November 2008


Sie sind die letzten Zeugen des Jahres. Sie bleiben, wenn die anderen schon lange Mitteleuropa verlassen haben. Sie sitzen auf den nackten Bäumen, blinzeln den letzten fallenden Blättern hinterher und singen dabei ihre eigensinnigen Lieder, denen viele Menschen mit einem Knurren begegnen. Raben. Schwarz wie die Nacht. Furchteinflößend und Freunde der Hexe – so erzählen es einige Sagen.

rabe

Ich hatte nie Angst vor ihnen und das wussten sie schnell. Also habe ich mich mit ihnen angefreundet. Schornsteinfeger sitzt in seinem Käfig und berichtete mir regelmäßig von der anderen Welt, die uns Menschen oft verborgen bleibt. Zu gut erinnere ich mich, als ich meiner Familie von meinem neuen Haustier berichtete. Bleiche Gesichter, offene Münder stachen mir schneidend entgegen. Kurzes Schweigen und dann folgte in der Regel ein lautes: WAS? BIST DU WAHNSINNIG? Nein, neugierig und vielleicht ein bisschen einsam, sagte ich flüsternd meiner erschütternden Seele, die stets bei solchen Ausbrüchen zu zittern begann wie Espenlaub. Ich wollte keinen dämlichen Wellensittich und nervigen Finken haben, ein Beo war zu teuer. Eine Katze hätte ich gern gehabt, aber meine Allergie verbot es mir. Exoten wie Schlangen und Gekkos machten mir Angst und Fische blubberten mir zu viel an die Scheibe.

So ging ich in meinen Wald, rief die Rehe und Mader und fragte sie nach dem Rabenkönig. Dieser kam bald auf mich zu, hörte mich an und versprach mir Hilfe.
„Aber liebste Mademoiselle, isch, kra kra, habe da für ein kra kra Anliegen.“
„Gern, was immer Sie wünschen, liebster Rabenkönig.“
„Kra, kra, die Menschen mögen es uns nicht, kra kra… sorge dafür, dass es kra, kra, zumindest die Kinder tun, kra, kra.“
„Ich werde alle Kinderbücher vernichten lassen, die schlechte Bilder von euch zeigen…“
„Halt, kra, kra, nein, das brauchst du nicht. Kra, kra… nur ein paar Kinder, kra, kra, sollen wissen, dass wir nicht dumm und böse kra, kra sind. Du weißt doch, wie schnell kra, kra, sich Nachrichten unter kra, kra Kindern herumsprechen.“
„Da sind sie ihren Eltern genauso ähnlich wie das Spiegelbild. Einen Vorteil gibt es noch: Sie sind naiv, was ich sehr schätze, und hinterfragen manches nicht so ernsthaft wie ihre Eltern.“
„Isch liebe kra, kra deinen scharfsinnigen Verstand, kra, kra. Komm in zwei Tagen wieder, dann übergebe ich dir, kra, kra, einen meiner Perlen, kra kra.“

Zwei Tage später lief ich mit Schornsteigerfeger auf der Schulter zurück in die Großstadt – so hieß der jüngste Sohn vom Rabenkönig. Ihm war das Leben im Wald zu langweilig und somit der geborene Rabe für mich. Ach, war der Heimweg ein Spaß. Zahlreiche Leute blieben stehen, einige verrengten sich in den Bussen die Köpfe, andere zeigten hektisch mit den Fingern auf uns. Autos krachten in einander – kurz: Schornsteinfeger und ich verursachten unbewusst ein kleines Chaos. Bevor die anderen es merkten, waren wir bereits um die Ecke verschwunden.
Ich suchte ihm den schönsten, größten Käfig aus, den es gab und opferte damit mein halbes Monatsgehalt. Egal. Hauptsache Schornsteinfeger war glücklich, dann war ich es auch.

