Marienkäfer sind zum Fliegen da

Ich kannte einmal ein Mädchen, das hatte so strahlende Augen, die man leicht mit der Sonne vertauschen konnte. Und dann war da noch eine, die wollte ich mir wie einen eleganten Schal um den Hals legen. Alter Romantiker, sagten meine Freunde und belächelten mich. Die Menschen haben heute einfach keinen Sinn mehr für das kleine Wesentliche. Als ich dazu ausholte, lachten sie mich noch mehr aus. Auch das fehlte ihnen: Die Freude an den kleinen Dingen des Lebens.

Kennengelernt hatte ich die Mädchen in einem bescheuerten Accessment-Center bei einem großen Unternehmen. Die eine saß mir direkt gegenüber mit einer großen Tasche, die beinah größer war als sie selbst. Passend zum braun-orange farbenden Leder ihrer Tasche lag der Schal um ihren leicht geröteten Hals. Etwas nervös spielte sie an ihren Haaren und klemmte eine besonders anstrengende Strähne hinters rechte Ohr, an dem eine lange silbernde Creole hing. Sie wackelte im Rhythmus ihres unruhigen Atems. Am liebsten hätte ich das Mädchen wie mein liebstes Hemd zusammengefaltet , dort hineingelegt, den Reißverschluss zu und ab mit ihr in ein Leben ohne Zwang, einen Job zu haben, Miete zahlen zu müssen oder gar die Anweisung die Wohnung abschließen zu müssen.
Es gibt Wesen auf dieser Welt, die möchte man am liebsten in eine Vitrine stellen. Ich glaube, so eine war sie. Was für Hirngespenste dachte ich, als ich da saß und über dieser dämlichen Aufgabe brütete. Ich sah mich im Raum um und wusste sofort, wer Gewinner und wer Verlierer war. Konnten die da vorne nicht einfach mich fragen? Da konnten wir das ganze Prozedere hier charmant umgehen. Ich hatte genug Ahnung und Menschenkenntnis sowieso. Diese Tests galten doch einzig den Unternehmen, die sich aufspielen und laut schreien wollten, wie geil sie doch sind. Wir, die kleinen dummen Bewerber, spielten doch nur irgendwelche schlecht geschriebenen Nebenrollen. Ich blickte immer noch das Mädchen mit der großen Tasche an. Sie griff dort hinein, holte sich ein Taschentuch heraus und schnäuzte so laut, dass alle andere gleichzeitig die Köpfe in ihre Richtung bewegten. „Sorry“, sagte sie leicht errötend. Wie ich später erfahren sollte, zählten Erkältungen zu ihren treuesten Begleitern.
Ich habe keine Ahnung, wie ich die Aufgabe vor mir gelöst habe, denn ständig wanderte der Blick zu dem Mädchen. Nein, ich fand sie nicht anziehend wie man es sonst von Männern kennt, denn auf Frauen stand ich üblicherweise nicht. Genau das verwirrte mich ja.

Neben mir saß auch ein weiteres Mädchen, auf das ich aufmerksam wurde. Sie hatte ihre Haare so streng zusammengebunden, dass ich ihre Kopfhaut fragen wollte, ob alles in Ordnung sei. Auf dem Kopf hätte man mit einem Schlitten rodeln können, so glatt und glänzend sah das alles aus. Sie wiederum war das totale Gegenteil von dem Taschenfräulein. Kühl, ganz in Schwarz, auch mit einem Schal, mit einem schwarzen und doch steckte da so eine Herzlichkeit in ihr, wenn sie mich anlächelte, dass sich ihre Kühle im Nu wie eine Dampfwolke direkt vor mir auflöste. Schicksale verbinden, schrieb sie mir auf einem Zettel. Ich grinste. Und betrachtete sie mir genauer. So etwas hatte ich lange nicht mehr gesehen. Schwarz – so weit das Auge reichte. Selbst ihr Stift. Sie hatte den Firmenstift zur Seite gelegt und schrieb mit ihrem. Schwarz. Alle anderen hatten blaue Buchstaben, doch sie hatte schwarze. Ihre Eleganz ließ mich fast betäuben. Jedesmal, wenn ich mich in die Aufgabe vertieft hatte, schnäutze mich das Taschenfräulein von gegenüber an oder die Dame neben mir schrieb mir wieder irgendeine Weisheit, die mich in eine andere Welt manövrierte. Nach 30 Minuten war es endlich vorbei und wir durften den von der Klimaanlage geschwängerten Raum atemlos verlassen.

