Oktober 2008


„Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man. Wenn man diese Tiefe begreift, kann einem nichts mehr verletzen, auch wenn man verliert. Man kann nicht immer gewinnen. Irgendwann verliert jeder. Wichtig ist, diese Tiefe zu begreifen.“

[Das Schweigen aus Wie ich eines Morgens im April das 100ige Mädchen sah. Haruki Murakami.]

Ich kannte einst einen Jungen oder war es ein Mann? Ab wann darf man eigentlich schon Mann sagen? Gerade bin ich etwas verunsichert. Egal. Jedenfalls war er ein sehr hübscher Kerl, so jemand, den man sich gern an die Wand hängen möchte und an dessen Anblick man sich immer wieder erfreut, selbst nach den längsten schlaflosen Nächten. Man wacht mit einem faden Geschmack auf und möchte am liebsten die Decke wieder über den Kopf ziehen, doch der hübsche Mann an der Wand nimmt dich an die Hand und sagt mit seiner sanften Stimme: „Steh auf Liebes, die Welt wartet auf dich. Und ich sowieso. Verschenk dein Lächeln nicht.“

Erstaunlicherweise schüchterte er mich durch sein makelloses Aussehen überhaupt nicht ein. Ausgerechnet ich, die bei Männern stets etwas ungeschickt und zurückhaltend ist. So gingen wir ganz normal miteinander um und es kam mir vor, als kannte ich ihn schon ewig. Ein heißer Flirt war auch nicht drin, schließlich waren wir Arbeitskollegen der unteren Liga, also billige Praktikanten, die ein Projekt betreuen sollten. Relativ schnell war klar, was uns auch noch verband: Wir waren verletzte Königskinder. Ich war elternlos. Er war ein Diplomatensohn. Seins klang zunächst besser als meins. Doch vertraue nie auf den bloßen Schein, höre ich dem weisen Mönch im Kloster sagen. Zunächst saß ich mit staunenden Augen vor ihm und sah die vielen Ländern an mir vorbeiziehen, wie aufregend! Aufregend? Furchtbar. Gerade war man angekommen, musste man schon wieder seine Sachen packen. Freundschaften, Beziehungen sackten zusammen und blieben einem schließlich noch in Form von einem Aschenhaufen, den er ständig in einer kleinen Flasche mit sich herumtrug. Aus einer Flasche wurden bald Hunderte. Er holte ein Foto aus seinem Portomonnaie. Was für eine gigantische Sammlung! sagte ich. Aber was nützt dir eine großartige Sammlung, wenn du am Ende allein in deinem Zimmer sitzt, du traurig im Schatten deiner Einsamkeit ertrinkst? entgegnete er. Viele Diplomatenkinder seien Wracks, nehmen Tabletten und besuchen Psychologen. Neben dem rastlosen Leben kommen noch die hohen Erwartungen der Eltern auf einem zu.

So saßen wir im Schatten der Nachmittagssonne. Der Chef steckte ab und an seinen feuchten Kopf durch die Tür, fragte hektisch, ob wir gut vorankämen. Ja, ja, nickten wir eilig wie aufgescheuchte Hühner. Tür zu. Die Monitore jedoch blieben weiter leer, unsere Köpfe aber waren umso erhitzter. Mir schien, sie waren das einzige Warme und Lebendige in diesem Raum. Ich selbst erlebte mich wie eine Nadel, die in genau das richtige Loch gestoßen hatte, denn die Wörter, Gedanken flossen nur so aus ihm heraus, dass wir uns später nicht um das Gießen der Pflanzen zu kümmern brauchten.
Irgendwann schafften wir es tatsächlich zu arbeiten und verschoben den Rest auf den nächsten Tag. Beglückt schlenderte ich nach Hause, voller Vorfreude auf den nächsten Tag. Doch der sollte grau werden, denn sein Platz blieb leer. Erst dachte ich, er hätte verschlafen. Doch nach zwei Stunden war er immer noch nicht da. Ledigleich ein kleiner Haufen Asche an seinem Platz erinnerte an seine Existenz. So verstrichen mehrere Tage und ich konnte ihn auf seinem Handy nicht erreichen. Erst war ich besorgt, dann sauer, weil ich plötzlich die Arbeit für zwei Leute machen musste. Schöne Männer taugen eben nur für die Wand, da hatte ich mal wieder die Bestätigung.

Eine Woche später jedoch stand er wieder vor mir. Makellos wie eh und je. Jetzt erst fiel mir seine Schönheit richtig auf. Dunkles, gewelltes, gegeltes Haar. Das hübsche Gesicht und die funkelnden Augen, die mit einem Schatten belegt waren. Sein schwarzer Anzug, der wie angegossen saß und die Schuhe, die mit seinen Haaren um die Wette glänzten.
Komm mit, sagte er.
Stumm folgte ich ihm. Die säuerliche Wut schluckte ich mit den restlichen Apfelresten runter.
Auf dem Hof nahm er sich zitternd eine Zigarette aus seinem Etui und zündete sich eine an. Starrte vor sich hin und zog dann ein kleines Döschen aus seiner Hosentasche.
Das ist der Grund meiner Abwesenheit.
Ich schaute ihn verdutzt an und erkannte die vielen Fragezeichen, die uns in der kühlen Morgensonne verbanden.
Manisch-depressiv, schluckte er hervor.
Er öffnete die Dose und tausend Perlen grinsten mich an. Mir wurde schwindelig. Dieser junge Mensch da vor mir, muss die schon alle nehmen, nur um nicht verrückt zu werden und am Ende wird er doch verrückt.