Zu dieser Zeit schlief ich wenig, weil ich zu sehr damit beschäftigt war, meinem Raben das ABC beizubringen und dazu die Wörter. Manchmal verwechselte er doch tatsächlich das P und das B sowie das D und das T. Ich erhob dann zornig meinen Finger und sagte: „Du bist nicht meine Tante, die in Dresden wohnt.“ Woraufhin er schief mit den Augen blinzelte, kleine bunte Fragezeichen auf die Erde purzeln ließ und ich ihm erst einmal Deutschland und seine seltsamen Dialekte erläutern musste. In solchen Momenten verfluchte ich mich für meine Eigenart immer aus der Reihe tanzen zu müssen. Warum hatte ich mich doch nicht für einen dämlichen Wellensittich entschieden? „Zu blöd“, trällerte Schornsteinfeger dann, „kra, kra, zu blöd.“ Ich seufzte und lächelte: Er hatte Recht. Wellensittiche waren unter den Vögeln nämlich nicht hoch angesehen, die unteren in der Reihe. Das gehörte jedoch zu dem streng-geheimen Wildvogel-Index. Kinder durften das natürlich nicht wissen, wo ja fast jede Oma einen solchen Vogel Zuhause hatte. Man stelle sich mal meine Mission und diesen fatalen Fehler vor.

Nicht nur meine Freunde machten sich um mich Sorgen, auch meine Kollegen beäugten mich kritisch. Einige fragten hinter vorgehaltener Hand, wo ich die Schatten unter den Augen her hatte und außerdem wäre da neuerdings so ein befremdliches Kra-Kratzen in der Stimme. Ich würde viel lesen und hätte eine Erkältung, lautete meine Antwort. Ein scharfer Blick dazu und sie verschwanden schnell wie von selbst aus meinem Augenfeld als hätte ich sie dabei mit einer spitzen Nadel gestochen.

Als Schornsteinfeger nach acht Wochen in der Lage war, ganze Sätze zu sprechen, fühlte ich mich weniger einsam und gestärkt. Nun konnte ich also an das große Projekt herangehen. Wo ich die nötige Kraft und Kreativität nach dem Schlafentzug hernehmen sollte, wusste ich jedoch noch nicht ganz. Ich zermatterte mir mein Gehirn, drehte etliche Runden um meinen Block und fuhr Stunden nach Feierabend mit der S-Bahn. Die Idee allerdings blieb verborgen und hüllte sich im satten Schweigen als wäre sie ein fettes, glückliches Schwein, das faul in der Sonne liegt und sich im Schlamm wälzt. Zugegeben fühlte ich mich wie eine Schatzgräberin, die den kostbaren Plan in den Händen hielt, aber unfähig war, die Geheimsprache zu entziffern. Das Leben vor mir verschwamm zu einem Klumpen Staub, der nach Abfall stank. Die Menschen ödeten mich mit ihren frustrierten Gesichtern an, einzig eine umherstreifende Straßenmusikerin zog aus den Tiefen meiner Seele ein Lächeln hervor. Ich griff in meine Hosentasche, warf ihr meine letzten, angewärmten Münzen in den Becher und folgte ihrem beschwingten Hüftschwung, der einen bestimmten Zauber nach sich zog bis die Tür der S-Bahn uns trennte und alles um mich herum wieder im grauen Staublicht ertrank. „So einfach ist es eigentlich, liebe Leute“, wollte ich laut schreien, doch es erschien mir sinnlos, denn die Gesichter waren mir zu hart, als das ich hätte hindurchdringen können. Wo ist das Weiche geblieben? Wann hat es sich bei den Menschen verflüchtigt? Würde es den Menschen auch weiterhin so ergehen, selbst wenn sie einen Raben Zuhause hätten?

