Ich kannte einst einen Jungen oder war es ein Mann? Ab wann darf man eigentlich schon Mann sagen? Gerade bin ich etwas verunsichert. Egal. Jedenfalls war er ein sehr hübscher Kerl, so jemand, den man sich gern an die Wand hängen möchte und an dessen Anblick man sich immer wieder erfreut, selbst nach den längsten schlaflosen Nächten. Man wacht mit einem faden Geschmack auf und möchte am liebsten die Decke wieder über den Kopf ziehen, doch der hübsche Mann an der Wand nimmt dich an die Hand und sagt mit seiner sanften Stimme: „Steh auf Liebes, die Welt wartet auf dich. Und ich sowieso. Verschenk dein Lächeln nicht.“
Erstaunlicherweise schüchterte er mich durch sein makelloses Aussehen überhaupt nicht ein. Ausgerechnet ich, die bei Männern stets etwas ungeschickt und zurückhaltend ist. So gingen wir ganz normal miteinander um und es kam mir vor, als kannte ich ihn schon ewig. Ein heißer Flirt war auch nicht drin, schließlich waren wir Arbeitskollegen der unteren Liga, also billige Praktikanten, die ein Projekt betreuen sollten. Relativ schnell war klar, was uns auch noch verband: Wir waren verletzte Königskinder. Ich war elternlos. Er war ein Diplomatensohn. Seins klang zunächst besser als meins. Doch vertraue nie auf den bloßen Schein, höre ich dem weisen Mönch im Kloster sagen. Zunächst saß ich mit staunenden Augen vor ihm und sah die vielen Ländern an mir vorbeiziehen, wie aufregend! Aufregend? Furchtbar. Gerade war man angekommen, musste man schon wieder seine Sachen packen. Freundschaften, Beziehungen sackten zusammen und blieben einem schließlich noch in Form von einem Aschenhaufen, den er ständig in einer kleinen Flasche mit sich herumtrug. Aus einer Flasche wurden bald Hunderte. Er holte ein Foto aus seinem Portomonnaie. Was für eine gigantische Sammlung! sagte ich. Aber was nützt dir eine großartige Sammlung, wenn du am Ende allein in deinem Zimmer sitzt, du traurig im Schatten deiner Einsamkeit ertrinkst? entgegnete er. Viele Diplomatenkinder seien Wracks, nehmen Tabletten und besuchen Psychologen. Neben dem rastlosen Leben kommen noch die hohen Erwartungen der Eltern auf einem zu.
So saßen wir im Schatten der Nachmittagssonne. Der Chef steckte ab und an seinen feuchten Kopf durch die Tür, fragte hektisch, ob wir gut vorankämen. Ja, ja, nickten wir eilig wie aufgescheuchte Hühner. Tür zu. Die Monitore jedoch blieben weiter leer, unsere Köpfe aber waren umso erhitzter. Mir schien, sie waren das einzige Warme und Lebendige in diesem Raum. Ich selbst erlebte mich wie eine Nadel, die in genau das richtige Loch gestoßen hatte, denn die Wörter, Gedanken flossen nur so aus ihm heraus, dass wir uns später nicht um das Gießen der Pflanzen zu kümmern brauchten.
Irgendwann schafften wir es tatsächlich zu arbeiten und verschoben den Rest auf den nächsten Tag. Beglückt schlenderte ich nach Hause, voller Vorfreude auf den nächsten Tag. Doch der sollte grau werden, denn sein Platz blieb leer. Erst dachte ich, er hätte verschlafen. Doch nach zwei Stunden war er immer noch nicht da. Ledigleich ein kleiner Haufen Asche an seinem Platz erinnerte an seine Existenz. So verstrichen mehrere Tage und ich konnte ihn auf seinem Handy nicht erreichen. Erst war ich besorgt, dann sauer, weil ich plötzlich die Arbeit für zwei Leute machen musste. Schöne Männer taugen eben nur für die Wand, da hatte ich mal wieder die Bestätigung.
