13. Mai 2009

Du guckst mich an. Starrst als wäre ich eine Außerirdische, die vor einigen Minuten mit ihrem Raumschiff gelandet ist. Das alles passiert an einem normalen Tag in der S-Bahn, obwohl du mit deiner Frau und den Schwiegereltern zusammensitzt. Denkst wohl, ich merke das nicht. Dummer Hund! Ach, ich korrigiere: Dummer, geiler Hund, du! Ihr seid bestückt mit tausend Einkaufstüten, sprecht von eurem Haus am Rande der Stadt, dem schönen großen Garten mit den vielen Beeten und Pfingstrosen, die jetzt besonders schön blühen. Drei Etagen hat es. Sieh an. Und zwei Fernseher. Du denkst, ich lese, bin vertieft und spüre deine Blicke nicht, doch jedesmal, wenn ich Luft hole, treffen mich deine Augen. Deine Frau ereifert sich ganz in ihren hausfräulichen Eskapaden, während es bei dir irgendwo zuckt. Du bist glücklich, denkst du, aber ich sehe, das ist eine Lüge. Deine Augen sind ausgehungert, sie vermissen etwas, das sie an Leben erinnert. Du hast dich vorbildlich eingerichtet, dennoch scheint dich das nicht auszufüllen. Ich sehe es, du dummer, geiler Hund! Unter deinem Hemd sammeln sich die ersten Schweißtropfen, die Salzkristalle pieksen dich und du kratzt dich nervös. Ich spiele mit meiner Zunge an meinem Mund, ganz unauffällig, aber erotisch genug, das es dich blendet. Unsicherheit macht sich breit. Immer noch quasselt deine Frau, ohne Erbarmen. Geht das oft so? Armer Hund, du! Sie hat dich an der Leine, kurz muss sie sein, wenn ich deinen Atem richtig interpretiere.

Erst gestern habe ich über Typen wie dich etwas gelesen, in irgendeinem Buch, ich weiß nicht mehr genau, wie es hieß, denn ich lese zu viel, das ich leicht vergesse, wo ich den Inhalt herhabe. Ist ja am Ende auch egal, aber über Männer wie dich ist oft etwas geschrieben worden, ob damals in den 20ern in Paris oder heute in New York. Euch gibt es zu Genüge, ihr, die ihr glaubt, dass ihr euer Glück gefunden habt, was sich am Ende jedoch als Seifenblase entpumpt. Man muss sie nur sehen und dann mit Freude zerplatzen lassen. Ich mache das so oft und habe einen Spaß daran, nur bemerkt ihr es nicht, denn ich sehe so unschuldig und naiv aus, das macht euch an. Ihr denkt, ich sei eine läufige Hündin, doch ich bin eine Katze – das ist ein enormer Unterschied, den ihr dummen Hunde zu spät feststellt. Dann sind sie da: Die Tränen, die Reue und das Flehen, auf die ich schlage. Ihr seid einfach nur feige und zu bequem, um nochmal auszubrechen, sich aufzumachen zu Ufern, die euch nachts den Schlaf rauben. Dazu bin ich da, um euch den Spiegel vorzuhalten. Hat mich deshalb das Universum auf die Erde geschickt? Keine Ahnung, aber ich weiß, dass mich eure Blicke am Leben halten, mir die Erfrischung geben, die mir der Alltag raubt. Ihr seid der Spott der Liebe und habt keinen blassen Schimmer von eurem Dilemma. Ihr armen Hunde, ihr! Aber ohne euch könnten wir Bienen nicht existieren, die Räuberinnen der Geschichten und Gefühle.

Noch in der Tür sehe ich deinen Kopf, wie er mich von oben abtastet als wärst du so ein blöder Sensor, der mich am Flughafen nach Waffen untersucht. Als die Tür sich öffnet, drehe ich mich um und lächele dich an, ertappt, rot wirst du und guckst verlegen aus dem Fenster. Deine Frau ahnt nichts von deinem Spiel, denn die redet immer noch vom Garten und den Bienen. Blöd nur, dass sie die eine nicht gesehen hat, die könnte ihren Mann stärker stechen als es ihr bewusst ist. Deinen Namen habe ich. Warts nur ab, du dummer Hund, wir sehen uns wieder. Im Garten der Reue, denn das Paradies ist bei Männern wie bei dir schon lange abgebrannt.

