… Im Grunde sind wir Menschen blinde Eintagsfliegen. Was viele der Fernöstler schon seit Hunderten von Jahren wissen, in der Gegenwart verweilen, ist uns fremd und so hängen wir Europäer oft in der Warteschleife. Zu lange schon, finde ich. Ständig sind wir mit den Gedanken im Gestern und Heute, wissen das, wollen aus dem Labyrinth heraus und beschaffen uns als Rettungsanker Bücher, die uns aus dem dunklen Nass ziehen sollen. Doch am Ende bleiben wir in der klebrigen Masse hängen, erblinden fast aus dem Nebel der Angst und das obwohl jeder Tag ein anderer ist. Heute ist heute und morgen ist morgen…

… So ist das mit uns Menschen und besonders mit den unberechenbaren Gefühlen verlieren wir uns im Zeitstrudel, verwirren unsere Gedanken wie hungrige Spinnen, die schnell ihre Netze zusammenbauen wollen, voller Gier nach Beute, und stehen schließlich mit einem feuchten Klumpen in der Hand da, ein Etwas, das einst unser Herz gewesen sein soll.

Heute sind wir stark, morgen sind wir schwach. Heute wissen wir nicht, was wir wollen, morgen wissen wir es um so mehr. Heute brauchen wir Freiheit, nur uns selbst, morgen den anderen… Wir alle, du und ich, sind keine Menschen, sondern Eintagsfliegen, die jeden Tag aufs Neue andere Flügel auf den Rücken tragen, auch wenn wir das nicht wahrhaben wollen, denke ich und öffne dir zitternd die Tür…

Derjenige, der sich selbst gesehen hat, ist größer als der, der die Engel gesehen hat.
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Meine liebe Violet,

ich muß Dir etwas beichten. Ich werde Leonard Woolf heiraten. Er ist Jude und hat keinen Pfennig. Ich bin glücklicher, als je jemand für möglich gehalten hat – aber mir liegt sehr daran, daß auch Du ihn magst. Dürfen wir beide am Dienstag kommen? Oder wäre es Dir lieber, wenn ich allein käme?… Mein Roman nähert sich dem Ende. L. hält mein Schreiben für das Beste an mir. Wir werden sehr viel arbeiten.
[Virginia Stephen an Violet Dickinson, London, 4. Juni 1912]

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