„Uns rennt die Zeit davon, Schornsteinfeger, sagte ich eines Abends. Hast du vielleicht eine Idee für das große Projekt?“
„Kra, kra, Party… mit vielen Luftschlangen… kra, kra und Süßigkeiten.“
„Klar, ich gehe in die nächste Kita mit dir und lade alle ein. Die schmeißen mich doch gleich wieder raus.“
„Das glaubst du, du endlose Pessimistin. Kra, kra.“
Stimmte eigentlich. Manchmal war mein Vogel schlauer als ich. Das erschreckte mich sehr.
Am nächsten Tag meldete ich mich krank und ging zur nächsten Kita, die an meine Wohnung angrenzte. Zunächst allein. Die Leiterin hielt mich erst für eine Wahnsinnge. Sie sagte es nicht direkt, doch ich sah es ihr an und sprach sie darauf an. Konfrontation ist immer das Beste. Na ja, es sei schon ungewöhnlich, was ich ihr da erzählte. Ein Rabe, der angeblich Geschichten erzählen könne. Japanische Märchen dazu. Er interessiere sich eben einfach nicht für die Märchen von den Gebrüdern Grimm. Ist halt ein eigenwilliger Geist. Und dann lachte sie. Ich weiß nicht, wie lange, aber lange genug, dass sie am Ende einwilligte.

Schornsteinfeger war vollkommen aus dem Häuschen, als ich ihm von meinem Ergebnis und seinem nahendem Auftritt berichtete. Er wählte das Märchen: Die Kröte und der Hase. Da es in der Geschichte um Kuchen ging, würden wir eine große Torte mitbringen. In der Nacht flog Schornsteinfeger in den Wald und berichtete seinen Freunden und seiner Familie von dem Auftritt. Dass sie jedoch noch etwas ausheckten, davon sollte ich erst zwölf Stunden später erfahren.

Auch in dieser Nacht schlief ich schlecht. Ich war aufgeregt und seit langem mal wieder allein, ohne meinen RaaRaben. Einzig der Mondschein beruhigte meinen schnellen Atem. Als wir am nächsten Tag in die Kita spazierten, gaben wir uns natürlich förmlich. Schornsteinfeger trug eine Fliege und saß stolz in seinem Käfig. Ihm fielen fast die Augen zu, weil auch er die vergangene Nacht zu wenig geschlafen hatte. Ich hatte im Internet noch wichtige Informationen über Raben gesammelt und einen Flyer gebastelt. Meine Kamera hatte ich natürlich auch dabei. Jedes Kind sollte ein gemeinsames Foto mit Schornsteinfeger haben, wenn es denn wollte.
Zunächst zeigte ich den Erzieherinnen den Pass, den mir der Tierarzt ausgestellt hatte. Schornsteinfeger erfreute sich bester Gesundheit stand dort in ärztlichen Formeln. Es dauerte nicht lang bis wir uns unter hunderten neugierigen Augenpaaren wiederfanden. Ein kleines Mädchen mit schwarzen Haaren versteckte sich hinter einem größerem Jungen. Schornsteinfeger und ich sahen uns an und dachten das Gleiche. Er zwinkerte mir zu und ich wusste Bescheid. Unsere Vorführung war – darf ich es sagen? – zauberhaft. Ich spürte, wie sich meine Haut kräuselte und die Kinder lauschten uns beiden. Nachdem wir fertig waren, meldeten sich die ersten. Ein Junge sagte, dass er immer Angst vor den Raben gehabt hätte, weil sie so schwarz waren und irgendwie unheimlich aussahen.

„Hinter jeder Oberfläche steckt oftmals ein Inhalt, kra, kra, vor dem man sich nicht zu fürchten braucht, kra, kra. Ihr braucht nur ein bisschen Mut, um hinter die Fassade zu schauen. Schau dir doch mal diesen schwaren Lakritzbonbon an, kra, kra, den Lore in der Hand hält. Kra, kra. Hässlich, oder?“
„Ja“, riefen alle Kinder im Chor.
„Dann kommt mal her und probiert mal.“
Einige Jungen und Mädchen mochten kein Lakritz, aber der Junge war ein großer Fan von dieser Süßigkeit und lutschte genüsslich den Bonbon. Etwas schüchtern schaute er Schornsteinfeger noch an, strich ihm dann aber sanft über sein Gefieder. Er blieb bei ihm. Sprach nicht weiter, doch wir wussten, er hatte es verstanden und damit stand er nicht allein da. Wie auf Kommando kamen noch mehr Kinder zu uns, auch das Mädchen mit den schwarzen Haaren.
„Für dich habe ich etwas Besonderes, kra, kra“, sagte mein Rabe. „Dieser Stein ist genauso schwarz wie ich und dein Haar, er ist ein sehr seltener Stein und nun dein Glücksbringer. Wenn es dir mal nicht gut geht, nimm ihn und dann wird er ganz warm.“
Das Mädchen errötete und lächelte dann schüchtern.
„Dankeschön.“

