Als ich durch das hässliche Einkaufszentrum am Alex laufe, rast plötzlich eine Frage durch meinen Kopf. Sie ist so schnell, dass mir beinah schwindelig wird, ich flüchten und mich draußen auf einen nackten Stein setzen muss. Ich atme tief ein, drehe die Zeit zurück und lasse die Worte nun mit etwas mehr Ruhe an das Tageslicht flattern: Wieviele Menschen hier sind eigentlich glücklich?
Das Mädchen da vorn mit den tausend Einkaufstüten, die ihrer Freundin gerade einen neuen BH vor die Nase hält und verlegen kichert?
Was ist mit dem Pärchen, das sich verstohlen küsst? Haben sie sich gerade wieder versöhnt oder sind es die ersten aufregenden Küsse? Sind sie zusammen tatsächlich glücklich oder ist einer der beiden eher ein Trostpflaster gegen die Einsamkeit und das Alleinsein?
Oder die junge Frau dort neben dem Eingang, die mit ihrem Mann, den Kinderwagen schiebt. Mag sie ihre derzeitige Rolle wirklich oder möchte sie sich einfach mal wieder sexy fühlen, für sich allein sein?
Glück. Was ist das schon? Es scheint, als hechelt die ganze Nation neuerdings nur diesem einen Wort hinterher. Die Buchhandlungen schmücken sich mit immer mehr Ratgebern, wie man glücklich wird oder bleibt. Es ist wie ein Sog, der alle mit sich zieht. Wenn man jedoch starr draußen stehen bleibt, gucken einen die anderen entgeistert an und fragen: Du etwa nicht?
Die Menschen wollen wie gierige Bären dauerhaft davon schlecken als wäre es Honig. Doch ist Glück nicht nur ein momentaner Zustand? Wäre es nicht besser, nach Zufriedenheit zu streben? Die Japaner beispielsweise essen sich nicht satt, sondern zufrieden. Sollten wir nicht lieber zufrieden statt glücklich leben? Ich finde allein schon die Frage nimmt eine enorme Menge an Druckluft aus dem Wort G-L-Ü-C-K.
Und wann sind wir eigentlich zufrieden? Die Ansprüche haben in den letzten Jahren zugenommen. Man denke doch einfach an unsere Urahnen zurück. Was hatten die damals? Etwas platt und überspitzt ausgedrückt: Gras, Holzstäbe und sich selbst. Jedenfalls haben sie sich nicht damit übertrumpft, wer das größte Auto und das entfernteste Urlaubsziel hat. Wir heute hingegen sind zu einer Verschleißgesellschaft geworden, Sklaven unserer eigenen hohen Bedürfnisse. Sobald man sich etwas unter den Nagel gerissen hat, bleibt man drauf sitzen, ruht sich aus, sucht schon nach dem Nächsten und sagt sich seltener, dass das was ich eigentlich habe, ein Geschenk ist, ich ein Glückskäfer ersten Grades bin. Aber nein – genau das tun so wenige. Oder wie erklären Sie mir dann die stetig steigenden Scheidungsraten oder Beziehungen, die nur noch einen gewissen absehbaren Haltbarkeitscharakater aufweisen?
Nicht selten erschrecken wir, halten die Hände vor die Köpfe, blicken dabei zu unseren Großeltern und fragen: Wie war das möglich, das Menschen so lange zusammen sein konnten? Ach, das war doch eine ganz andere Zeit und Generation – lautet meist die Antwort darauf. Ist das wirklich so? Ist das wirklich so einfach? Oder ist das nur eine Ausrede? Ist es eine Flucht? Ist es eine Lüge?
Wo ist die Liebe bei den ganzen aktuellen Scheidungspaaren hin? Erst war man Feuer und Flamme, konnte die Finger nicht von einander lassen und am Ende regt man sich über Nichtigkeiten wie die zerbogene und offene Zahnpastatube auf. Unter Tränen winden sich die Paare, halten sich an den kalten Händen an, während sie staunend vor den Trümmern stehen.
Was ist passiert? Ihr wart zu gierig und zu schnell. Wolltet mehr, habt euch abgenutzt. Statt euch zu pflegen, habt ihr euch gehen lassen und schwupp flog der Glückskäfer durchs Fenster mit euren beiden Herzen auf dem Rücken. Der Dieb war nicht etwa der Käfer oder die Zeit, sondern ihr selbst.
Die Menschen wollen immer so viel, sind aber zum Geben so wenig bereit.