Es gäbe da gewisse Zyklen. Die kommen einfach so und sind wie das Wetter nicht beeinflussbar. Sicherlich gibt es Tabletten, aber die wirken nicht richtig, weil jeder Mensch anders ist und bis man die richtige Dosis gefunden hätte, würden oftmals Jahre vergehen. Und wenn er depressiv ist, kann er nichts machen. Sein Zimmer bleibt dunkel, das Handy bleibt herrenlos, die Zeit bleibt stehen. Deshalb also das Schweigen? Ja, deshalb das Schweigen. Deshalb stehe er auch immer noch hier als Praktikant. Welcher Arbeitgeber hat denn dafür Verständnis? Auch wenn er den Titel Diplomatensohn trage.
Und das Andere?
Ach, da hätte er schon einiges erlebt. Das Lustigste wäre gewesen, als er halbnackt auf einer Brücke gestanden hatte, rief er sei Gott bis ihn die Polizei einsammelte.
Dieses Mal werde er wohl auch wieder gehen müssen und das obwohl alles so gut anfing mit mir und überhaupt. Er blickte mir tief in die Augen und nun zitterte mein sicheres Gerüst doch etwas, mehr als mir wirklich lieb war.
Sag, wie bekommst du deine Schuhe so hin? fragte ich, um meine Verlegenheit zu überspielen.
Pferdefett. Das hätte ihn mal ein alter weiser Schuhmacher in Argentinien verraten. Du ahnst ja nicht, wie alt diese Schuhe sind. Rate mal. Sie sehen aus wie neu. Nein, fünf Jahre habe ich die schon. Das sind meine liebsten. Pferdefett hält das Leder geschmeidig. Vergiss die anderen Schuhcremes und vertrau dem Pferd. Und mir.

Was aus ihm geworden ist, frage ich mich, als ich mir wieder eine neue Portion Pferdefett beim Schuhmacher kaufe. Lebt er noch in der großen Stadt und steht vielleicht nebenan in dem Laden? Oder liegt er in einer Klinik? Ist er mittlerweile verheiratet? Was wäre aus uns beiden geworden, wenn ich seiner Einladung damals gefolgt wäre? Gerade formt sich die nächste Frage in meinem Kopf, sie vernebelt mir vollkommen meine Sicht, macht mich blind und ich renne in ein kleines Büschel dunkel gewelltes Haar, das zu einem kleinen Jungen gehört, schaue in genau diese Augen von damals, erschrecke, weil unter den kurzen Beinen die Schuhe makellos glänzen, wie ich sie seitdem nie wieder gesehen habe. Erstarre.

Ich habe mich nach süßen Kuchenkrümeln und Kaffeeduft auf meiner Zunge gesehnt, doch bekommen habe ich spitze Glasscherben. So fühlt es sich jedenfalls an, als ich neben dir sitze. Draußen fallen die Blätter reihenweise auf die Straße; manche Passanten verlieren kurz das Gleichgewicht, als sie auf die nassen Blätter treten, rudern aufgeregt mit den Armen. Irgendwie schaffen sie es, ihre müden Körper vor dem Fall zu bewahren. Nur ein junger Typ purzelt auf den harten Asphalt, landet jedoch sanft auf seinem Po. Er dreht sich um und flucht wie das Rumpelstilzchen. Zwei Mädchen, wahrscheinlich Schülerinnen, die etwas abseits stehen, lachen über ihn und halten sich leicht verlegen die Hände vor die Münder. Nur kurz stimme ich mit ihnen ein, bis mich die Realität zurückholt und ich dir ins Gesicht blicke.

Zu große Erwartungen. Heute. Oder immer? Ich weiß es nicht und stöhne meine Zweifel in die heiße Kaffeetasse, die sofort darin verdampfen. Warum? frage ich. Du schweigst. Sag was, bohre ich nach. Du schweigst. Mir scheint, als habe dir eben jemand einen festen Reißverschluss an deine Lippen befestigt, denn es gelingt mir nun nicht, ihn aufzuziehen. Du schweigst weiter und schaust aus dem Fenster. Der Purzeljunge ist weg und von den beiden Mädchen fehlt auch jede Spur. Plötzlich wird mir bewusst, dass sie bis eben noch mein einziger Halt gewesen waren. Jetzt fühle ich mich nackt, klein wie ein Mädchen, das noch in den Kindergarten geht und mit Puppen spielt. Ich stimme mit ein in dein unendliches Schweigen, doch wenn ich eins nicht will, dann ist es genau das. Das Kleinmachen und unterwürfig sein.

