Für einen Moment blieb die Zeit vollkommen stehen, die Menschen um uns verharrten in ihrer Bewegung und wir schauten der Bahn nach, die von einem seltsamen Schatten umgeben war.
August 5, 2008 at 8:57
Das ist wirklich schön festgehalten.
Es ist seltsam, wie man manchmal das Gefühl hat, als fiele man ins Bodenlose, wenn man einen Menschen ansieht.