“Ich weiß, mein Liebes, flüstert Herr Fernsehturm zärtlich in mein Ohr. “Von der Unruhe der Leute kann ich ein Lied singen. Täglich atme ich Menschen ein und puste sie Stunden später wieder aus. Wieviele davon zufrieden sind? Keine Ahnung. Aber du ahnst nicht, wie oft ich in verzerrte Gesichter schaue. Es brodelt hinter ihnen, obwohl sie einen der schönsten Plätze Berlins besuchen. Sie können sich nicht mehr fallen lassen, spielen an ihren doofen Digitalkameras oder Handys. Sie sind woanders, aber nicht hier im Jetzt. Sicherlich entdecke ich auch kleine Sonnenscheine zwischen den Massen, aber ein Großteil erinnert mich an ausgehungerte Bären, die schon lange keinen Honig mehr gesehen haben.”
“Sind es die Ansprüche, die mit jedem Jahr steigen?”
“Tsss, wenn ich das wüsste, my Lady, wenn ich das wüsste.”
Das ganze Dilemma beginnt schon bei vielen Kindern. Kürzlich las ich mit großem Erschrecken, dass viele Mädchen und Jungen heute nichts mehr mit Pippi Langstrumpf anfangen können. Die fänden sie doof und ihre Streiche langweilig. Ich habe vor einigen Wochen selbst Ronja Räubertochter gelesen und beginne zu ahnen, was den Kids fehlen könnte. Das Schnelle, Überraschende, Fantastische. Das im Normalen, Alltäglichen, in der Natur auch kleine Botschaften oder Überraschungen lauern, ahnen einige nicht ansatzweise. Sie haben keine Ruhe und Geduld mehr und sind obendrein noch reizüberflutet von den tausend anderen Dingen. Sagen Sie bitte, wie soll bei solchen Unruhegeistern jemals ein Mensch herauskommen, der mit den einfachsten Dingen zu zufrieden ist?
Ich für mich habe jedenfalls die Zucht von Glückskäfern eingestellt, sie in die Freiheit entlassen und sonne mich nun in dem schlichten Wunsch nach Zufriedenheit.
September 6, 2008 at 8:52
Liebe Monfiwi
Um Glückskäfer um sich zu haben muss man viel geben, mehr als nehmen.
Leider wissen das wenige Menschen und laufen ihrem Glück nur hinterher. Oder besser vorne weg……die kleinen Käfer sind nicht schnell, jeder muss ihnen die Zeit geben die sie brauchen zum wachsen.
Jeder will alles jetzt sofort und schnell, ohne Rücksicht auf den Anderen. Kinder lernen nicht mehr zu warten, sprechen einfach dazwischen und fordern. Genau wie ihre Eltern….dabei ist das Glück der Liebsten dem eigene Glück so nahe.
Monfiwi, du hast es erkannt und kannst die Aufzucht deiner Glückskäfer bewundern..deine Zufriedenheit stellt sich damit automatisch ein.
♥ -liche Grüße Bonafilia
September 6, 2008 at 9:20
[...] Monfiwi beschreibt auf ihre Weise die Sehnsucht nach Glück und ist traurig darüber was sie wahrnimmt! Viele Menschen sind unglücklich. [...]
September 9, 2008 at 7:46
Liebste Monfiwi,
die Suche nach dem Glück ist so alt wie die Menschheit und genauso schwierig wie die Suche nach dem heiligen Gral. Glück ist ein wunderbares Gefühl, dennoch könnten wir es ohne die dunkle Seite (das Unglück) nicht wahrnehmen. Glücksempfinden im Wandel der Zeit? Bist Du tatsächlich im JETZT, wenn Du den alten Zeiten der Pippi Langstrumpf hinterher trauerst? Vielleicht ist nur Dein Betrachtungswinkel des Glücks ein ganz anderer, wenngleich es eine schöne Vorstellung ist mit einem einfachen Leben Zufriedenheit zu erlangen und Glücksmomente zu erhaschen. Dennoch sei nicht so hart mit unserer Zeit – sie hat auch ihre schönen Seiten – es gab noch nie so viele Möglichkeiten, das eigene Leben zu gestalten, noch nie war die Welt so kosmopolitisch wie heute. In diesem Sinne genieße Dein Leben!
Herzlichst – Antje
September 10, 2008 at 2:42
“Die Japaner beispielsweise essen sich nicht satt, sondern zufrieden.”
Diese Weisheit zitiert meine Tochter seit ihrem Japanjahr auch immer wieder und – ehrlich gesagt – bis zu unserer Reise im vergangenen Sommer durch Japan habe ich den Sinn nicht wirklich nachvollziehen können. Ich hatte während des Urlaubs dort nicht nur kulinarische Offenbarungen…
Glück oder glücklich sein ist bzw. beschreibt in meinen Augen ein Momentanzustand. Zufriedenheit / zufrieden sein stellt eher eine länger anhaltenden Zustand, wenn nicht sogar rückblickende Betrachtung dar, oder?