Plötzlich kam ein Schrei vom Fenster. Ich sah das Wunderwerk. Vor uns flog ganz langsam eine große Herbstkette auf uns zu. Sie war so lang, dass sie einmal um die Großstadt hätte gespannt werden können. An ihr hingen bunte Blätter, die aussahen als hätte sie der Regenbogen höchstpersönlich angemalt. Da geriet selbst ich ins Stocken.
„Was…“
„Psst, unser Geschenk an dich und deine Menschenkinder“, flüsterte Schornsteinfeger.
Ehe wir uns versahen, waren alle Kinder draußen, fast alle bis auf das Mädchen, das noch mit leuchtenden Augen zwischen uns stand.
Einige Kinder spielten mit den Blättern, andere unterhielten sich mit den Raben und irgendwo dazwischen hielten sich die Erzieherinnen vor Staunen die Hände vor den Mündern. Eine rief sogar: „Schreibt die Märchen um.“

Meinen Job in der Werbeagentur habe ich mittlerweile gekündigt, meine Wohnung auch. Ich lebe nun in einer kleinen Hütte im Wald, stets bewacht von den Raben. Regelmäßig ziehen Schornsteinfeger und ich durchs Land, um den Kindern zu erzählen, dass das Leben doch eigentlich ganz einfach ist und wunderschön sein kann, wenn man für alles offen ist, auch für die zunächst hässlich erscheinenden Dinge. Und die japanischen Märchen sind in einigen Kitas teilweise bekannter als die der Grimm Brüder.
Genau darum habe ich mir übrigens keinen Wellensittich angeschafft, sondern einen schlauen kra kra RaaRaben.

Eigentlich sollte es ein besonderes Highlight zu meinem Wochenabschluss werden: Das Japan-Festival 2008, das dieses Jahr im Postbahnhof am Ostbahnhof stattfand. Geworden ist es ein absolutes Desaster.

Bereits am Eingang steigt der Erwartungsdruck der Besucher enorm, denn bei einer Tageskarte von 13 € – ohne Ermäßigung (bis auf für Mangakostümierte) möchte man schon etwas geboten bekommen. Aus dem Augenwinkel beobachte ich viele Besucher, die entsetzt die Hände über die Köpfe zusammenschlagen und wieder gehen. Ich hingegen gebe jedem einem Chance, erst Recht der Kultur und schon wirklich der japanischen.

Schnell stelle ich allerdings fest, das dies ein Fehler gewesen ist. Ich hätte ebenso kehrtmachen müssen. Was ich in den – teilweise überhitzten – Hallen finde, ist traurig. Ein Bühnenprogramm, das an eine Amateurtheatergruppe erinnert. Auf dem Prospekt wurde beispielsweise eine Manga-Anime-Performance angekündigt. Geboten wird dem Publikum ein japanisches Märchen, das von einer jungen Frau so hastig und verhaspelnd vorgelesen wird, das man sich am liebsten Wattestäbchen in die Ohren stecken möchte. Der anschließende Tanz ist so unkoordiniert, das einem die Augen tränen. So sitzt man in dem Zuschauerraum, schwitzt wie wahnsinnig unter den blauen Lichtstrahlern und sucht vergeblich nach dem japanischen Zauber, der hier versprochen wurde.

Geben wir also dem Kulinarischem eine Chance. Ich bin mit meiner Udonsuppe zufrieden, wenngleich ich den Seetang suchen muss. Mein Begleiter hat für seine 5 € nur zwei Stückchen Fleisch bekommen. Da frage ich mich: Einfach nur Geiz oder handelt es sich hier um die bekannte japanische Zurückhaltung?

