Wie lange brauchen wohl Marienkäfer bis ihre Punkte auf dem starken Panzer rund sind? Einen Monat, eine Nacht? Was für eine bescheuerte Frage, denke ich und fülle meine Teekanne mit heißem Wasser. Die grünen Stümpfe von ehemaligen Blättern tanzen im heißen Strudel, auf der Suche nach dem richtigen Punkt, in den sie sich legen können, um mir ihr richtiges Aroma zu entfalten. Auch Teeblätter haben ihr eigenes Leben, aalen sich freizügig im Sog der Wahrhaftigkeit. 20, 21, 22, 24, 25, 26, 27,28, 29,30. Fertig. Ich ziehe den Filter aus der Kanne und lege ihn sanft auf einen Teller. Normalerweise habe ich die richtige Zeit für den Tee im Kopf, ach im Blut, aber an manchen Morgen wie heute, an denen ich leicht zerstreut wie ein blinder Bär durch die Wohnung hetze, verlasse ich mich auf den Klassiker: das Zählen, das Monotone mag ich und macht mich ein bisschen wacher als ich bis vor wenigen Minuten war.
Ich hatte gestern Abend eine seltsame Begegnung mit einer Frau, die einige Synapsen in meinem Gehirn seitdem blockiert hat. Eingeschränktes Denkvermögen auf obersten Niveau, würde wahrscheinlich ein Neurologe sagen.
- Seltsam, du erinnerst mich an einen Fisch, sagte sie.
- Einen Fisch? Wieso das denn? fragte ich.
- Ich weiß nicht, deine Art zu gucken, erinnert mich eben an einen Fisch.
- Ist das nun gut oder schlecht?
- Ich bin Taucherin. Suchs dir aus.
Dann schwieg sie. So ging es den halben Abend. Da war nie was Ganzes in ihren Worten, immer nur so halbe Sachen, die ich nicht ganz entwirren konnte. Stets versuchte ich in dem Chaos, mein Gleichgewicht und Charme zu behalten, zu lächeln, und bewegte mich doch ängstlich auf dem Eis, das sie vor sich ausgebreitet hatte, ich passte auf, nicht einzubrechen, weil das bei Menschen von ihrem Schlag schneller ging als man erwartet. Ich fühlte mich wie ein Eiskunstläufer, der zum ersten Mal auf dem scharfen, unberechenbaren Boden stand und erste Versuche unternahm, etwas Elegantes, Atemberaubendes darzustellen. Blöderweise waren meine Hufen stumpf.
Eigentlich hatte alles sehr banal angefangen. Ich saß draußen in meiner Bar, genoss den ersten warmen Abend des Jahres und trank Gin. Das Eis klirrte im Glas und knackte an manchen Stellen. Ich ließ meine halbe Woche Revue passieren, die in der Tat beschissen verlaufen war und suchte nach Lösungen bis sie mich von der Seite ansprach.
- Hast du mal Feuer?
- Sorry, nein, hab mit dem Rauchen aufgehört.
- Schade.
Sie schaute mich an und kratzte sich am linken Arm. Und wartete. Auf was? Ich räusperte mich und kramte nach irgendeinen rettenden Satz, der mich nicht wie ein Trottel aussehen lassen sollte. Sie wartete weiter.
- Frag doch mal den drinnen am Tresen. Harry hat immer Streichhölzer. Er versteckt sie nur immer ganz gern.
- Warum denn das?
- Weil die Leute heutzutage gierig geworden sind. Harry hat da so eine These.
- Ah ja, welche denn?
- Die Leute würden sich keine Feuerzeuge mehr kaufen, sondern sich bei ihm durchschnorren. Ein Feuerzeug kostet in der Regel 1 €. Das sind schon wieder vier Schrippen.
- Das ist also seine Theorie? Für mich sieht das mehr nach einer armseligen Antwort eines Geizhalses aus.
