Wie lange brauchen wohl Marienkäfer bis ihre Punkte auf dem starken Panzer rund sind? Einen Monat, eine Nacht? Was für eine bescheuerte Frage, denke ich und fülle meine Teekanne mit heißem Wasser. Die grünen Stümpfe von ehemaligen Blättern tanzen im heißen Strudel, auf der Suche nach dem richtigen Punkt, in den sie sich legen können, um mir ihr richtiges Aroma zu entfalten. Auch Teeblätter haben ihr eigenes Leben, aalen sich freizügig im Sog der Wahrhaftigkeit. 20, 21, 22, 24, 25, 26, 27,28, 29,30. Fertig. Ich ziehe den Filter aus der Kanne und lege ihn sanft auf einen Teller. Normalerweise habe ich die richtige Zeit für den Tee im Kopf, ach im Blut, aber an manchen Morgen wie heute, an denen ich leicht zerstreut wie ein blinder Bär durch die Wohnung hetze, verlasse ich mich auf den Klassiker: das Zählen, das Monotone mag ich und macht mich ein bisschen wacher als ich bis vor wenigen Minuten war.
Ich hatte gestern Abend eine seltsame Begegnung mit einer Frau, die einige Synapsen in meinem Gehirn seitdem blockiert hat. Eingeschränktes Denkvermögen auf obersten Niveau, würde wahrscheinlich ein Neurologe sagen.
- Seltsam, du erinnerst mich an einen Fisch, sagte sie.
- Einen Fisch? Wieso das denn? fragte ich.
- Ich weiß nicht, deine Art zu gucken, erinnert mich eben an einen Fisch.
- Ist das nun gut oder schlecht?
- Ich bin Taucherin. Suchs dir aus.
Dann schwieg sie. So ging es den halben Abend. Da war nie was Ganzes in ihren Worten, immer nur so halbe Sachen, die ich nicht ganz entwirren konnte. Stets versuchte ich in dem Chaos, mein Gleichgewicht und Charme zu behalten, zu lächeln, und bewegte mich doch ängstlich auf dem Eis, das sie vor sich ausgebreitet hatte, ich passte auf, nicht einzubrechen, weil das bei Menschen von ihrem Schlag schneller ging als man erwartet. Ich fühlte mich wie ein Eiskunstläufer, der zum ersten Mal auf dem scharfen, unberechenbaren Boden stand und erste Versuche unternahm, etwas Elegantes, Atemberaubendes darzustellen. Blöderweise waren meine Hufen stumpf.
Eigentlich hatte alles sehr banal angefangen. Ich saß draußen in meiner Bar, genoss den ersten warmen Abend des Jahres und trank Gin. Das Eis klirrte im Glas und knackte an manchen Stellen. Ich ließ meine halbe Woche Revue passieren, die in der Tat beschissen verlaufen war und suchte nach Lösungen bis sie mich von der Seite ansprach.
- Hast du mal Feuer?
- Sorry, nein, hab mit dem Rauchen aufgehört.
- Schade.
Sie schaute mich an und kratzte sich am linken Arm. Und wartete. Auf was? Ich räusperte mich und kramte nach irgendeinen rettenden Satz, der mich nicht wie ein Trottel aussehen lassen sollte. Sie wartete weiter.
- Frag doch mal den drinnen am Tresen. Harry hat immer Streichhölzer. Er versteckt sie nur immer ganz gern.
- Warum denn das?
- Weil die Leute heutzutage gierig geworden sind. Harry hat da so eine These.
- Ah ja, welche denn?
- Die Leute würden sich keine Feuerzeuge mehr kaufen, sondern sich bei ihm durchschnorren. Ein Feuerzeug kostet in der Regel 1 €. Das sind schon wieder vier Schrippen.
- Das ist also seine Theorie? Für mich sieht das mehr nach einer armseligen Antwort eines Geizhalses aus.
