Sie sind die letzten Zeugen des Jahres. Sie bleiben, wenn die anderen schon lange Mitteleuropa verlassen haben. Sie sitzen auf den nackten Bäumen, blinzeln den letzten fallenden Blättern hinterher und singen dabei ihre eigensinnigen Lieder, denen viele Menschen mit einem Knurren begegnen. Raben. Schwarz wie die Nacht. Furchteinflößend und Freunde der Hexe – so erzählen es einige Sagen.
Ich hatte nie Angst vor ihnen und das wussten sie schnell. Also habe ich mich mit ihnen angefreundet. Schornsteinfeger sitzt in seinem Käfig und berichtete mir regelmäßig von der anderen Welt, die uns Menschen oft verborgen bleibt. Zu gut erinnere ich mich, als ich meiner Familie von meinem neuen Haustier berichtete. Bleiche Gesichter, offene Münder stachen mir schneidend entgegen. Kurzes Schweigen und dann folgte in der Regel ein lautes: WAS? BIST DU WAHNSINNIG? Nein, neugierig und vielleicht ein bisschen einsam, sagte ich flüsternd meiner erschütternden Seele, die stets bei solchen Ausbrüchen zu zittern begann wie Espenlaub. Ich wollte keinen dämlichen Wellensittich und nervigen Finken haben, ein Beo war zu teuer. Eine Katze hätte ich gern gehabt, aber meine Allergie verbot es mir. Exoten wie Schlangen und Gekkos machten mir Angst und Fische blubberten mir zu viel an die Scheibe.
So ging ich in meinen Wald, rief die Rehe und Mader und fragte sie nach dem Rabenkönig. Dieser kam bald auf mich zu, hörte mich an und versprach mir Hilfe.
„Aber liebste Mademoiselle, isch, kra kra, habe da für ein kra kra Anliegen.“
„Gern, was immer Sie wünschen, liebster Rabenkönig.“
„Kra, kra, die Menschen mögen es uns nicht, kra kra… sorge dafür, dass es kra, kra, zumindest die Kinder tun, kra, kra.“
„Ich werde alle Kinderbücher vernichten lassen, die schlechte Bilder von euch zeigen…“
„Halt, kra, kra, nein, das brauchst du nicht. Kra, kra… nur ein paar Kinder, kra, kra, sollen wissen, dass wir nicht dumm und böse kra, kra sind. Du weißt doch, wie schnell kra, kra, sich Nachrichten unter kra, kra Kindern herumsprechen.“
„Da sind sie ihren Eltern genauso ähnlich wie das Spiegelbild. Einen Vorteil gibt es noch: Sie sind naiv, was ich sehr schätze, und hinterfragen manches nicht so ernsthaft wie ihre Eltern.“
„Isch liebe kra, kra deinen scharfsinnigen Verstand, kra, kra. Komm in zwei Tagen wieder, dann übergebe ich dir, kra, kra, einen meiner Perlen, kra kra.“
Zwei Tage später lief ich mit Schornsteigerfeger auf der Schulter zurück in die Großstadt – so hieß der jüngste Sohn vom Rabenkönig. Ihm war das Leben im Wald zu langweilig und somit der geborene Rabe für mich. Ach, war der Heimweg ein Spaß. Zahlreiche Leute blieben stehen, einige verrengten sich in den Bussen die Köpfe, andere zeigten hektisch mit den Fingern auf uns. Autos krachten in einander – kurz: Schornsteinfeger und ich verursachten unbewusst ein kleines Chaos. Bevor die anderen es merkten, waren wir bereits um die Ecke verschwunden.
Ich suchte ihm den schönsten, größten Käfig aus, den es gab und opferte damit mein halbes Monatsgehalt. Egal. Hauptsache Schornsteinfeger war glücklich, dann war ich es auch.
Zu dieser Zeit schlief ich wenig, weil ich zu sehr damit beschäftigt war, meinem Raben das ABC beizubringen und dazu die Wörter. Manchmal verwechselte er doch tatsächlich das P und das B sowie das D und das T. Ich erhob dann zornig meinen Finger und sagte: „Du bist nicht meine Tante, die in Dresden wohnt.“ Woraufhin er schief mit den Augen blinzelte, kleine bunte Fragezeichen auf die Erde purzeln ließ und ich ihm erst einmal Deutschland und seine seltsamen Dialekte erläutern musste. In solchen Momenten verfluchte ich mich für meine Eigenart immer aus der Reihe tanzen zu müssen. Warum hatte ich mich doch nicht für einen dämlichen Wellensittich entschieden? „Zu blöd“, trällerte Schornsteinfeger dann, „kra, kra, zu blöd.“ Ich seufzte und lächelte: Er hatte Recht. Wellensittiche waren unter den Vögeln nämlich nicht hoch angesehen, die unteren in der Reihe. Das gehörte jedoch zu dem streng-geheimen Wildvogel-Index. Kinder durften das natürlich nicht wissen, wo ja fast jede Oma einen solchen Vogel Zuhause hatte. Man stelle sich mal meine Mission und diesen fatalen Fehler vor.