Im Pausenraum fand ich mich plötzlich neben dem Taschenfräulein und der kühlen Schwarzen wieder. Sie schienen sich zu verstehen, weiß der Himmel warum und ich stand doof daneben wie ein Hund, der nur auf den Befehl seines Herrchens wartete. Beide rochen gut. Die eine erinnerte mich an eine Frühlingswiese auf der man gern seine Decke ausbreitete, dazu Erdbeeren aß und ein Glas Prossecco trank und die andere weckte in mir Erinnerungen an einen Tempel irgendwo in Asien, weise, düster und würzig.
Und du?
Hä?
Was machst du hier?
Das gleiche wie ihr, denke ich. Mich prostituieren.
Sie lachten beide. So laut, dass alle in unsere Richtung sahen. Jetzt erst sah ich, was das Taschenfräulein für strahlende Augen hatte. Sie sahen aus als wären sie von der Sonne persönlich angemalt worden. Die andere war aber auch nicht ganz ohne. Als sich unsere Augen trafen, dachte ich kurz an Michéle, meine Katzendame, die jetzt wahrscheinlich Zuhause schnurrend auf der Heizung saß und den Vögeln gierig hinterher miauzte. Verdammt, wo war ich nur gelandet?
In einem AC, sagte das Taschenfräulein.
Wow, sie konnte auch Gedanken lesen. Ich erschauderte.
Für den Pippijob, sagte die die kühle Schwarze.
Wir lachen, obwohl es traurig ist, oder?
Mhm, stimmten beide ein.
Was sollen nur die machen, die noch weniger haben als wir?

Wie wahr. Die eine war arbeitslose Journalistin, die andere arbeitslose Stundentin und ich auftragsarmer Texter. Alle drei haben wir studiert und standen nun hier in einer kahlen Küche, die einzig von einem großen brodelnden Kaffeeautomaten warm gehalten wurde, guckten um uns in andere Gesichter, die wesentlicher ängstlicher aussahen als wir. Was war nur falsch gelaufen in unserem Leben? Gut, das Taschenfräulein musste sich diese Frage noch nicht stellen, da sie noch Studentin war, aber die kühle Schwarze und ich. Ich sowieso. Mein Leben wollte ich nun jedoch nicht rekapitulieren. Nicht jetzt, das würde mich nur noch mehr erschüttern als ich es war, obwohl mit den beiden Damen neben mir spürte ich die Leichtigkeit in mir, die ich vorhin hinterm Duschvorhang liegengelassen hatte.

Wasn das für eine Marke? fragte mich das Taschenfräulein und tippte auf den kleinen, roten aufgebügelten Marienkäfer am rechten Ärmel meines Pullovers. Hätte ich bloß nicht mein Jackett ausgezogen.
Hä?
Ist das dein liebstes Wort?
Hä? Ah ja. Jawohl, mein liebstes Wort!
Was wollen Sie hier?
Hä?
Wieder schallendes Lachen. Wieder tausend Köpfe, die uns trafen. Herrlich! So hatte ich mir den Wahnsinn nicht vorgestellt.
Ich hatte da ein Loch. Ist nur ein Bügelbild. Eigentlich für Kinder gedacht.
Hä? fragte jetzt das Taschenfräulein.
Ja.
Wow, sagte die kühle Schwarze, und isch schmeiße meine Pulllover immer weg, wenn sie ein Loch haben.
Französin?
Hä?
Qui, Monsieur. Schon zu lange, wenn Sie misch fragen.
Kurz flatterte zwischen ihren Katzenaugen ein Schatten auf und ab, den ich nicht auffangen konnte, weil er zu scharf war, das er mich in meinen Eingeweiden zwickte. Er signalisierte mir rechtzeitig, dass ich nicht jetzt nachfragen sollte, wieso. Es verhielt sich bestimmt genauso wie mit meinem verkorksten Leben. Manche Sachen sollte man lieber eine Weile im Untergrund einlegen wie saure Gurken, bevor man sie herausfischt.
Die lassen uns aber ganz schön lange warten, sagte das Taschenfräulein.
Sind wichtig.
Qui.
Und ihr? Wollt ihr das wirklich?
Nö, antworteten beide im Chor.
Und warum sind wir noch hier?
Hä?
Ich hatte vorhin im Test so eine Eingebung. Da wollte ich dich in die Tasche packen und dich um meinen Hals legen wie einen Schal und abhauen von dem ganzen Wahnsinn.
Schweigen. Tiefe Blicke. Von links, von rechts. Ich hätte es lassen sollen. Verdammt.

Wie cool, na los, sagte das Taschenfräulein.
Qui, c’est fantastique. Ein Zauberer.
Ich schwöre, wir hätten es gemacht, nur drei Sekunden mehr Zeit, wenn nicht plötzlich die eine Personaltante vor uns gestanden hätte und laut sagte:
„Meine Damen, meine Herren folgen Sie mir bitte!“
Sind wir Menschen am Ende doch keine Träumer, sondern nur feige? Diese Frage beschäftigt mich seitdem jeden Abend.
Wir folgten ihr. Links die kühle Schwarze und rechts das Taschenfräulein. Genau in diesem Moment traf es mich wie der Blitz. Was auch als nächstes passieren würde, es war mir egal, denn ich hatte zwei wunderbare Wesen an meiner Seite.
Viel Glück, kleiner Marienkäfer, sagten beide fast synchron.
Mir fiel nur eins ein: Hä?