- Auslegungssache. Harry ist ein Rechengenie, hat mal Mathematik studiert und irgendwann Formeln ausgehekt, um die Lebensdauer seiner Streichholzschachteln auszurechnen. Am Ende stellte er fest, dass sie im Laufe eines Jahres gegenüber dem Vorjahr erheblich geschrumpft waren.
- Kann es aber auch nicht darin liegen, weil sie gut aussehen?
- Möglich. Dafür ist er ja bekannt, der verrückte Typ. So ganz kapier ich das auch nicht, denn immerhin tragen die Schachteln den Namen seiner Bar, ist also Werbung für ihn. Er widerrum meinte, das seien nicht irgendwelche Schachteln, sondern Dinge, die auch einen Wert besitzen, den man zu schätzen wissen müsse und wer wirklich nach einer Streichholzschachtel fragt, sei wohl in seinen Augen ein anderer Mensch als der, der nur in die Schale auf dem Tresen grabscht.
- Okay.
Mehr sagte sie nicht. Nur ein blödes Okaaay. In die Länge gezogen, wie es heutzutage alle Leute machen. Kein knackiges, Okay, sondern ein Okaaay, da könnte man eigentlich gleich Okäh schreiben, dachte ich im langen Zeitraffer der Schweigsamkeit. Nach einigen Minuten folgte schließlich der bereits erwähnte Fischsatz, bis sie erneut im Schweigen verharrte.
Jetzt stand sie wieder da und suchte etwas in ihrer Tasche. Für mich die ideale Gelegenheit, das Mädel näher zu betrachten. Nicht schlecht. Lange Haare mit so einem rötlich-blonden Stich, ein frecher Pony umschmeichelte ihr zartes Gesicht, sie war groß, vielleicht 1.80m, schlank, nicht zu schlank, angenehm schlank, eine enge Jeans, darüber ein Kleid mit Punkten wie man sie sonst nur von Marienkäfern kennt und eine unwahrscheinlich hübsche Tasche. Selbst heute bei meinem warmen Tee kann ich sie nicht richtig beschreiben, weil sie einem förmlich den Atem raubt, das Gehirn leerfegt und man sich vorkommt als wäre man in einem Vakuum gefangen.
- Schöne Tasche, sagte ich.
- Danke, hab ich selbst gemacht.
- Echt?
- Nicht echt, sondern wirklich, antwortete sie und versteckte sich wieder in ihr Schweigen.
- Bist du Designerin?
- Nö? Nur weil ich mir eine Tasche selbst schneidere, bin ich doch nicht automatisch eine Designerin. Oder ist das auch wieder so eine Theorie von dem Barmann?
Barkeeper oder Barmade hieß das, hätte ich am liebsten gesagt, hielt aber meine Klappe. Harry würde sauer werden, fuchtelnd mit den Armen wedeln, wenn er das gehört hätte. Reflexartig drehte ich mich um, um sicher zu gehen, dass er das nicht gehört hat.
- Ist was?
- Nichts, alles in Ordnung.
Sie stand immer noch genauso da, wie vor einigen Minuten. Am Nebentisch saßen zwei Mädels, die schon seit einiger Zeit wie zwei aufgescheuchte Hennen neugierig ihre Köpfe in unsere Richtung verdrehten.
- Gehören die zu dir? fragte ich.
- Nö, warum?
- Nur so.
- Ich bin allein unterwegs. Hab keine Freundinnen.
Da war ich baff. So eine Frau wie sie sollte keine Freundinnen haben. Na, wenn das mal nicht ein übler Trick war, der bei mir Mitleid erregen sollte.
- Gar keine? fragte ich nach.
- Gar keine.
- Versteh ich nicht. Du musst doch irgendwelche Freundinnen haben.
- Nö.
Dass sie erneut schwieg, muss ich wohl nicht mehr erwähnen. Das war mir zu doof. Ich stand auf und schob meinen Stuhl weg.
- Wo willst du hin?
- Kurz zu Harry. Passt du auf meine Tasche auf?
- Ja.