… ich könnte dir die vielen fragezeichen aus den augen wischen …
… ich könnte dir sagen, was richtig und was falsch ist …
… ich könnte dir die weisheit eines schamanen schenken …
… ich könnte dir die entscheidung nehmen …
… ich könnte dir die totale ruhe ins bett legen …

- aber nichts kann ich -
außer dir mut zu geben, dir ein vierblättriges kleeblatt in deine
hand zu legen, eine hühnersuppe zu kochen, ein mount everst
in schokoladenform zu bauen und zu sagen, dass deine entscheidung
die richtige sein wird, welche du auch am ende wählst, denn sie
ist gut überlegt und kommt aus der tiefe deines herzens.

nouvelle_vague

Ich habe mich nach süßen Kuchenkrümeln und Kaffeeduft auf meiner Zunge gesehnt, doch bekommen habe ich spitze Glasscherben. So fühlt es sich jedenfalls an, als ich neben dir sitze. Draußen fallen die Blätter reihenweise auf die Straße; manche Passanten verlieren kurz das Gleichgewicht, als sie auf die nassen Blätter treten, rudern aufgeregt mit den Armen. Irgendwie schaffen sie es, ihre müden Körper vor dem Fall zu bewahren. Nur ein junger Typ purzelt auf den harten Asphalt, landet jedoch sanft auf seinem Po. Er dreht sich um und flucht wie das Rumpelstilzchen. Zwei Mädchen, wahrscheinlich Schülerinnen, die etwas abseits stehen, lachen über ihn und halten sich leicht verlegen die Hände vor die Münder. Nur kurz stimme ich mit ihnen ein, bis mich die Realität zurückholt und ich dir ins Gesicht blicke.

Zu große Erwartungen. Heute. Oder immer? Ich weiß es nicht und stöhne meine Zweifel in die heiße Kaffeetasse, die sofort darin verdampfen. Warum? frage ich. Du schweigst. Sag was, bohre ich nach. Du schweigst. Mir scheint, als habe dir eben jemand einen festen Reißverschluss an deine Lippen befestigt, denn es gelingt mir nun nicht, ihn aufzuziehen. Du schweigst weiter und schaust aus dem Fenster. Der Purzeljunge ist weg und von den beiden Mädchen fehlt auch jede Spur. Plötzlich wird mir bewusst, dass sie bis eben noch mein einziger Halt gewesen waren. Jetzt fühle ich mich nackt, klein wie ein Mädchen, das noch in den Kindergarten geht und mit Puppen spielt. Ich stimme mit ein in dein unendliches Schweigen, doch wenn ich eins nicht will, dann ist es genau das. Das Kleinmachen und unterwürfig sein.

Wir hatten einen Plan heute, einen vollkommen anderen als den, den wir nun erlebten. Eine Egoistin hast du mich genannt, zu wenig würde ich nachdenken, keine Ideen mehr wie einst haben, stattdessen mich nur treiben lassen, mitziehen, antriebslos sein. Zunächst schüttelte ich eifrig den Kopf, bis ich das Echo bewusst wahrnahm. In der Tat, das bin ich. Ich würde lügen, wenn ich das von mir weisen würde. Wirklich realisiert habe ich es bislang nicht. Ich habe es verdrängt, wie sporadische Zahnschmerzen, die einen daran erinnern wollen, das dort ein Loch vorhanden ist. Ich verabscheue es genauso wie du, dass man dem Alltag die alleinige Herrschaft überlässt, aber manchmal geht es nicht anders, wenn die Zeit ein Dieb ist und die Tage zu kurz sind. Sag bitte, wie soll man da noch seinen Zauberhut an die entsprechende Stelle setzen, wenn der Kopf zu groß ist, zu voll mit Terminen und Gedanken, das man teilweise das Gefühl hat als hätte man zwei Kugeln auf dem Hals stecken? Hast du darauf eine Antwort? Nein. Oder doch: Dein Schweigen, das dich weiterhin umhüllt wie ein kalter Nebelmantel.

Mittlerweile ist es dunkel draußen. Der Regen hat nachgelassen, dafür hat sich ein starker Wind über die Stadt gelegt. Als Bote. Der Herbst ist nun tatsächlich da, egal, wie sehr ich mich noch dagegen wehre. Der Sommer gehört ebenso zur Vergangenheit wie meine Leichtigkeit, für die mich einst jeder beneidete. Einige verwechselten sie sogar mit Naivität.
Ich wollte es nicht so, wie es nun ist; war mir der Gefahr bewusst und bin umso erstaunter, beinah erschrocken, gelähmt, dass ich mich eingeklemmt in der Mäusefalle wiederfinde. Es ging viel zu schnell, schneller als man atmen oder zwinkern kann.

