13. Mai 2009
Du guckst mich an. Starrst als wäre ich eine Außerirdische, die vor einigen Minuten mit ihrem Raumschiff gelandet ist. Das alles passiert an einem normalen Tag in der S-Bahn, obwohl du mit deiner Frau und den Schwiegereltern zusammensitzt. Denkst wohl, ich merke das nicht. Dummer Hund! Ach, ich korrigiere: Dummer, geiler Hund, du! Ihr seid bestückt mit tausend Einkaufstüten, sprecht von eurem Haus am Rande der Stadt, dem schönen großen Garten mit den vielen Beeten und Pfingstrosen, die jetzt besonders schön blühen. Drei Etagen hat es. Sieh an. Und zwei Fernseher. Du denkst, ich lese, bin vertieft und spüre deine Blicke nicht, doch jedesmal, wenn ich Luft hole, treffen mich deine Augen. Deine Frau ereifert sich ganz in ihren hausfräulichen Eskapaden, während es bei dir irgendwo zuckt. Du bist glücklich, denkst du, aber ich sehe, das ist eine Lüge. Deine Augen sind ausgehungert, sie vermissen etwas, das sie an Leben erinnert. Du hast dich vorbildlich eingerichtet, dennoch scheint dich das nicht auszufüllen. Ich sehe es, du dummer, geiler Hund! Unter deinem Hemd sammeln sich die ersten Schweißtropfen, die Salzkristalle pieksen dich und du kratzt dich nervös. Ich spiele mit meiner Zunge an meinem Mund, ganz unauffällig, aber erotisch genug, das es dich blendet. Unsicherheit macht sich breit. Immer noch quasselt deine Frau, ohne Erbarmen. Geht das oft so? Armer Hund, du! Sie hat dich an der Leine, kurz muss sie sein, wenn ich deinen Atem richtig interpretiere.
Erst gestern habe ich über Typen wie dich etwas gelesen, in irgendeinem Buch, ich weiß nicht mehr genau, wie es hieß, denn ich lese zu viel, das ich leicht vergesse, wo ich den Inhalt herhabe. Ist ja am Ende auch egal, aber über Männer wie dich ist oft etwas geschrieben worden, ob damals in den 20ern in Paris oder heute in New York. Euch gibt es zu Genüge, ihr, die ihr glaubt, dass ihr euer Glück gefunden habt, was sich am Ende jedoch als Seifenblase entpumpt. Man muss sie nur sehen und dann mit Freude zerplatzen lassen. Ich mache das so oft und habe einen Spaß daran, nur bemerkt ihr es nicht, denn ich sehe so unschuldig und naiv aus, das macht euch an. Ihr denkt, ich sei eine läufige Hündin, doch ich bin eine Katze – das ist ein enormer Unterschied, den ihr dummen Hunde zu spät feststellt. Dann sind sie da: Die Tränen, die Reue und das Flehen, auf die ich schlage. Ihr seid einfach nur feige und zu bequem, um nochmal auszubrechen, sich aufzumachen zu Ufern, die euch nachts den Schlaf rauben. Dazu bin ich da, um euch den Spiegel vorzuhalten. Hat mich deshalb das Universum auf die Erde geschickt? Keine Ahnung, aber ich weiß, dass mich eure Blicke am Leben halten, mir die Erfrischung geben, die mir der Alltag raubt. Ihr seid der Spott der Liebe und habt keinen blassen Schimmer von eurem Dilemma. Ihr armen Hunde, ihr! Aber ohne euch könnten wir Bienen nicht existieren, die Räuberinnen der Geschichten und Gefühle.
Noch in der Tür sehe ich deinen Kopf, wie er mich von oben abtastet als wärst du so ein blöder Sensor, der mich am Flughafen nach Waffen untersucht. Als die Tür sich öffnet, drehe ich mich um und lächele dich an, ertappt, rot wirst du und guckst verlegen aus dem Fenster. Deine Frau ahnt nichts von deinem Spiel, denn die redet immer noch vom Garten und den Bienen. Blöd nur, dass sie die eine nicht gesehen hat, die könnte ihren Mann stärker stechen als es ihr bewusst ist. Deinen Namen habe ich. Warts nur ab, du dummer Hund, wir sehen uns wieder. Im Garten der Reue, denn das Paradies ist bei Männern wie bei dir schon lange abgebrannt.
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