Sie setzte sich nicht, blieb weiter an der gleichen Position stehen und guckte mich an. Ich ging schnell aus ihrem Sichtfeld und geradewegs zu Harry.
- Hey, alter Hund, schon ausgetrunken?
- Nenn mich nicht alter Hund, das hab…
- … ich dir schon tausendmal gesagt, ich weiß. Also was kann ich dir Gutes tun?
- Gib mir doch bitte mal eine von deinen entzückenden Streichholzschachteln!
- Wieso denn das? Du rauchst doch nicht mehr.
- Ja, ich nicht, aber das Mädel da draußen möchte gern.
- Kann sie die sich nicht selbst holen?
- Ich weiß es nicht. Hab sie nicht gefragt.
- Und warum kommst du dann rein? Ziehst du den Schwanz ein oder möchtest Eindruck hinterlassen? He?
Harry reckte seinen Hals und schaute nach der Unbekannten. Die stand immer noch an gleicher Stelle als wäre sie festgewachsen. Sie sah tatsächlich aus wie eine Statue, der der Bar gleich ein anderes Bild verlieh.
- Tolles Ding, zumindest, das, was ich sehe.
- Mhm, sagte ich.
- Die sieht aus, als könnte sie mich selbst fragen.
- Was soll das bitte schön heißen?
- Das, was ich eben gesagt habe, wenn sie eine Streichholzschachtel von mir haben will, dann soll sie mich schon selbst fragen.
- Harry, ne, das ist doch jetzt nicht dein Ernst.
- Doch.
Ich stöhnte.
- Und, sonst noch was?
- Dann gib mir was für sie zu trinken. Sieht ja sonst megabescheuert aus, wenn ich mit leeren Händen wieder herauskomme.
- Gern! Was darf es denn sein?
- Kein Ahnung, du bist der Profi hier. Was würde deiner Meinung nach so eine Frau trinken?
- Warte mal.
Jetzt erstarrte Harry. Das machte er jedesmal. Es schien, als würde sein Geist aus ihm herausfliegen und seinen Körper allein zurück lassen, während seine Seele in die Seele des Gastes schlich, um im Innersten nach der richtigen Antwort zu suchen. Erst, wenn er das richtige Puzzleteil gefunden hatte, so schien es für alle Außenstehende, war er wieder ganz er selbst, griff automatisch nach seinem Werkzeug und kreierte wunderbare Getränke, die es nur hier gab. Es klang kosmisch, funktionierte jedoch immer. Deshalb war er so beliebt und natürlich wegen seinen dämlichen Streichholzschachteln. Es klirrte und knackte, es patsche und floss und im Nullkommanix hielt er mir ein gefülltes Glas hin, eine farbliche Mischung aus blauen Himmel und einem satten Rasen.
- Wasn das?
- Frag nicht. Gib mir 5 €.
- Schreibs auf, habe meine Tasche draußen.
- Bei der Fremden?
- Ja.
- Du bist ja mutig.
- Solchen Frauen kann man vertrauen.
Bevor Harry antworten konnte, war ich schon draußen.
- Hier für dich.
- Oh danke, das kann ich nicht annehmen. Wieso steh ich hier eigentlich noch? Ich hätte schon längst weg sein müssen.
- Manchmal passieren eben Dinge im Leben, die man nicht erklären kann.
- Bei dir vielleicht, aber nicht bei mir.
Sprachs und war weg. Ich konnte gar nicht so schnell antworten, ruderte schon mit meiner Zunge, die leicht benebelt zwischen Gaumen und den Schneidezähnen herumeierte. Als ich ihn endlich gefunden hatte, den Satz, der mich retten und sie aufhalten sollte, sah ich nur noch ihren Schatten im Mondlicht, zurück blieb ein runder Kreis auf meinem Tisch, so funkelnd rot wie ein glückliches Herz. Ich setzte mich also hin und versuchte es nun auch mit dem Schweigen.

