Die Stadt ist erschöpft und erholt sich müde im warmen Bad der Sonne. Die letzten Stunden waren ihr eindeutig zu schwer, zu laut, zu schmutzig und unruhig. Normalerweise kennt sie es anders. Sicherlich ist es oft laut hier und dreckig sowieso, aber selten vibriert es in ihr wie am 1. Mai. Genau so muss es sich anfühlen, wenn sich Frauen im Endstadium ihrer Schwangerschaft befinden, denkt sie. Der Tag der Arbeit – steht neben der 1. Der Tag der Revolte möchte sie lieber dagegen setzen. Der Zorn der Menschen sitzt an dem Tag überall, in den Schornsteinen, auf den Dächern, zwischen den blühenden Kirschblüten, in den Poritzen der jungen Mädchen und zwischen den Bärten der weisen Männer, auch in einem Rülpser eines Biertrinkers, der murmelnd an der S-Bahn-Haltestelle kraftvoll sein Transparent in die Luft schwengt.“Faire Löhne für alle“ steht drauf in roten Lettern geschrieben. Das Blaulicht ist an diesem Tag von morgens bis in die Nacht im Dauereinsatz und raubt den singenden Vögeln ihre Lieder. Die Amsel senkt traurig ihr Haupt und schaut wütend den leuchtenden Fahrzeugen hinterher, denn allein fahren sie an Tagen wie diesen nie, ständig in langen Karawanen wie in der Wüste, nur dass Kamele wesentlich stiller sind als die blauen Hüte auf deren Dächern. Und in alldem Chaos taucht plötzlich ein Mädchen auf, das vielleicht zehn Jahre alt ist. Seine Haare wehen aufgeregt im Wind und verdecken ihm oft die Sicht, was es aber nicht stört, denn mit einer Leichtigkeit streicht es die Strähnchen weg. Ein Mädchen wie all die anderen, doch irgendetwas an ihr ist anders, das merkt der Passant schnell und dreht sich um. Ist es das Lachen? Sind es die großen Schuhe, die eher ein Erwachsener tragen sollte? Ist es die Katze, die sie mit sich führt? Man weiß es nicht so exakt, aber es tut trotzdem gut, solch ein Wesen an diesen erhitzten Momenten zu sehen, dass selbst die Stadt lächelt und für Sekunden den ganzen Stress vergisst. Da tanzt etwas Zauberhaftes auf dem erschöpften Asphalt und es scheint, als sei das Mädchen eine Fee, die aus einem Märchenbuch entlaufen ist. Wenn man sich ein zweites Mal umdreht, ist es verschwunden. Als hätte eine starke Böe es weggepustet oder die Märchenwelt wieder ihre Ansprüche geltend gemacht. Vielleicht ist das Mädchen auch nur da, um die Menschen anzuhalten, sie durchatmen zu lassen und die Kleinigkeiten um sich herum wieder wahrzunehmen, ihnen ein gutes Gefühl zu schenken und ihre Gesichter mit einem Lächeln anzumalen. Vielleicht, aber nur vielleicht, es könnte auch einen anderen Zweck haben oder eben gar keinen Zweck, schließlich muss das Leben ja nicht immer mit Sinn gefüllt sein. Manche Dinge oder Wesen umschmeicheln die Menschen zu gern, überraschen sie und erinnern sie daran, dass es schön ist, auf dem unruhigen Erdball zu leben. Das ist doch auch ein Sinn, werden die ersten Gemüter rufen. Natürlich. Aber ein schmeichelnder Sinn ohne Fragezeichen und Stolpersteine, nach denen man nicht angestrengt suchen mussen, ohne Stöhnen und Jappsen, ohne Pfeifen und Tränen. Einfach da, hier und jetzt, nicht woanders, um die müde Stadt in die Arme zu schließen, denn der nächste 1. Mai in Berlin kommt bestimmt.
Mai 2, 2009
Einfach da, hier und jetzt, nicht woanders
Posted by monfiwi under Mikroskop | Schlagworte: Alltag, Begegnungen, Berlin, Großstadtnotizen |Leave a Comment