- Auslegungssache. Harry ist ein Rechengenie, hat mal Mathematik studiert und irgendwann Formeln ausgehekt, um die Lebensdauer seiner Streichholzschachteln auszurechnen. Am Ende stellte er fest, dass sie im Laufe eines Jahres gegenüber dem Vorjahr erheblich geschrumpft waren.
- Kann es aber auch nicht darin liegen, weil sie gut aussehen?
- Möglich. Dafür ist er ja bekannt, der verrückte Typ. So ganz kapier ich das auch nicht, denn immerhin tragen die Schachteln den Namen seiner Bar, ist also Werbung für ihn. Er widerrum meinte, das seien nicht irgendwelche Schachteln, sondern Dinge, die auch einen Wert besitzen, den man zu schätzen wissen müsse und wer wirklich nach einer Streichholzschachtel fragt, sei wohl in seinen Augen ein anderer Mensch als der, der nur in die Schale auf dem Tresen grabscht.
- Okay.
Mehr sagte sie nicht. Nur ein blödes Okaaay. In die Länge gezogen, wie es heutzutage alle Leute machen. Kein knackiges, Okay, sondern ein Okaaay, da könnte man eigentlich gleich Okäh schreiben, dachte ich im langen Zeitraffer der Schweigsamkeit. Nach einigen Minuten folgte schließlich der bereits erwähnte Fischsatz, bis sie erneut im Schweigen verharrte.
Jetzt stand sie wieder da und suchte etwas in ihrer Tasche. Für mich die ideale Gelegenheit, das Mädel näher zu betrachten. Nicht schlecht. Lange Haare mit so einem rötlich-blonden Stich, ein frecher Pony umschmeichelte ihr zartes Gesicht, sie war groß, vielleicht 1.80m, schlank, nicht zu schlank, angenehm schlank, eine enge Jeans, darüber ein Kleid mit Punkten wie man sie sonst nur von Marienkäfern kennt und eine unwahrscheinlich hübsche Tasche. Selbst heute bei meinem warmen Tee kann ich sie nicht richtig beschreiben, weil sie einem förmlich den Atem raubt, das Gehirn leerfegt und man sich vorkommt als wäre man in einem Vakuum gefangen.
- Schöne Tasche, sagte ich.
- Danke, hab ich selbst gemacht.
- Echt?
- Nicht echt, sondern wirklich, antwortete sie und versteckte sich wieder in ihr Schweigen.
- Bist du Designerin?
- Nö? Nur weil ich mir eine Tasche selbst schneidere, bin ich doch nicht automatisch eine Designerin. Oder ist das auch wieder so eine Theorie von dem Barmann?
Barkeeper oder Barmade hieß das, hätte ich am liebsten gesagt, hielt aber meine Klappe. Harry würde sauer werden, fuchtelnd mit den Armen wedeln, wenn er das gehört hätte. Reflexartig drehte ich mich um, um sicher zu gehen, dass er das nicht gehört hat.
- Ist was?
- Nichts, alles in Ordnung.
Sie stand immer noch genauso da, wie vor einigen Minuten. Am Nebentisch saßen zwei Mädels, die schon seit einiger Zeit wie zwei aufgescheuchte Hennen neugierig ihre Köpfe in unsere Richtung verdrehten.
- Gehören die zu dir? fragte ich.
- Nö, warum?
- Nur so.
- Ich bin allein unterwegs. Hab keine Freundinnen.
Da war ich baff. So eine Frau wie sie sollte keine Freundinnen haben. Na, wenn das mal nicht ein übler Trick war, der bei mir Mitleid erregen sollte.
- Gar keine? fragte ich nach.
- Gar keine.
- Versteh ich nicht. Du musst doch irgendwelche Freundinnen haben.
- Nö.
Dass sie erneut schwieg, muss ich wohl nicht mehr erwähnen. Das war mir zu doof. Ich stand auf und schob meinen Stuhl weg.
- Wo willst du hin?
- Kurz zu Harry. Passt du auf meine Tasche auf?
- Ja.
Sie setzte sich nicht, blieb weiter an der gleichen Position stehen und guckte mich an. Ich ging schnell aus ihrem Sichtfeld und geradewegs zu Harry.