Es geht alles viel zu schnell. Als ich das Ausmaß der kleinen Tragödie beginne zu begreifen, bist du mit deinem Koffer in der Menschentraube längst verschwunden und ich ohrfeige mich selbst, weil ich zu feige war, dich anzusprechen.

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen:
da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
Millionen Gesichter:
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? vielleicht dein Lebensglück…
vorbei, verweht, nie wieder.

Mensch K., ich habe dich eben in Berlin wieder gesehen. Dir habe ich die Liebe zu dieser Stadt zu verdanken. Weißt du noch damals in Brighton? Wir machten beide diese verrückte Sprachreise mit dem chaotischen EF. Der erste Tag, so viel neu, nur englische Wörter. Übereifrig stellten wir uns alle vor. Als ich dich fragte, sagtest du: My name is K. I come from Germany. Dann können wir ja Deutsch reden, sagte ich und wir lachten. Danach war vieles schöner. Selbst viele Monate nach England. Wir schrieben uns, ich besuchte dich oft in Berlin und verliebte mich in die Stadt. Aber irgendwann wurden die Briefe weniger bis es ganz zum Stillstand kam. Das Letzte, was ich weiß, ist, dass du Stewardess geworden bist, um dein Studium zu finanzieren.

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen;
du siehst auf deinem Gang, die
dich vergaßen.
Ein Auge winkt,
die Seele klingt;
du hast’s gefunden,
nur für Sekunden…
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das? Kein Mensch dreht die Zeit zurück…
Vorbei, verweht, nie wieder.

Gerade eben auf der Rolltreppe glaubte ich meinen Augen kaum. Bis zur letzten Stufe steige ich zu dir hinab, gucke mir dein Profil an und denke mir: Ja, das ist die Kai. Dann sehe ich deine Augen und erste Zweifel beschleichen mich. Bist du das wirklich? Wo ist das Liebenswerte, was aus dir stets so angenehm herausströmte? Bist du heute mehr Feind als Freund oder doch Freund und kein Feind…

Du mußt auf deinem Gang
durch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein,
es kann ein Freund sein,
es kann im Kampfe dein
Genosse sein.
Er sieht hinüber
und zieht vorüber …
Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,
die Braue, Pupillen, die Lider -
Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück!
Vorbei, verweht, nie wieder.

… und denke, es war wahrscheinlich gut so, dass ich dich nicht angesprochen habe. So bleibt die warme Erinnerung in meinem Herzen und wird nicht gekillt von einem neuen Bild. Nein, das warst du nicht, nicht die K.-S., die ich einst kannte…

Das ist die Geschichte, die ich nie erzählen wollte, als ich noch in meiner heimatlichen Provinz lebte. Damals hätten sie noch mehr mit dem Finger auf mich gezeigt und gerufen: „Guck mal, das ist die, du weißt schon.“

Vor vielen Jahren, als junges Mädchen, zelebrierte ich mein Anderssein mit ungewöhnlichen Klamotten. Normales war mir schon immer suspekt gewesen und ich fand es genauso langweilig wie eine kalte Tasse Kamillentee. Ich wollte keine faden Jeanshosen tragen, sondern tauschte sie gegen silberfarbene Satinhosen oder farbig-gestreifte Miniröcke ein, die mich an glückliche Regenbogen am halb verregneten Himmel erinnerten. Meine Haare spielten wöchentlich mit Tönungen, schwammen mal hier im Kaminrot, dort im Rouge Noir, wenngleich mir meine Mama sagte: „Kind, mit den Farben siehst du noch blasser aus als du sowieso schon bist.“ Mir war es, ehrlich gesagt, egal, denn die Farben erzählten mir von dieser anderen Freiheit, nach der ich mich so sehr sehnte.

Natürlich blieb das Abgrenzen nie ohne Folgen. Ich erinnere mich noch, wie schnell ich errötete, wenn ich durch die Fußgängerzone schlenderte, stets spürte ich die aufdringlichen, bohrenden Blicke der anderen auf dem Rücken und verfluchte mich dafür, nicht eine von ihnen zu sein. Einfach mit dem zufrieden zu sein, was ich hatte. Dieses Gefühl, nicht in die Menge zugehören, setzte mir manchmal doch arg zu. Das Alltägliche musste für mich nicht immer unbedingt etwas Überraschendes, etwas Zauberhaftes in seinen Taschen versteckt halten, es war etwas anderes, Elementares, nach dem ich mit meinen neugierigen Augen Ausschau hielt. Häufig saß ich mit meinen damaligen Schulfreundinnen zusammen, alle waren lieb und nett zu mir, ihr herzliches Gelächter hängt noch heute in den Ohren, und doch ertappte ich mich oft dabei, wie allein ich mich fühlte und dass ich an den gemeinsamen Abenden wegflog, weil ich es vor bibbernder Kälte im Herzen nicht mehr aushielt. Und so begab ich mich auf die Suche nach einem Ort, wo ich ähnliche Menschen wie mich finden sollte. Meine Seele erhob sich ganz vorsichtig, fast geräuschlos, flog durch das Cocktailglas und suchte nach diesem Anderen, ein Paralleluniversum, das mir noch näher zu sein schien als mein eigener Hund, der bis in die Nacht auf mich wartete.