Die heißersehnte Kimonovorstellung endet ebenso im Debakel. Der unfähige Moderator auf der Bühne verspricht sich ein paar Mal, bevor er die große Kimonosammlerin Simone Seeger ankündigt. Drei Frauen und ein Mann präsentieren ihre wertvollen Kleidungsstücke, schleichen im Zeitlupentempo über die Bühne und ich frage mich, wie lange sie wohl für die Choreographie benötigt haben. Fehlt nur noch, dass aus dem Off Hape Kerkeling auf die Bühne springt. Das Ganze ist so japanisch wie Currywurst.

Unter dem großen Namen Japan-Festival habe ich mir etwas anderes versprochen. Eigentlich war es eine kleine Messe, nicht mehr und nicht weniger. Einziger Pluspunkt waren eins, zwei inspirierende Stände, die mir den Traum von dem Land nicht genommen haben. Den Glanz jedoch für diese Veranstaltung habe ich bis heute nicht finden können.

Zehn Gründe, warum man der FAZ-Besprechung zum neuen Roman von Carlos Ruiz Zafón „Spiel des Engels“ trotzen sollte.

spiel_engel

1. Ein kleines Déja Vú seit „Der Schatten des Windes“: Man ist von Anfang an gefesselt…
2. … so sehr, dass ich das dicke Buch mit mir herumschleppe, um es in der Bahn oder in der Mittagspause zu lesen.
3. Die Sprache ist wie gewohnt fantastisch und so wunderbar süffig, als würde man ein Feierabend Bier trinken.
4. Es kommt mir wieder ein bisschen wie die Unendliche Geschichte für Erwachsene vor.
5. Das Mystische mischt sich mit dem Alltäglichen.
6. Viele, viele Menschen und ihre Schicksale.
7. Einige Geheimnisse und seltsame Augenblicke.
8. Historischer Hintergrund.
9. Man taucht und liest, taucht, liest…
10. … und möchte es einfach nicht aus der Hand legen.

Ich habe das Stöckchen von Bonafilia aufgefangen und reihe mich ein in die zauberhafte Reise der Buchpoesie.

buchpoesie_4

Warum du mich verlassen hast

Einmal im Leben
Weit fort
Fast ganz die Deine
Mona
Die Frau unseres Lebens

Sonnenscheinpferd

Erogene Zone
Riskante Begierden
Schönheit und Trauer

Ruf mich bei deinem Namen.

Paul Ingenday/Jhumpa Lahiri/Cornelia Schleime/Marcelle Sauvageot/Alexander Gorkow/Carla Guelfenbein/Steinunn Sigurdardóttir/Philippe Dijan/Taeko Kono/Yasunari Kawabata/Andre Aciman

buchpoesie_2

Die Leiden eines Amerikaners

Vincent
Herz der Finsternis
Verschwunden
Verraten und verkauft
Der Vogel ist krank
Bis ich dich finde.

Abspann ——–

Siri Hustvedt/Joey Goebel/Joseph Conrad/Silvia Bovenschen/Philippe Djian/Arnon Grünberg/John Irving/Steve Tesich

buchpoesie_3

Himmelstraße

Reise im Mondlicht
Kühle Sterne
Warten auf die Sonne
Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß
Mein Herz so weiß
Bis(s) zur Mittagsstunde.

Erica Fischer/Antal Szerb/Hertha Kräftner/Hitomari Tsuji/Hiromi Kawakami/Javier Marias/Stephenie Meyer

Sehr geehrte Damen und Herren,

schalten Sie bitte die Flimmerkisten aus und dafür den Wasserkocher ein für eine heiße Tasse Tee oder ziehen Sie den Korken aus der leicht verstaubten Weinflasche heraus, denn nun ist es endlich soweit: Der Bücherherbst ist da und ich als Ihre persönliche Literaturfachfrau freue mich, wunderbare Neuerscheinungen vorzustellen, die Sie nicht in der Bestsellerliste sehen werden, da ich das als meine Aufgabe sehe… auf Bücher zu verweisen, die ebenso gut, sehr oft so viel besser, aber weniger bekannt sind.