Und du.
Schweigst noch immer.

Einzig die Krümel auf den Tellern erinnern mich daran, das ich keine Glasscherben, sondern Kuchen gegessen habe.

jetzt erst, verzeih bitte, komme ich zum schreiben. ich möchte es nicht zwischen tür und angel, zwischen abbeißen und kauen. nun trinke ich deinen leckeren tee (das thunfisch-ei-brot befindet sich längst auf dem weg in den verdauungstrakt), der sich allmählich dem ende neigt, ebenso wie die schönen warmen tage dieses jahres.

der fernsehturm mag heute nicht aufstehen und hüllt sich immer noch in einem zähen nebelschleier, zu unfähig den schlaf aus seinen augen zu reiben, dem neuen anbrechenden tag kraftvoll entgegenzutreten; fragt er auch mich nach dem wahnsinn dieses lebens, nach dem unsinn der liebe und ich zucke nur mit den schultern. tausend bücher reihen sich in meinen regalen, glied an glied, alphabetisiert, schlaue sind dabei, weise, freche, melancholische und herausfordernde, tausend bücher ergeben über tausend worte, also auch viele antworten, möchte man meinen, aber ich finde keine und fühle mich wie ein blindfisch, der leicht glucksend und leicht röchelnd durchs meer schwimmt.

ich schreibe und schreibe und möchte dir einfach nur sagen, dass ich für dich da bin, du nicht allein bist, auch wenn du dich mit deiner liebe derzeit so fühlst. lass mich dein kopf halten, dein herz streicheln und hoffen, dass es bessere zeiten geben wird.
ich wünsche es dir so.

mein leben ist zweitrangig derzeit. mir geht es gut. jetzt bin ich es, die dich auffängt und dir die kraft zurückgeben will, die längst aus deinen adern verdampft ist, lediglich einzelne härchen erinnern an das, was sich erst kürzlich noch zuversicht nannte. du bist ein schatten deiner selbst, ich sehe dich nicht, aber ich fühle dich, ganz nah. deine tränen sind auch meine tränen. ich habe dennoch keine angst vor dem fall, schließlich haben wir bisher immer wie eine waage funktioniert, ging es der einen schlecht, hob die andere sie auf und umgekehrt. zu einem gemeinsam absturz kam es nie und wird es nie kommen, dafür ist eine von uns zu stark. also stehe ich aufrecht vor dir und zeige mit einem mutvollen lächeln und einem leicht zitterndem finger auf das ende vom horizont, das uns warme sonnenstrahlen in die erhitzten gesichter blendet.

denke an dich.
jederzeit.

Es ist Schwachsinn, sagt das Herz. Und auch der Verstand beugt sich ausnahmsweise dem roten Wesen, das den Menschen zwischen der Brust sitzt. Ich möchte begreifen, erklären, antworten, aber mein Mund bleibt still und erinnert eher an einen satten Fisch im brausendem Atlantischen Ozean. Mir fehlen die Sätze und schlimmer noch die Taten.

Wenn es mir nicht gut ging, hast du bisher meine nassen Tränen aufgefangen und sie liebevoll trocken geföhnt, mich mit deiner Anwesenheit geerdet, mit deinem Optimismus und stärkenden Worten in den Hafen zurückgeholt, damit ich durchatmen, wieder zu mir selbst finden konnte. Dieses Mal halte ich deine Leine fest zwischen meinen Händen, versuche dein wackelndes Boot zu zähmen, bekomme jedoch schnell den Unterschied zwischen einem Gegenstand und einem jungen Hund zu spüren.

Ich höre dein unruhiges Atmen, das Stöhnen deiner Knochen.
Ich sehe die Leere zwischen deinen Augen.
Ich schmecke das Salz der Verzweiflung.

Lege meine Hände in deine, denn manchmal trösten Gesten mehr als irgendwelche Buchstaben, die versuchen im richtigen Moment das Richtige zu sagen und schnell dabei klingen als würden sie wie stumpfe Kreide an der Tafel kratzen.