Würde ich es je finden? fragte ich mich und lehnte später, als ich allein in meinem Zimmer zurückkehrte und bis zum kleinen Zeh fror, den Kopf an das kalte Fenster mit dem Blick in die klare Nacht, hinauf zu den Sternen, die mich an beiden Armen festhielten. Ich hoffte und wünschte es. Die salzigen Tränen in meinem Kopfkissen versprachen es mir einige Stunden danach kurz vorm Morgengrauen: „Irgendwann wirst du es bekommen, Kleines. Glaub nur daran und vor allem: Glaub an dich.“

Und eines Tages geschah es. Eine Nacht in Hamburg. Vollkommen unerwartet, wie so vieles im Leben. Ich saß mit meinen Freundinnen in einer dieser hippen Bars und spielte mit meinen Haaren. Da tauchte er aus dem Nichts auf. Ganz in Schwarz. Eine Halbglatze, ein spitzer Bart und ich spürte, wie sich eine Gänsehaut über meinem Körper bis in die hinterste Ecke des Herzens zog. Eigentlich interessierten mich damals keine anderen Männer, weil ich mit jemandem zusammen war, aber Glück sah anders aus, sollte ich in dieser Nacht feststellen. Jeder aus meinem Familien- und Freundeskreis sagte mir, wie toll der damalige Freund war, der mir jeden Goldschatz ausgrub, wenn ich es nur wollte, aber keiner ahnte, wie einsam ich mich oft in seinen Armen fühlte. Da war in vielen Situationen kein Verstandenwerden. Ich erinnere mich beispielsweise an einen Kinobesuch, der mich innerlich so aufgewühlt hatte, dass ich schreien wollte, und ich scharrte stattdessen mit den Füßen auf den Boden als würde er einen aufdringlichen Juckreiz verspüren und hätte mich darum gebeten, ihn zu kratzen. Meine Gedanken wollten rausfliegen, hinein in ein weiches Netz, doch sie fielen gegen einen harten, kalten Stein. Er konnte nichts dafür, ich spürte, wie sehr ihn das beschäftigte, aber es passt nun mal nicht jede Mutter auf eine Schraube – so sehr man es sich auch manchmal wünschte. Gegen so genannte Wellenlängebrüche half auch nicht der beste Gipsverband. Ich brauchte leider viel zu lange, um zu verstehen und habe damit jemanden sehr weh getan.

„Darf ich?“ fragte der Men in Black.
„Gern“, antwortete ich und er setzte sich neben mich.
„Du hast wunderschöne Hände“, sagte er.
„Meine Hände?“
„Ja.“
„Das hat mir noch nie jemand gesagt. Dankeschön. Außer meine Mama, die meint, ich hätte mit den langen Fingern auch gut Frauenärztin werden können.“
Er lachte und bot mir eine Zigarette an, die viel zu edel klang dafür, dass sie ja eigentlich böse zu unser Lunge war.
„Silk Cut.“
„Kenne ich nicht.“
„Aus England.“
„Ich rauche nicht mehr, aber danke.“
Und dort sah ich es, dieses Funkeln hinter seiner Iris. Ohne, dass ich etwas tat, nahm sie meine Hand, streichelte sie sanft, küsste mich und zog mich an den Ort, den ich so lange vergeblich gesucht hatte. Da war so eine Vertrautheit, die an den Bauch der eigenen Mutter erinnerte, ohne irgendwelche Erklärungen, sie war einfach da.

Wir sprachen viel in der Nacht. Über uns breitete sich ein Zauber aus, so heimlich, dass wir gar nicht bemerkten, wie kleine Feen uns unauffällig funkelnde Kronen auf die Häupter setzen, die goldig im matten Licht leuchteten und wir vergaßen alle anderen um uns herum. Zum ersten Mal hatte ich das wirkliche Gefühl, nicht allein zu sein in dieser lauten schnellen Welt. Ich kannte diesen Menschen nur ein paar Stunden und es kam mir vor, als wären wir uns nie fremd gewesen.

