Gute Autoren sind rar. Gute Autoren findet man selten in der aktuellen Bestsellerliste. Gute Autoren schreiben nicht für die Masse. Gute Autoren sprechen für sich oder viel mehr ihre Bücher. Und so jemanden möchte ich heute Abend vorstellen.
Elisabeth Herrmann. Wer? Das habe ich oft gehört in der letzten Zeit. Elisabeth Herrmann! Eine Berliner Krimiautorin, die etwas von ihrem Handwerk versteht und dem Leser wahre Freuden beschert. Es sind nicht gewöhnliche Krimis mit Blutspuren, die dem Leser an den Augen kleben bleiben. Viel mehr schreibt sie Geschichten aus dem Leben und versieht sie mit einer Prise Augenzwinkern, dass man sich manchmal vor Lachen schütten könnte und im anderen Augenblick erstarrt man vor dem, was man da eben gerade gelesen hat.
Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass ihre Krimis, den Büchermarkt auf eine besondere Art und Weise bereichern. Wie oft bekommt man schon anspruchsvolle Unterhaltung geboten? Ihren großen Einstieg hatte die Berlinerin damals mit dem Kindermädchen, das man 2005 zum besten deutschen Krimipreis kürte. Dieses habe ich jedoch nicht gelesen, noch nicht. Wenn man aber erst einmal eins von ihr gelesen hat, wird man süchtig.
Angefangen habe ich mit „Die 7. Stunde“. In dem Roman geht es um eine Privatschule im Berliner Stadtteil Pankow, hinter deren Fassade es brodelt. Hier wird gelogen, nur um den Schein zu wahren. Hier wird gespielt, um zu töten. Ein packender Krimi und mittendrin der stets ermittelnder Anwalt, Joachim Vernau, der weniger erfolgreich ist und nur einen vernünftigen Anzug in seinem Kleiderschrank vorweisen kann. Lieben wir ihn deshalb? Oder weil er so ehrlich ist? Manchmal noch ein wenig naiv und am Ende doch raffiniert? Lesen Sie selbst und bilden sich das eigene Urteil.
Über Phillip Roth habe ich kürzlich gelesen, dass er mit jedem Roman besser wird. Diese Feststellung würde ich an der Stelle gern klauen und auch an Elisabeth Herrmann klemmen, denn ihr neuester Roman „Die letzte Instanz“ ist noch ein bisschen besser als der Vorgänger. Vielleicht auch deshalb, weil es dort um das große Thema Schuld und Sühne geht. Ein Mord jagt den nächsten und viele Menschen mischen mit, so viele, das man aufpassen muss, nicht den Überblick zu verlieren, aber genau das ist ihre Absicht, denn Elisabeth Herrmann liebt es, ihre Leser in den Hinterhalt zu locken. Hier verstrickt sie Menschenschicksale, die man sonst nur aus der Zeitung kennt oder von denen man gehört hat und erschütternd den Kopf schüttelt. Die Autorin ist nah am Leben, zoomt an den entsprechenden Stellen näher heran und erzeugt eine Gänsehaut, die sich schlecht abreiben lässt. Und in alldem ganzen Wollknäul ist immer der Joachim Vernau, ein Typ Mensch, mit dem man so gern mal ein Bier trinken möchte und der einem in einer gefüllten S-Bahn ein Lachen entlockt, dass es wieder so verdammt gut tut und man das Grauen fast vergisst. Nur fast.
Wer da draußen die Nase voll hat, von Blutspritzern und zurückkehren möchte ins feine Literaturgenre, das Agatha Christie einst eingeführt hatte, sollte Elisabeth Herrmann eine Chance geben. Sie werden es nicht bereuen! Und wer die Gelegenheit bekommen sollte, sie live lesend zu erleben, sollte sich das nicht entgehen lassen, denn sie verleiht jeder Figur die richtige Stimme. Sie legt sich in ihr eigenes Buch, als wäre es ihre Bettdecke, die sie über alles liebt. Der Ton ist an einer Stelle ruhig als hätte die See lange keinen Wind mehr abbekommen, doch schon auf der nächsten Seite tobt sie wie der wildeste Orkan, der selbst vor festen Häusern nicht halt macht.
Ich bin zwar nicht Denis Scheck, möchte trotzdem an der Stelle schreiben: Vertrauen Sie mir. Ich weiß, was ich tue.
März 11, 2009 at 8:25
Danke fürs Erinnern an Elisabeth Herrman. Ich habe habe vor einigen Jahren „Das Kindermädchen“ gelesen und war begeistert. Irgendwie hab ich sie als Autorin aber aus den Augen verloren.
Juni 5, 2009 at 5:00
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