Ich habe heute keine Ahnung, was es war, dass uns diesen bescheuerten Test bestehen ließ. War es die Leichtigkeit? Das Überhebliche? Verbundenheit? (Sofern man nach kurzer Zeit schon davon sprechen konnte.)
Die kühle Schwarze habe ich mir so oft in den kühlen Tagen am Telefon um meinen kalten Hals gewünscht und die andere wollte ich immer in ihre Tasche packen und zum Notausgang flüchten, aber die Kabel hielten uns stets fest wie dicke Ketten im Knast.
Jetzt sitze ich hier. Ohne sie. Fühle mich einsam. Verdammt allein. Kein Hä, keine Sonne, nichts Schwarzes, nur gähnende Leere. Nur Idioten um mich herum und in meinem Ohr. Ich kämpfe abwechselnd mit der Ohnmacht, dem Frust, der Wut, der Trauer, weil die Beiden am Ende das gemacht habe, was meine Idee war. Und ich? Hatte einfach nicht den notwendigen Mut dazu. Da war es wieder, das Feigenblatt, das mich an meiner Nasenspitze gemein kratzte, aber nicht zu mehr fähig war.
Die eine hat sich eines Tages in ihren schwarzen Schal gewickelt, ist durch das Treppenhaus nach unten geschwebt und die andere erhob sich ohne Kommentar von ihrem Arbeitsplatz und kroch in ihre Tasche. Seitdem wurden sie hier nicht mehr hier gesehen. Keiner weiß etwas. Ich suhle mich seitdem in meinem schwarzen Loch, sehne mich täglich schmerzlich zurück in die gemeinsamen Stunden und die Pausen… die kleinen Prosseccodöschen, die wir uns unten am Kanal geteilt haben, wenn der Wahnsinn mal wieder zu groß war. Unsere Sonnenbrillen tief im Gesicht, die Zigarettenspitzen am Mund. Die gackernden Enten waren unsere einzigen Zeugen. Mit offenen Schnäbeln lauschten sie drei Menschen, die am falschen Platz standen und sich woanders hinwünschten. Die Enten planschten in jenen Minuten nicht mehr im Wasser, sondern in den Träumen und Wünschen der beiden Mädchen und dem einem Mann. Das war zwar nicht so nass, aber allemal weicher und wesentlich bunter, süßer. Bald schon sprach sich wohl im Entenreich die besondere Quelle herum, denn aus allen Richtungen kamen sie in Scharen aus dem Kanal und versammelten sich um die drei Personen. An ganz düsteren Tagen, wenn die Brillen sehr tief saßen, fast die ganzen Gesichter bedeckten, schmeckten die Enten manchmal sogar das Salz, was sie sonst bisher vom Meer her kannten. Dass es sich hierbei nur um Tränen handelte, konnten die Vögel nicht wissen. Vielleicht war es auch besser so.

Neben mir stand plötzlich eine Bewerberrunde von fünfzehn Leuten, die sich ihren neuen tollen Arbeitsplatz ansahen. Genau in dem Moment hörte ich nichts mehr. Es war so als hätte sich ein warmer runder Gegenstand in meine Ohrmuscheln gelegt. Nur das Rasseln meines Atems hörte ich. Hinter der Gruppe sah ich im Lichtschatten draußen vor den kalten Fenstern einen schwarzen Schal und die Sonne. Winkten sie? Ja, tatsächlich. Sie winkten mir zu und sangen ganz leise. Ich begriff erst nicht ganz, doch dann, wie immer synchron, drang das Lied durch den die weiche, warme Schale in mein Orh. Ich verstand.
Es war an der Zeit.
Ich stöpselte mich aus, verließ meinen Platz, ging.

Unten am Eingang stand in großen Lettern auf dem kühlen Asphalt geschrieben:
Schicksal verbindet.
Hä?
Marienkäfer sind zum Fliegen da___________.

Noch vollkommen benebelt folgte ich dem Strich vom a, endlos lang war er, ich lief, war schneller außer Atem als mich meine Beine tragen konnten bis ich bald auf eine große Tasche stieß, die mit einem schwarzen Schal verbunden war.

4 Kommentare

Eingeordnet unter Geschichten

4 Antworten zu Marienkäfer sind zum Fliegen da

  1. Pingback: Sammelmappe » Blogrundgang am Sonntag Abend

  2. Monfiwi in Bestform! Wunderbare menage á trois – bitte mehr davon. Wie wäre es mit einer Fortsetzung?
    Liebste Grüße
    Antje

  3. monfiwi

    liebe lichtmalerin,
    vielen dank! daran wird bereits gearbeitet.

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