Nicht nur meine Freunde machten sich um mich Sorgen, auch meine Kollegen beäugten mich kritisch. Einige fragten hinter vorgehaltener Hand, wo ich die Schatten unter den Augen her hatte und außerdem wäre da neuerdings so ein befremdliches Kra-Kratzen in der Stimme. Ich würde viel lesen und hätte eine Erkältung, lautete meine Antwort. Ein scharfer Blick dazu und sie verschwanden schnell wie von selbst aus meinem Augenfeld als hätte ich sie dabei mit einer spitzen Nadel gestochen.
Als Schornsteinfeger nach acht Wochen in der Lage war, ganze Sätze zu sprechen, fühlte ich mich weniger einsam und gestärkt. Nun konnte ich also an das große Projekt herangehen. Wo ich die nötige Kraft und Kreativität nach dem Schlafentzug hernehmen sollte, wusste ich jedoch noch nicht ganz. Ich zermatterte mir mein Gehirn, drehte etliche Runden um meinen Block und fuhr Stunden nach Feierabend mit der S-Bahn. Die Idee allerdings blieb verborgen und hüllte sich im satten Schweigen als wäre sie ein fettes, glückliches Schwein, das faul in der Sonne liegt und sich im Schlamm wälzt. Zugegeben fühlte ich mich wie eine Schatzgräberin, die den kostbaren Plan in den Händen hielt, aber unfähig war, die Geheimsprache zu entziffern. Das Leben vor mir verschwamm zu einem Klumpen Staub, der nach Abfall stank. Die Menschen ödeten mich mit ihren frustrierten Gesichtern an, einzig eine umherstreifende Straßenmusikerin zog aus den Tiefen meiner Seele ein Lächeln hervor. Ich griff in meine Hosentasche, warf ihr meine letzten, angewärmten Münzen in den Becher und folgte ihrem beschwingten Hüftschwung, der einen bestimmten Zauber nach sich zog bis die Tür der S-Bahn uns trennte und alles um mich herum wieder im grauen Staublicht ertrank. „So einfach ist es eigentlich, liebe Leute“, wollte ich laut schreien, doch es erschien mir sinnlos, denn die Gesichter waren mir zu hart, als das ich hätte hindurchdringen können. Wo ist das Weiche geblieben? Wann hat es sich bei den Menschen verflüchtigt? Würde es den Menschen auch weiterhin so ergehen, selbst wenn sie einen Raben Zuhause hätten?
„Uns rennt die Zeit davon, Schornsteinfeger, sagte ich eines Abends. Hast du vielleicht eine Idee für das große Projekt?“
„Kra, kra, Party… mit vielen Luftschlangen… kra, kra und Süßigkeiten.“
„Klar, ich gehe in die nächste Kita mit dir und lade alle ein. Die schmeißen mich doch gleich wieder raus.“
„Das glaubst du, du endlose Pessimistin. Kra, kra.“
Stimmte eigentlich. Manchmal war mein Vogel schlauer als ich. Das erschreckte mich sehr.
Am nächsten Tag meldete ich mich krank und ging zur nächsten Kita, die an meine Wohnung angrenzte. Zunächst allein. Die Leiterin hielt mich erst für eine Wahnsinnge. Sie sagte es nicht direkt, doch ich sah es ihr an und sprach sie darauf an. Konfrontation ist immer das Beste. Na ja, es sei schon ungewöhnlich, was ich ihr da erzählte. Ein Rabe, der angeblich Geschichten erzählen könne. Japanische Märchen dazu. Er interessiere sich eben einfach nicht für die Märchen von den Gebrüdern Grimm. Ist halt ein eigenwilliger Geist. Und dann lachte sie. Ich weiß nicht, wie lange, aber lange genug, dass sie am Ende einwilligte.
Schornsteinfeger war vollkommen aus dem Häuschen, als ich ihm von meinem Ergebnis und seinem nahendem Auftritt berichtete. Er wählte das Märchen: Die Kröte und der Hase. Da es in der Geschichte um Kuchen ging, würden wir eine große Torte mitbringen. In der Nacht flog Schornsteinfeger in den Wald und berichtete seinen Freunden und seiner Familie von dem Auftritt. Dass sie jedoch noch etwas ausheckten, davon sollte ich erst zwölf Stunden später erfahren.