Wir hatten einen Plan heute, einen vollkommen anderen als den, den wir nun erlebten. Eine Egoistin hast du mich genannt, zu wenig würde ich nachdenken, keine Ideen mehr wie einst haben, stattdessen mich nur treiben lassen, mitziehen, antriebslos sein. Zunächst schüttelte ich eifrig den Kopf, bis ich das Echo bewusst wahrnahm. In der Tat, das bin ich. Ich würde lügen, wenn ich das von mir weisen würde. Wirklich realisiert habe ich es bislang nicht. Ich habe es verdrängt, wie sporadische Zahnschmerzen, die einen daran erinnern wollen, das dort ein Loch vorhanden ist. Ich verabscheue es genauso wie du, dass man dem Alltag die alleinige Herrschaft überlässt, aber manchmal geht es nicht anders, wenn die Zeit ein Dieb ist und die Tage zu kurz sind. Sag bitte, wie soll man da noch seinen Zauberhut an die entsprechende Stelle setzen, wenn der Kopf zu groß ist, zu voll mit Terminen und Gedanken, das man teilweise das Gefühl hat als hätte man zwei Kugeln auf dem Hals stecken? Hast du darauf eine Antwort? Nein. Oder doch: Dein Schweigen, das dich weiterhin umhüllt wie ein kalter Nebelmantel.

Mittlerweile ist es dunkel draußen. Der Regen hat nachgelassen, dafür hat sich ein starker Wind über die Stadt gelegt. Als Bote. Der Herbst ist nun tatsächlich da, egal, wie sehr ich mich noch dagegen wehre. Der Sommer gehört ebenso zur Vergangenheit wie meine Leichtigkeit, für die mich einst jeder beneidete. Einige verwechselten sie sogar mit Naivität.
Ich wollte es nicht so, wie es nun ist; war mir der Gefahr bewusst und bin umso erstaunter, beinah erschrocken, gelähmt, dass ich mich eingeklemmt in der Mäusefalle wiederfinde. Es ging viel zu schnell, schneller als man atmen oder zwinkern kann.

Und du.
Schweigst noch immer.

Einzig die Krümel auf den Tellern erinnern mich daran, das ich keine Glasscherben, sondern Kuchen gegessen habe.

[Tagebuch] 15. Juni 1947

(…) Vielleicht sind unsere Träume das beste im Leben. (…)
Der Hang zu träumen, zu grübeln ist noch stärker geworden. Und ich habe etwas erkannt: daß ich zwei Leben lebe. Die Wirklichkeit besitzt mich nie ganz, ich bin bereit, vor ihr zu fliehen. Es ist so leicht in das andere Leben zu gehen, in das der Träume. (…)

[Hertha Kräftner. Kühle Sterne.]

jetzt erst, verzeih bitte, komme ich zum schreiben. ich möchte es nicht zwischen tür und angel, zwischen abbeißen und kauen. nun trinke ich deinen leckeren tee (das thunfisch-ei-brot befindet sich längst auf dem weg in den verdauungstrakt), der sich allmählich dem ende neigt, ebenso wie die schönen warmen tage dieses jahres.

der fernsehturm mag heute nicht aufstehen und hüllt sich immer noch in einem zähen nebelschleier, zu unfähig den schlaf aus seinen augen zu reiben, dem neuen anbrechenden tag kraftvoll entgegenzutreten; fragt er auch mich nach dem wahnsinn dieses lebens, nach dem unsinn der liebe und ich zucke nur mit den schultern. tausend bücher reihen sich in meinen regalen, glied an glied, alphabetisiert, schlaue sind dabei, weise, freche, melancholische und herausfordernde, tausend bücher ergeben über tausend worte, also auch viele antworten, möchte man meinen, aber ich finde keine und fühle mich wie ein blindfisch, der leicht glucksend und leicht röchelnd durchs meer schwimmt.

ich schreibe und schreibe und möchte dir einfach nur sagen, dass ich für dich da bin, du nicht allein bist, auch wenn du dich mit deiner liebe derzeit so fühlst. lass mich dein kopf halten, dein herz streicheln und hoffen, dass es bessere zeiten geben wird.
ich wünsche es dir so.

mein leben ist zweitrangig derzeit. mir geht es gut. jetzt bin ich es, die dich auffängt und dir die kraft zurückgeben will, die längst aus deinen adern verdampft ist, lediglich einzelne härchen erinnern an das, was sich erst kürzlich noch zuversicht nannte. du bist ein schatten deiner selbst, ich sehe dich nicht, aber ich fühle dich, ganz nah. deine tränen sind auch meine tränen. ich habe dennoch keine angst vor dem fall, schließlich haben wir bisher immer wie eine waage funktioniert, ging es der einen schlecht, hob die andere sie auf und umgekehrt. zu einem gemeinsam absturz kam es nie und wird es nie kommen, dafür ist eine von uns zu stark. also stehe ich aufrecht vor dir und zeige mit einem mutvollen lächeln und einem leicht zitterndem finger auf das ende vom horizont, das uns warme sonnenstrahlen in die erhitzten gesichter blendet.

denke an dich.
jederzeit.