Dezember 2008


Wütend bin ich, nicht etwa wegen meiner Wimpern, die ich mir glatt selbst vor Rage rausreißen möchte, sondern weil ein gewisser Autor, Joseph Winkler, in seinem neuem Roman, der unschlagbare 125 Seiten lang ist, einen Satz von Alfred Döblin aus dessem Werk Berlin-Alexanderplatz, als Titel nutzt, ach benutzt.

Er heißt: „Ich reiß mir eine Wimper raus und stech dich damit tot.“

Nachzulesen in der klassischen gebundenden Fischer-Ausgabe auf Seite 235 ganz unten. Dort steht der Satz, welcher nun dieses zeitgenössische Buch schmückt.

Der Verlag erwähnt auf seiner Internetseite dazu, dass der Autor in seinem Buch hin und wieder Zitate aus anderen Büchern benutzen würde, aber es ist kein Hinweis zu finden, dass der Titel geklaut ist. Stattdessen freut sich ein Amazon-Leser über diesen tollen Einfall, der allein schon einen Preis verdient.

Für wie blöd halten die Verlage uns eigentlich?

Die Straßen sind leergefegt, nicht von der Stadtreinigung, sondern vom Weihnachtsfest selbst. Einzig die Regentropfen an den Fenstern beherrschen die große Stadt im Osten der Republik und erinnern mich daran, dass ich ein Erdenkind bin.

Heute Morgen, so kurz vor halb Neun, sind die letzten Leute mit ihren riesigen Koffern zum Hauptbahnhof geeilt und ich saß gemütlich in der Bahn, froh darüber, dass ich diesen Stress nicht habe. Ich liebe es Heiligabend zur Arbeit zu fahren, irgendwie liegt dann so ein gewisser Zauber über Berlin. Herr Fernsehturm grinst mir zu und nickt zustimmend. Er trägt heute eine silbernde Krone, die ihn manchmal ganz schön kratzt.

Dass es die Menschen immer so leuchtend haben wollen. Tsss…
Nur einmal im Jahr. Stell dich nicht so an.
Trotzdem.

Auch Fernsehtürme haben es irgendwann einmal satt und haben ein Recht auf Ruhe.

Habe ich keine Familie?
Doch habe ich eine, zweigeteilt sogar, aber sie sitzt in meinem Herzen, dazu brauche ich nicht drei Stunden in überfüllten Zügen zu sitzen.
Bin ich eine Weihnachtsverweigerin?
Nö, ich feiere nur so, wie es mir am liebsten ist. Mit Wein, Schokolade, Liebe und Zweisamkeit.

Wir haben zwar noch kein Silvester und doch blicke ich zurück auf ein Jahr, das sich anfühlt wie kleine Blasen, die abwechselnd durch mein Ohr schwappen als hätte ich zu lange getaucht und literweise Wasser aufgezogen. Einige Fische würden auch blubbernd sagen: Du bist ein Nemo, der seine Flossen noch nicht richtig kennt.

Ich habe einen Job verloren.
Einen neuen gefunden.
Einen ätzenden.

Ich habe Freunde verloren.
Neue gefunden.
Wunderbare.

Ich habe den ätzenden Job
geschmissen und einen
noch viel besseren bekommen.

Ich habe gezweifelt.
Alte Ängste gelebt.
Einen Teil von ihnen vergraben.

Ich habe mich noch nicht gefunden.
Aber ich bin dabei,
auf der Reise.

Und nun sitze ich hier am Heiligen Abend. Und ich denke bei meinem Resümee wieder an die Japaner, wenn ich auf das vergangene Jahr zurückblicke. Ziehen lassen, wenn die Zeit reif ist. Du kannst nichts erzwingen, das macht dich am Ende nur müde und raubt jede Elastizität deiner Muskelfaser. Glaub an Gott oder an das Universum oder an die Götter oder an irgendeine Kraft – es soll so sein, wie es kommt.

In diesem Sinne: Frohes Fest euch da draußen!

„Was wir vor uns sehen, ist nur ein winziger Ausschnitt der Welt. Wir haben uns angewöhnt zu denken, das sei die Welt, aber das stimmt ja überhaupt nicht. Die wirkliche Welt ist weit dunkler und tiefer, und der größte Teil davon ist von Quallen und solchen Getier bevölkert. Diesen ganzen Rest lassen wir einfach unter den Tisch fallen. Ist es nicht so? Zwei Drittel der Erdoberfläche ist Ozean; und mit bloßem Auge können wir davon nur die Oberfläche sehen: die Haut. Von dem, was sich unter der Haut abspielt, wissen wir praktisch gar nichts.“

[Aus "Mister Aufziehvogel" von Haruki Murakami.]

Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich mal wieder einen Text über das kleine alltägliche Glück schreiben soll, aber ich kann nichts dagegen tun und sitze nun hier während meine Finger auf der Tastatur klimpern, ohne dass ich wirklich viel dazu beitragen muss. Mein Kopf schaukelt hin und her, meine Beine trommeln leise auf dem Boden und mein Herz schlägt Purzelbäume. Warum? Ja, warum eigentlich? Heute ist ein schöner Tag gewesen. I know Darling, eigentlich sollte es jeder sein und doch gibt es Tage, die funkeln aus der Masse der Wochen heraus wie zarte Sternschnuppen. Ihre Zacken erzeugen so bestimmte Vibrations in uns, dass wir für einige Momente vergessen, wer wir sind, wo wir herkommen und wo wir hinwollen, denn wir sind einfach da: Wir sind vollkommen mit uns und der Welt da draußen. Und mal ehrlich: Wenn wir es immer wären, dann gäbe es doch diese bestimmten Schwingungen nicht mehr.

Neben dem totalem Genuss sind solche Augenblicke auch kleine weise Mönche, die zärtlich an meinem Kopf klopfen. I know Darling, ich könnte es viel öfter haben, wenn ich nicht so gedankenbeladen wäre. Wenn sich nicht immer alles um mich und meine kleinen Wehwechen drehen würde. Wenn ich loslassen könnte. Wenn ich mehr Vertrauen hätte. Wenn, wenn, wenn… Höre ich da etwa eine Abrechnung mit mir? Vielleicht. Ein bisschen.

Ich bin ein großes Mädchen, habe schon so Einiges erreicht und stelle mir selbst oft die Beine, obwohl es nicht sein muss. Wie doof, höre ich da draußen einige Stimmen. Ja und wie doof! So was will groß sein? Ich könnte jetzt sagen, aber ich bin doch ein sensibler Mensch, doch das zählt nicht, davon gibt es viele da draußen und sie beißen sicherlich öfter die Zähne zusammen als ich. Also doch: Abrechnung! Zunächst aber bitte schön: Einsicht. Bestimmt gibt es auch Menschen da draußen, die mit mir fühlen und sich selbst über sich ärgern. Aber was bringt es uns? Nichts! Reine Energieverschwendung. Ich bin mir heute darüber im Klaren, ich habe mich für einen Weg entschieden, der der Einsicht folgt und nicht immer einfach, dennoch machbar sein wird.

Wer mir dabei helfen wird? Vier Dinge, die mich heute unwahrscheinlich stärken und tanzen lassen: Ein Tuch mit dem Stadtplan von Tokyo. Die kraftvolle Stimme einer Sängerin. Weise Gedanken in einem sehr persönlichen Buch meines Lieblingsschriftstellers, Haruki Murakami. Und die Liebe von einem Menschen an meiner Seite, mit dem ich schon viel gekämpft habe. Und noch etwas: Das Gefühl, zu wissen, dass ich nicht allein bin, Freunde habe, die ehrlich zu mir sind, mich auffangen, mich wachrütteln.

Sicherlich ist das Leben hart. Wir alle kämpfen. Jeder auf seine Art und Weise. Und es gibt Tage, an denen sehen wir nur das Grau im Himmel und übersehen das Blau. Ich habe heute einen sehr wichtigen Satz gelesen: Schmerz ist unvermeidlich, Leiden eine Option. Wie oft sehen wir oder sehe ich nur das Leid als festen Baustein. Ich lege mich so gern dort hinein als wäre es mein warmes Bett. Weil es am einfachsten ist. Einknicken bedarf nicht viel Anstrengung. Sich dem Leid stellen jedoch erfordert Kraft und Mut, das man schnell übersieht oder versteckt. Es ist doch leicht, sich ein Streicheln abzuholen anstatt zu lächeln, obwohl einem nicht danach ist. Aber beeindrucken uns nicht gerade die Menschen, die in ihrem Leben kämpfen mussten und trotzdem keine vom Zorn gezeichneten Gesichter haben? Manchmal fragen wir uns, wo sie das Lachen in ihren Augen herhaben. Von ihrer Stärke dem Leid zu trotzen und weiterzumachen, zu vergessen, wer wir sind, wo wir herkommen und wo wir hinwollen. Wie beim Glück. Hier sein und nicht dort.

Ich beginne zu begreifen, sehe den Weg vor mir und stelle mich nun einfach daneben und gebe anderen den Raum. Vertrau dem Sinn und alles wird sich richten. Früher oder später. Auf jeden Fall: Ganz bestimmt.