Erwache im Morgengrauen vom Gesang der Amsel auf der Fensterbank, klaue ihre Stimme, weil sie so kraftvoll ist, dass sie sogar mein Bett zum Vibrieren bringt und werfe diese in deinen Briefkasten in der großen Hoffnung…

… dass der Unsinn der Liebe damit endlich zum Stillstand kommt, alles wieder gut wird und ich keine Singvögel mehr ihrer Stimme bestehlen muss.

Ich erinnere mich gar nicht mehr, wann es das letzte Mal war. Viele Monate sind seitdem übers Land gezogen. Blumen blühten, Äpfel reiften, Blätter fielen. Mein Geist irrte unruhig umher, unsicher, wo vorne und wo hinten ist. Heute steht er naürlich nicht still wie ein fertiges Haus, dennoch ist er irgendwie erwachsener geworden.

Im Lichtschein des Mondes streichele ich über sein Gesicht, er atmet tief und hält sich jetzt ganz woanders auf. Vielleicht fährt er mit seinem geliebten Jaguar durch Italien, ich daneben und auf uns die Sonne. Wer weiß das schon. Träume sind unsere geheimen Botschafter, manchmal ähneln sie dem Gruselkabinett und in anderen Nächten fühlt man sich wie im Paradies, möchte nicht aufwachen. Ich liege nun wach, aufgekratzt und versuche die Zahl zu greifen. Ich bewege meine Finger nach oben… 1…2…3…4… Dann taucht sie auf einmal grinsend auf: die 4 war es. Während eben noch das Bild eines warmen Sommertages meine Wangen streifte, plumpst mir die Zahl auf die Nase wie eine dicke Spinne. Ich erschaudere und zittere. Eckig, spitz ist sie und ich höre sie hähmisch lachen.

Vier Jahre und sechs Monate ist es her, dass ich mit einem ICE gefahren bin. Es sollte damals die Reise in ein dunkles Land sein, das man sonst aus schlimmen Filmen kennt, eine Landschaft, wo keine Pflanzen und singende Vögel mehr existieren. Es war das furchtbarste Weihnachten, das ich je erlebt habe. Noch Monate, Jahre danach verfolgten mich Alpträume, in denen mich die eine Person bedrängte, die dort auftauchte. Ich hatte mich damals auf das Fest gefreut, auf meine Familie, meine Nichte und Neffen. Es sollte so schön sein, wie man es kennt, aber für mich war die Feierlichkeit blanker Horror. Während alle im Haus schliefen, lag ich mit der gewissen Person im Keller – dort war das Gästezimmer. Statt Sternenküsse hagelten Vorwürfe und Schuldzuweisungen auf mein Kissen. Der Boden löste sich in Salzkristalle auf, aber es waren dieses Mal nicht meine Tränen. Folglich sei ich ein kaltherziger Mensch gewesen. Die anderen bekamen von dem Desaster überhaupt nichts mit und ich verschwieg das alles, aus Vorsicht und es allen Recht zu machen, nur keine Unruhe stiften.

Heute bin ich mir darüber bewusst, dass ich es hätte machen sollen. Schon am ersten Abend der Ankunft hätte ich wieder abreisen sollen, zurück zu meinem Liebsten, der sich in der Heiligen Nacht eine kalte Wohnung mit einem einsamen Mann und Kater teilte. Aber ich blieb, ich war feige, ängstlich. Ich blieb, schwieg mich blutig wohl wegen meiner Nichte und Neffen – da ich sie ohnehin zu selten sah. Wer den Glanz von glücklichen Kinderaugen kennt, wird mir nachempfinden. Ehe ich mich versah, kroch ein Monster zu mir, durch die Ohren… weiter in die Brust und verharrte im Herzen. Wo sich eins zwei Menschen liebten, zerfleischten sie sich wie wilde Tiere.

Wie oft ich danach nachts klitschnass aufgewacht bin, weiß ich nicht mehr. Ich habe es vorsorglich verdrängt. Der ehemalige Geliebte war zu einem brutalen Monster geworden. Er versuchte mich einzusperren, mich zu vergewaltigen, mit einem Schraubstock kratzte er an der Tür und rief gierig: Ich krieg dich noch.
Niemanden – bis auf den engsten Freundinnen – habe ich davon erzählt. Ich schwieg, wollte keine Unruhe stiften, das gleiche Spiel wie zum besagten Weihnachtsfest. Doch jetzt, Jahre später, wo ich wieder im ICE sitze, kommt alles nach oben, da ist ein Riss, der die bösen Gedanken und Gefühle nach oben pumpt begleitet von einem Geschmack, der an faule Äpfel erinnert.