Eine Woche später jedoch stand er wieder vor mir. Makellos wie eh und je. Jetzt erst fiel mir seine Schönheit richtig auf. Dunkles, gewelltes, gegeltes Haar. Das hübsche Gesicht und die funkelnden Augen, die mit einem Schatten belegt waren. Sein schwarzer Anzug, der wie angegossen saß und die Schuhe, die mit seinen Haaren um die Wette glänzten.
Komm mit, sagte er.
Stumm folgte ich ihm. Die säuerliche Wut schluckte ich mit den restlichen Apfelresten runter.
Auf dem Hof nahm er sich zitternd eine Zigarette aus seinem Etui und zündete sich eine an. Starrte vor sich hin und zog dann ein kleines Döschen aus seiner Hosentasche.
Das ist der Grund meiner Abwesenheit.
Ich schaute ihn verdutzt an und erkannte die vielen Fragezeichen, die uns in der kühlen Morgensonne verbanden.
Manisch-depressiv, schluckte er hervor.
Er öffnete die Dose und tausend Perlen grinsten mich an. Mir wurde schwindelig. Dieser junge Mensch da vor mir, muss die schon alle nehmen, nur um nicht verrückt zu werden und am Ende wird er doch verrückt.
Es gäbe da gewisse Zyklen. Die kommen einfach so und sind wie das Wetter nicht beeinflussbar. Sicherlich gibt es Tabletten, aber die wirken nicht richtig, weil jeder Mensch anders ist und bis man die richtige Dosis gefunden hätte, würden oftmals Jahre vergehen. Und wenn er depressiv ist, kann er nichts machen. Sein Zimmer bleibt dunkel, das Handy bleibt herrenlos, die Zeit bleibt stehen. Deshalb also das Schweigen? Ja, deshalb das Schweigen. Deshalb stehe er auch immer noch hier als Praktikant. Welcher Arbeitgeber hat denn dafür Verständnis? Auch wenn er den Titel Diplomatensohn trage.
Und das Andere?
Ach, da hätte er schon einiges erlebt. Das Lustigste wäre gewesen, als er halbnackt auf einer Brücke gestanden hatte, rief er sei Gott bis ihn die Polizei einsammelte.
Dieses Mal werde er wohl auch wieder gehen müssen und das obwohl alles so gut anfing mit mir und überhaupt. Er blickte mir tief in die Augen und nun zitterte mein sicheres Gerüst doch etwas, mehr als mir wirklich lieb war.
Sag, wie bekommst du deine Schuhe so hin? fragte ich, um meine Verlegenheit zu überspielen.
Pferdefett. Das hätte ihn mal ein alter weiser Schuhmacher in Argentinien verraten. Du ahnst ja nicht, wie alt diese Schuhe sind. Rate mal. Sie sehen aus wie neu. Nein, fünf Jahre habe ich die schon. Das sind meine liebsten. Pferdefett hält das Leder geschmeidig. Vergiss die anderen Schuhcremes und vertrau dem Pferd. Und mir.
Was aus ihm geworden ist, frage ich mich, als ich mir wieder eine neue Portion Pferdefett beim Schuhmacher kaufe. Lebt er noch in der großen Stadt und steht vielleicht nebenan in dem Laden? Oder liegt er in einer Klinik? Ist er mittlerweile verheiratet? Was wäre aus uns beiden geworden, wenn ich seiner Einladung damals gefolgt wäre? Gerade formt sich die nächste Frage in meinem Kopf, sie vernebelt mir vollkommen meine Sicht, macht mich blind und ich renne in ein kleines Büschel dunkel gewelltes Haar, das zu einem kleinen Jungen gehört, schaue in genau diese Augen von damals, erschrecke, weil unter den kurzen Beinen die Schuhe makellos glänzen, wie ich sie seitdem nie wieder gesehen habe. Erstarre.