Auch in dieser Nacht schlief ich schlecht. Ich war aufgeregt und seit langem mal wieder allein, ohne meinen RaaRaben. Einzig der Mondschein beruhigte meinen schnellen Atem. Als wir am nächsten Tag in die Kita spazierten, gaben wir uns natürlich förmlich. Schornsteinfeger trug eine Fliege und saß stolz in seinem Käfig. Ihm fielen fast die Augen zu, weil auch er die vergangene Nacht zu wenig geschlafen hatte. Ich hatte im Internet noch wichtige Informationen über Raben gesammelt und einen Flyer gebastelt. Meine Kamera hatte ich natürlich auch dabei. Jedes Kind sollte ein gemeinsames Foto mit Schornsteinfeger haben, wenn es denn wollte.
Zunächst zeigte ich den Erzieherinnen den Pass, den mir der Tierarzt ausgestellt hatte. Schornsteinfeger erfreute sich bester Gesundheit stand dort in ärztlichen Formeln. Es dauerte nicht lang bis wir uns unter hunderten neugierigen Augenpaaren wiederfanden. Ein kleines Mädchen mit schwarzen Haaren versteckte sich hinter einem größerem Jungen. Schornsteinfeger und ich sahen uns an und dachten das Gleiche. Er zwinkerte mir zu und ich wusste Bescheid. Unsere Vorführung war – darf ich es sagen? – zauberhaft. Ich spürte, wie sich meine Haut kräuselte und die Kinder lauschten uns beiden. Nachdem wir fertig waren, meldeten sich die ersten. Ein Junge sagte, dass er immer Angst vor den Raben gehabt hätte, weil sie so schwarz waren und irgendwie unheimlich aussahen.
„Hinter jeder Oberfläche steckt oftmals ein Inhalt, kra, kra, vor dem man sich nicht zu fürchten braucht, kra, kra. Ihr braucht nur ein bisschen Mut, um hinter die Fassade zu schauen. Schau dir doch mal diesen schwaren Lakritzbonbon an, kra, kra, den Lore in der Hand hält. Kra, kra. Hässlich, oder?“
„Ja“, riefen alle Kinder im Chor.
„Dann kommt mal her und probiert mal.“
Einige Jungen und Mädchen mochten kein Lakritz, aber der Junge war ein großer Fan von dieser Süßigkeit und lutschte genüsslich den Bonbon. Etwas schüchtern schaute er Schornsteinfeger noch an, strich ihm dann aber sanft über sein Gefieder. Er blieb bei ihm. Sprach nicht weiter, doch wir wussten, er hatte es verstanden und damit stand er nicht allein da. Wie auf Kommando kamen noch mehr Kinder zu uns, auch das Mädchen mit den schwarzen Haaren.
„Für dich habe ich etwas Besonderes, kra, kra“, sagte mein Rabe. „Dieser Stein ist genauso schwarz wie ich und dein Haar, er ist ein sehr seltener Stein und nun dein Glücksbringer. Wenn es dir mal nicht gut geht, nimm ihn und dann wird er ganz warm.“
Das Mädchen errötete und lächelte dann schüchtern.
„Dankeschön.“
Plötzlich kam ein Schrei vom Fenster. Ich sah das Wunderwerk. Vor uns flog ganz langsam eine große Herbstkette auf uns zu. Sie war so lang, dass sie einmal um die Großstadt hätte gespannt werden können. An ihr hingen bunte Blätter, die aussahen als hätte sie der Regenbogen höchstpersönlich angemalt. Da geriet selbst ich ins Stocken.
„Was…“
„Psst, unser Geschenk an dich und deine Menschenkinder“, flüsterte Schornsteinfeger.
Ehe wir uns versahen, waren alle Kinder draußen, fast alle bis auf das Mädchen, das noch mit leuchtenden Augen zwischen uns stand.
Einige Kinder spielten mit den Blättern, andere unterhielten sich mit den Raben und irgendwo dazwischen hielten sich die Erzieherinnen vor Staunen die Hände vor den Mündern. Eine rief sogar: „Schreibt die Märchen um.“
Meinen Job in der Werbeagentur habe ich mittlerweile gekündigt, meine Wohnung auch. Ich lebe nun in einer kleinen Hütte im Wald, stets bewacht von den Raben. Regelmäßig ziehen Schornsteinfeger und ich durchs Land, um den Kindern zu erzählen, dass das Leben doch eigentlich ganz einfach ist und wunderschön sein kann, wenn man für alles offen ist, auch für die zunächst hässlich erscheinenden Dinge. Und die japanischen Märchen sind in einigen Kitas teilweise bekannter als die der Grimm Brüder.
Genau darum habe ich mir übrigens keinen Wellensittich angeschafft, sondern einen schlauen kra kra RaaRaben.