Ich weiß, ich habe damals im Sommer 2003 einige sehr verletzt, meine Mutter am meisten, durch mein Schweigen, doch ich hatte Angst. Ich hatte mich in einen anderen Mann verliebt, einen Mann, der Jahre älter war als ich und nicht in so sicheren Gefilden schwamm wie sein Vorgänger. Doch der neue Mann war ein Seelengefährte, wie man ihn selten trifft. Einige warten Jahre oder ihr ganzes Leben auf so eine zauberhafte Begegnung, die vom Schein der Götter umgeben ist. Damals wollte ich den anderen hinter mich lassen, befreien, allein sein. Und ich habe mich nicht sofort in eine neue Beziehung gestürzt. Wir beide wollten und mussten uns erst einmal sortieren. Ha, und da sind sie wieder die Rechtfertigungen, es jedem Recht machen zu wollen.

Ohne etwas zu tun, füllen sich meine Augen jetzt mit Tränen und gleichzeitig fällt eine große Last von mir ab. Ja, meine Tränen mischen sich nun mit einem Lachen und ich fühle mich wie eine Raupe, die schon ihre Flügel spürt. Sicherlich sind vier Jahre und sechs Monate keine lange Zeit auf das Leben gerechnet und doch können sie dich prägen als wären sie 50 Jahre.
Das Monster habe ich mittleweile besiegt. Wenn er heute des nachts auftaucht, winselt er vor Unsicherheit als wäre er ein schüchterner Hund. Wenn von dem Fetzen an Liebe und Wärme damals noch etwas existierte, so hat er es durch sein egoistisches Verhalten zerstört. Es lebt nichts mehr von dem in meinem Herzen.

Ein einziger Grabstein erinnert heute an das, was sich einmal Liebe nannte.

Der Auslöser war ein schlicht banales Ereignis, umwickelt vom herzenswarmen Schal der Romantik: Zwei Menschen, die sich auf der Brücke leidenschaftlich küssend verabschiedeten. Die Nachmittagssonne spiegelte sich in der Spree, die ihnen zu Füßen lagen und umgaben sie mit einem goldenen Schein. Das Bild hätte auch gut an die Seine nach Paris gepasst, denke ich, als mir eine Frau direkt vor die Nase läuft. Können Sie nicht aufpassen, sagt die Dame mit dem dunklen Bob und dem auffallend roten Lippenstift. Ich – sichtlich erschrocken – gucke sie nur mit offenem Mund an und drehe den Kopf schnell weiter nach hinten, um die beiden frisch Verliebten zu beobachten.
Was ist? fragst du.
Nichts, antworte ich.
Kleine Spannerin, sagst du.
Lass mich, antworte ich gereizt und merke, wie mein Kopf die Farbe des Lippenstifts von der bösen Dame annimmt.

Ich denke zurück an damals, als wir zwei dort so standen, will ich sagen, schweige stattdessen. Schnell huscht der Schatten der Sehnsucht zwischen meine beiden Herzhälften hin und her als könnte er sich nicht entscheiden, ob er dort bleibt oder wieder weit wegfliegt, ins Jenseits der verbotenen Gefühle. Seine Kraft ist stärker und mein Körper empfängt seine Signale. Wie kleine Krallen beißt er sich fest, das Blut fließt wie auf Speed durch die Adern und die Haut wird glühend heiß.

Möchtest du das wirklich wieder? Das lange Warten auf Nachrichten? Diese blöde Ungewissheit? Die ständige Frage, ob er der Richtige ist? Obwohl die hatte ich nie bei dir. Ich wusste es von dem Moment an, als ich dich gesehen habe. Dazu waren wir uns zu ähnlich und sind es heute noch. Wir lieben das Schöne der Ästhetik, sind verspielt wie kleine Katzenkinder und sensible Wesen, die sich manchmal nach starken Armen sehnen. In der großen Welt wären wir allein zu schwach, zusammen halten wir uns im Sturm des Alltags fest. Besondere Menschen, brauchen besondere Partner. Häufig ist die Suche endlos und erschwerlich, aber am Ende des langen Marsches zahlt es sich aus. Das weiß ich heute.

Ich greife deine Hand und gebe dir den Kuss, den sich nur zwei Liebende geben.