Die Frau in der hinteren Reihe – Francoise Dorner

Diese Lektüre versprüht eine Leichtigkeit, die einige Lachsalven mit sich zieht und ist gleichzeitig ein kleines Plädoyer gegen den grauen Alltag. Ein Buch, das beglückt und anstößt. Ich habe es sehr gern gelesen, weil Francoise Dorner eine Zauberin der Worte und Gedanken ist. Die französische Schriftstellerin, die im vergangenen Jahr durch ihr Buch Die letzte Liebe des Monsieurs Armand bei uns bekannt geworden ist, erzählt dieses Mal die Geschichte einer Ehefrau, die sich von ihrem Leben mehr verspricht, als täglich am eigenen Kiosk zu stehen und ihren morgendlichen ehelichen Pflichten nach zukommen. Ehe sie sich versieht, spielt selbst die Rolle einer femme fatale…

Das Familientreffen – Anne Enright

Dieses Buch ist eine Wucht. Es packt dich im Herzen, knallt dir ins Gesicht und gibt dir am Ende das Gefühl, lebendig zu sein. Vollkommen. Ohne Komma und Punkt. Es ist sehr stimmungsvoll, emotions- und gedankengeladen und in der Sprache überraschend. Vor einer Sekunde noch sensibel und im nächsten Moment brutal. Ich habe dieses Buch in einem Zug durchgelesen, zu packend ist die Geschichte. Zu sehr hat es mich angesprochen.
Der Inhalt: Nach dem Tod ihres Bruders, Liam, gerät Veronicas Leben durcheinander. Während die anderen Familienmitglieder den Tod nur hinnehmen, hinterfragt sie das Ganze und damit ihre Familie und ihr eigenes Leben. Eines Tages ist sie der Schatten ihrer selbst und weiß selbst nicht mehr, wo vorne und wo hinten ist. Die Autorin zeigt mit dem Finger auf das Mysterium Familie und deren dunklen Seite.

Goodbye Lemon – Adam Davies

Adam Davies Helden möchte man am liebsten eine kleben und sie anschließend in den Arm nehmen. Sie reiten sich stets selbst in den Mist, sind dabei naiv, egoistisch, sensibel und irgendwie liebenswert. Man kann es nicht genau sagen, warum. Es ist einfach so.
In seinem neuen Roman geht es um Jack, der mit Widerwillen in seine Heimat zurückkehrt, weil sein Vater einen Schlaganfall hatte. Seit Jahren schon hängt eine große Wolke über den Familiensegen -seit Jacks jüngerer Bruder, Lemon, im See ertrunken ist. Zunächst hält Jacks Freundin Hahva seinen aufgewühlten Kopf, um im Wahnsinn seiner verkorksten Familie klar zu kommen, doch das bleibt nicht von Dauer, schließlich war hier wieder eine echter Adam Davies am Werk.
Was seine Bücher so auszeichnet sind und bleiben die Protagonisten – großartig durchgeknallt und erfrischend, wie eingangs erwähnt: Einfach nur liebenswert.

Der Duft – Karl Olsberg

Ein sehr vielschichtiger und spannender Krimi. Olsberg erzählt facettenreich, straff und unterhaltsam. In dem Buch steckt jede Menge Stoff – ein Stoff, der mehere Menschen in unterschiedlichen Ländern miteinander verbindet. Als sie es merken ist es fast zu spät.
Die Geschichte beginnt zunächst ganz harmlos mit einer Unternehmensberaterin, Marie Escher, die das Potential einer Biotech-Firma untersuchen soll. Als es zu einem merkwürdigen Zwischenfall ihrer Kollegen kommt, reist sie nach Afrika und muss selbst um ihr Leben kämpfen.

Herzzeit – Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan

Dieses Buch ist Zeuge einer besonderen Beziehung zwischen zwei Menschen. Es lässt uns Leser in die tiefsten Abgründe blicken, staunend die Gefühle fühlen und Teil einer Welt sein, die uns sonst nicht so nah kommt – ich spreche hier von den Künstlern.
Lange wussten wir nicht, wie es um die Beziehung zwischen Ingeborg und Paul wirklich stand – die Briefe geben uns nun die Antwort.

… Das war noch nicht alles an neuen schönen Büchern. … Fortsetzung folgt. …