Ich war angekommen.

Heute küsst er mich jeden Morgen wach und sagt:
„Hab keine Angst davor anders zu sein. Menschen wie uns braucht die Welt, denn wir sind das Salz in der Suppe.“
Es wäre eine Lüge von mir zu behaupten, dass mir das Anderssein mittlerweile leichter fällt, aber ich bin nicht mehr allein damit, ich habe jemanden an meiner Seite, der mich auffängt, wenn ich ein Loch übersehe und Wellenlängebrüche habe ich seit unserer Begegnung nie mehr erlebt.

Wenn ich jetzt in den Nachthimmel schaue, friere ich nicht mehr am kalten Fenster und mein Atem geht wesentlich ruhiger.

Ich hatte ihn schon fast vergessen, bis ich ihn letzte Woche zufällig in einem mir bekannten und mittlerweile fremdgewordenen Stadtteil wiedersah. Ich mag den Ort nicht mehr, weil er mit der Zeit so glatt gefegt worden ist, dass man dort selbst in festen Turnschuhen ausrutscht. Außerdem ist da noch etwas Anderes, was mich stört. Irgendwie vermisse ich dort gewisse Ecken und Kanten, das Gefühl von Lebendigkeit, abgenutzte Hauswände, an denen man sich die Hände wundreibt, kalte Keller, die nach oben atmen und von alten Zeiten erzählen. Nichts, gar nichts ist von dem übrig geblieben nach der Wende, als sich der Kapitalismus dort niederließ und seine gierigen Arme ausstreckte. Statt sich heute in Ruhe auf Spurensuche begegeben zu können, teilt man sich die sauberpolierten Straßen mit Touristen und Yuppies, die ihre teuren Taschen und Sonnebrille spazierentragen.

Aus dem Nichts erhellte sich jedenfalls der Ort, fast so als hätte sich die Sonne spontan entschieden, in der nahenden Nacht länger zu verweilen. Zwischen den Luxuswolken tauchte Kasimir auf. Ein bisschen überraschend und sagenumwoben. Eigentlich ist er nur ein mittelloser Mann, doch dafür ein Obdachloser mit Verstand und Würde.

Ich habe ihn vor vier Jahren zum ersten Mal kennen gelernt, als ich beim Italiener an der Spree saß. Da kam er einfach wie ein Kater herangeschlichen, sein Profil spiegelte sich im Weinglas und die Gabeln hörten auf, ihre hohen Töne auf den Tellern zu singen. Kasimir sieht zwar im ersten Augenglick wirklich aus, wie jemand, der über kein Geld verfügt, aber auch wie jemand, der viel Phantasie hat. Wie ein unbekannter Stern fliegt er sanft zwischen die Tischnischen und malt die Umgebung mit seinem Schweif an, denn über seine durchlöcherten Sachen trägt er stets weite, farbige Umhänge, die von einem Leben jenseits des grauen Asphalts erzählen. Kasimir ist anders, das spüren auch die Kleinsten. So habe ich beobachtet, wie sich einige Kinder zunächst ängstlich hinter ihren Eltern versteckten, weil ihnen der Mann unheimlich vorkam, dennoch dauerte es nicht lange, bis die kleinen Köpfe wieder aus dem Versteck hervorkrochen. Kasimir ist nämlich nicht irgendjemand, sondern Kasimir. Geheimnisvoll, menschlich – kurz gesagt: Phantastisch.

Der graubärtige Mann läuft mit seiner Hupe, frischen Blumen oder der Jahreszeit entsprechende Pflanzen und einem Eimer durch die Straßen, hält vor den Tischen der Restaurants – im Sommer drin und im Winter draußen – stets mit einem charmanten Abstand. Wer von ihm eine kleine Blume abkauft, darf auf die Hupe drücken. Laut trötet man in die Umgebung, die es sonst eher dezent mag. Hier werden unsere Kinderherzen wieder wach! Dann holt er seinen Alueimer hervor und drückt dem Spender sein aktuelles Schriftstück in die Hand. Kasimir Kaiser von Berlin – Bettler und Hund steht ganz oben. Wenn man besonders lieb ist, bekommt man auch kleine Zugaben wie unechte Geldscheine oder Plaketen. So kam es, dass ich den kühlen Kiez verlassen wollte, als Kasimir vor mir stand.