- Hey, alter Hund, schon ausgetrunken?
- Nenn mich nicht alter Hund, das hab…
- … ich dir schon tausendmal gesagt, ich weiß. Also was kann ich dir Gutes tun?
- Gib mir doch bitte mal eine von deinen entzückenden Streichholzschachteln!
- Wieso denn das? Du rauchst doch nicht mehr.
- Ja, ich nicht, aber das Mädel da draußen möchte gern.
- Kann sie die sich nicht selbst holen?
- Ich weiß es nicht. Hab sie nicht gefragt.
- Und warum kommst du dann rein? Ziehst du den Schwanz ein oder möchtest Eindruck hinterlassen? He?
Harry reckte seinen Hals und schaute nach der Unbekannten. Die stand immer noch an gleicher Stelle als wäre sie festgewachsen. Sie sah tatsächlich aus wie eine Statue, der der Bar gleich ein anderes Bild verlieh.
- Tolles Ding, zumindest, das, was ich sehe.
- Mhm, sagte ich.
- Die sieht aus, als könnte sie mich selbst fragen.
- Was soll das bitte schön heißen?
- Das, was ich eben gesagt habe, wenn sie eine Streichholzschachtel von mir haben will, dann soll sie mich schon selbst fragen.
- Harry, ne, das ist doch jetzt nicht dein Ernst.
- Doch.
Ich stöhnte.
- Und, sonst noch was?
- Dann gib mir was für sie zu trinken. Sieht ja sonst megabescheuert aus, wenn ich mit leeren Händen wieder herauskomme.
- Gern! Was darf es denn sein?
- Kein Ahnung, du bist der Profi hier. Was würde deiner Meinung nach so eine Frau trinken?
- Warte mal.
Jetzt erstarrte Harry. Das machte er jedesmal. Es schien, als würde sein Geist aus ihm herausfliegen und seinen Körper allein zurück lassen, während seine Seele in die Seele des Gastes schlich, um im Innersten nach der richtigen Antwort zu suchen. Erst, wenn er das richtige Puzzleteil gefunden hatte, so schien es für alle Außenstehende, war er wieder ganz er selbst, griff automatisch nach seinem Werkzeug und kreierte wunderbare Getränke, die es nur hier gab. Es klang kosmisch, funktionierte jedoch immer. Deshalb war er so beliebt und natürlich wegen seinen dämlichen Streichholzschachteln. Es klirrte und knackte, es patsche und floss und im Nullkommanix hielt er mir ein gefülltes Glas hin, eine farbliche Mischung aus blauen Himmel und einem satten Rasen.
- Wasn das?
- Frag nicht. Gib mir 5 €.
- Schreibs auf, habe meine Tasche draußen.
- Bei der Fremden?
- Ja.
- Du bist ja mutig.
- Solchen Frauen kann man vertrauen.
Bevor Harry antworten konnte, war ich schon draußen.
- Hier für dich.
- Oh danke, das kann ich nicht annehmen. Wieso steh ich hier eigentlich noch? Ich hätte schon längst weg sein müssen.
- Manchmal passieren eben Dinge im Leben, die man nicht erklären kann.
- Bei dir vielleicht, aber nicht bei mir.
Sprachs und war weg. Ich konnte gar nicht so schnell antworten, ruderte schon mit meiner Zunge, die leicht benebelt zwischen Gaumen und den Schneidezähnen herumeierte. Als ich ihn endlich gefunden hatte, den Satz, der mich retten und sie aufhalten sollte, sah ich nur noch ihren Schatten im Mondlicht, zurück blieb ein runder Kreis auf meinem Tisch, so funkelnd rot wie ein glückliches Herz. Ich setzte mich also hin und versuchte es nun auch mit dem Schweigen.
Mai 9, 2009
Vom Versuch, zu schweigen
Posted by monfiwi under Nachtregen | Schlagworte: Begegnung, Kurzgeschichte |Leave a Comment