Am Wochenende entdecke ich in der Süddeutschen Zeitung auf der Wissenseite einen interessanten Bericht übers Küssen, den ich so süß fand, dass ich die zehn Dinge, gern hier festhalten möchte. Wer dann keine Lust aufs Küssen bekommt, ist selbst schuld.

  • Zwei Drittel aller Menschen neigen ihren Kopf nach rechts, während sie küssen. Ob es ein Küsser bevorzugt, den Kopf nach rechts oder links zu halten, steht schon bei der Geburt fest – diese Prägung entwickelt sich bereits im Mutterleib.
  • Küssen ist das bessere Zähneputzen. Der Speichelfluss wird angeregt, was Zahnbelag bekämpft. Die Sache hat nur einen Harken, beim Küssen werden auch Kariesbakterien ausgetauscht.
  • Den ersten Filmkuss in der Geschichte der bewegten Bilder tauschten May Irwin und und John C. Rice 1896 aus. Der Film dauerte 20 Sekunden und trug den schlichten Titel „The Kiss“.
  • Jedes Jahr am 6. Juli wird der Tag des Kusses begangen.
  • Bei einem leidenschaftlichen Zungenkuss werden im Schnitt 60 Milligramm Wasser, 0,7 Milligramm Eiweiß und Fett sowie 0,4 Milligramm Salz ausgetauscht. Dabei bewegen die Küssenden bis zu 38 Gesichtsmuskeln und verbrauchen – bei einer Kussdauer von drei Minuten – je zwölf Kilokalorien.
  • Laut einer Legende haben die Menschen das Küssen nur deshalb gelernt, weil im alten Rom einst den Frauen der Genuss von Wein verboten wurde. Die Männer wurden angewiesen, die Einhaltung des Verbots zu prüfen, indem sie von den Lippen der Frauen kosteten – dabei kamen die Menschen auf den Geschmack.
  • Ein durchschnittlicher Mensch verbringt in 70 Jahren Lebenszeit etwa 110 000 Minuten mit Küssen. Das sind mehr als 76 Tage – am Stück
  • Louisa Almedovar und Rich Langley tauschten den laut Guinness-Buch der Rekorde den längsten Kuss der Welt aus. Er dauerte 30 Stunden, 59 Minuten und 27 Sekunden.
  • Die Bonobos, eine als promisk verschrieene Zwergschimpansenart, sind die einzigen Primaten neben den Menschen, bei denen bisher Zungenküsse beobachtet wurden.
  • Das Kiss-Syndrom steht für Kopfgelenk industrierte Symmetrie Störung. Es bezeichnet eine Fehlfunktion im Bereich der Halswirbelsäule.