Kasimir, wie schön, dich zu sehen, sagte ich.
Hallo, junge Dame.
Darf ich eine Blume kaufen?
Gern.
Ich reichte ihm ein wenig Kleingeld. Daraufhin hielt er mir seine Hupe hin, die ich drückte. Gott sei Dank war es schon dunkel, denn wie jedes Mal errötete ich und kicherte verlegen.
Darf ich auch dein Blatt haben?
Ja, aber dafür musst du nicht bezahlen. Für Kunst muss man bei mir nicht bezahlen.
Ich lächelte ihn an.
Dann streichelte er meine linke Wange und sagte:
Du bist ein guter Mensch. Er griff in seine Tasche und überreichte mir feierlich einen großen Taler auf dem geschrieben stand: 10 Jahre Thronjubiläum Berlin XI-2008. Auf der Rückseite entdeckte ich eine Eins, gefolgt von einem Herzen und einem Dank. Diese Begegnung hat mich so glücklich gemacht, wie es selbst kein neues Kleidungsstück vollbringen kann.

Als ich nach Hause kam, sagte mir mein Freund später, dass ich so strahlte. Neben diesem Lächeln, das mir Kasimir schenkte, blieb noch etwas Anderes in mir hängen. Eine Erkenntnis, die ich erst einige Stunden später so wirklich begriff: Du kannst alles verlieren, doch zwei Dinge kannst du nie verlieren: Deine Würde und deine Phantasie.

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Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass wir uns in der riesigen Stadt über dem Weg laufen würden? Auch wenn ich in Mathe nie die Leuchte gewesen bin, weiß ich, dass die Zahl am Ende der Rechnung relativ gering wäre.

Umso erstaunter bin ich jetzt noch immer über die Tatsache, dass ich aus der U-Bahn schaue und du im gleichen Moment hineinguckst, wir kurz überlegen, nach dem Augenblick der Erinnerung wie aufgeregte Hühner an den Fenstern klopfen, sich unsere Hände durch das kalte Glas berühren, dann kommst du kurz hinein, wir umarmen und küssen uns auf die Wange. Tauschen auf die Schnelle Wörter wie: Geht es dir gut? Wir telefonieren, ja? Schon summt die U-Bahn ihren Abfahrtssong und du springst raus. Die kleine Schauspielerin. Sieh an, denke ich und lächele.

Ehe ich mich versehe, fährt die Bahn weiter und du bist längst in der Menschentraube verschwunden, die die Treppen nach oben ans Tageslicht eilt. Die kurze Begegnung war wie ein kleiner warmer Lichtstrahl, der vor einer Minute an der richtigen Stelle in meinem Herzen vorüberzoomte.

Schön. Vier Jahre lang nicht gesehen und nun der kleine Glücksschub, der mich noch einige Tage begleiten wird wie die Februarsonne, die uns schon sehr lange in diesem Jahr die Treue hält.

Wir kennen uns irgendwoher, das weiß ich sofort, als du mir gegenüberstehst und so lieb lächelst.

Du sagst, du brauchst einen Toeffl-Test-Vorbereitungsbuch. In unserer Filiale haben wir dazu nichts und so gehe ich mit dir am PC eine lange Liste durch, um dir ein entsprechendes Buch zu bestellen. Nebenbei quatschen wir herrlich frei und hemmungslos, so als wärst eine meiner Freundinnen. Als ich schließlich die Kundenbestellung ausdrucke, niest du und ich sage: “Gesundheit!” und du darauf: “Nach dem neuen Knigge müsste ich mich eigentlich entschuldigen.” “Schräg“, antworte ich.
Daraufhin lachst du und es kommt mir vor als kannten wir uns schon lange, viele Jahre einer Vertrautheit zwischen uns, die an ein warmes Bett erinnert. Nur sind wir uns gerade eben erst hier begegnet. Hochgerechnet sind es höchstens zehn Minuten.

Schade eigentlich, dass ich eine Frau bin und nicht ein Mann, sonst hätte ich jetzt glatt nach deiner Telefonnummer gefragt.