Der Autor dieser kleinen wissenschaftlichen Abhandlung: Sebastian Herrmann.
Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 2. Mai 2008

~~~~~~~~~~~~~~ Gustav Klimts Interpretation zum Thema Kuss ~~~~~~~~~~~~~~

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

Die Sehnsucht führte uns heute am ersten warmen Tag in diesem Jahr an diesen Ort zurück.

Hier begann unsere Liebesgeschichte.
Hier spürte ich zum ersten Mal deine Lippen auf meinen.
Hier entschied ich mich für dich.

Und wir waren damals im Spätsommer 2003 nicht die einzigen Zeugen unserer Lovestory, denn zwischen uns tanzten die Seelen von Bertolt Brecht und Helene Weigel, Paul Dessau und Hanns Eisler, John Heartfield und Wieland Herzfelde, Anna Seghers und Arnold Zweig, J. R. Becher und Heinrich Mann, Schadow und Schinkel, die Philosophen Hegel, Heiner Müller, Bernhard Minetti, Hans Mayer.

Ich mag diesen ruhigen Ort inmitten der hektischen Großstadt sehr, weil er mich an eine Insel im brausenden Meer erinnert. Die schattigen Bäume, die mit der Sonne flirten, die alten – teilweise prunkvollen – Gräber – ein Relikt aus einer anderen Zeit, das Knirschen der kleinen Steine unter den Schuhen, die einsamen singenden Vögel. Nach meiner Ankunft in der großen Stadt habe ich mit deiner Kamera Fotos geschossen, sie in einem Kurs für Schwarz-Weiß-Fotografie selbst entwickelt und noch heute erfreue ich mich an ihnen wie an dir. Ich erinnere ich mich, wie ich damals in einem günstigen Moment über mir bedeutende Grabsteine streichelte, ich wollte eine Antwort auf meine Frage, die mir nächtelang den Schlaf raubte. Ich war hin- und hergerissen, konnte es selbst nicht aussprechen, weil ich mich einerseits so gut und andererseits so schmutzig fühlte. Meine Tränen streiften das B von Bertolt und trockneten auf dem warmen Stein, der durch schüchterne Strahlen der Sonne geküsst wurde. Für einen kurzen Moment spürte ich, wie sie mir die Nackenhaare aufrichteten und ich einen zarten Hauch auf meiner linken Wange spürte wie eine Katze, die vorsichtig meine Beine streift. Und dann hatte ich sie.

An diesem Ort hören wir unsere Herzen besonders laut schlagen, auch weil wir uns mit den Toten auf eine Art verbunden fühlen.
An diesem Ort bleibt die Zeit vor den eisernen Toren stehen. Die Tram rattert regelmäßig vorbei, Autos hupen, Kinder kreischen.
An diesem Ort kommt man an, bei sich und seinen Gedanken.
Manchmal stolpern wir über Touristen, die ihre Reiseführer hier her führen, aber uns stört es nicht, denn jeder von uns ist weit weg, geborgen in einer Welt, in unserer, die für Fremde verschlossen bleibt.

Hier dürfen wir sein und uns lieben.

Das ist die Geschichte, die ich nie erzählen wollte, als ich noch in meiner heimatlichen Provinz lebte. Damals hätten sie noch mehr mit dem Finger auf mich gezeigt und gerufen: „Guck mal, das ist die, du weißt schon.“

Vor vielen Jahren, als junges Mädchen, zelebrierte ich mein Anderssein mit ungewöhnlichen Klamotten. Normales war mir schon immer suspekt gewesen und ich fand es genauso langweilig wie eine kalte Tasse Kamillentee. Ich wollte keine faden Jeanshosen tragen, sondern tauschte sie gegen silberfarbene Satinhosen oder farbig-gestreifte Miniröcke ein, die mich an glückliche Regenbogen am halb verregneten Himmel erinnerten. Meine Haare spielten wöchentlich mit Tönungen, schwammen mal hier im Kaminrot, dort im Rouge Noir, wenngleich mir meine Mama sagte: „Kind, mit den Farben siehst du noch blasser aus als du sowieso schon bist.“ Mir war es, ehrlich gesagt, egal, denn die Farben erzählten mir von dieser anderen Freiheit, nach der ich mich so sehr sehnte.

Natürlich blieb das Abgrenzen nie ohne Folgen. Ich erinnere mich noch, wie schnell ich errötete, wenn ich durch die Fußgängerzone schlenderte, stets spürte ich die aufdringlichen, bohrenden Blicke der anderen auf dem Rücken und verfluchte mich dafür, nicht eine von ihnen zu sein. Einfach mit dem zufrieden zu sein, was ich hatte. Dieses Gefühl, nicht in die Menge zugehören, setzte mir manchmal doch arg zu. Das Alltägliche musste für mich nicht immer unbedingt etwas Überraschendes, etwas Zauberhaftes in seinen Taschen versteckt halten, es war etwas anderes, Elementares, nach dem ich mit meinen neugierigen Augen Ausschau hielt. Häufig saß ich mit meinen damaligen Schulfreundinnen zusammen, alle waren lieb und nett zu mir, ihr herzliches Gelächter hängt noch heute in den Ohren, und doch ertappte ich mich oft dabei, wie allein ich mich fühlte und dass ich an den gemeinsamen Abenden wegflog, weil ich es vor bibbernder Kälte im Herzen nicht mehr aushielt. Und so begab ich mich auf die Suche nach einem Ort, wo ich ähnliche Menschen wie mich finden sollte. Meine Seele erhob sich ganz vorsichtig, fast geräuschlos, flog durch das Cocktailglas und suchte nach diesem Anderen, ein Paralleluniversum, das mir noch näher zu sein schien als mein eigener Hund, der bis in die Nacht auf mich wartete.

Würde ich es je finden? fragte ich mich und lehnte später, als ich allein in meinem Zimmer zurückkehrte und bis zum kleinen Zeh fror, den Kopf an das kalte Fenster mit dem Blick in die klare Nacht, hinauf zu den Sternen, die mich an beiden Armen festhielten. Ich hoffte und wünschte es. Die salzigen Tränen in meinem Kopfkissen versprachen es mir einige Stunden danach kurz vorm Morgengrauen: „Irgendwann wirst du es bekommen, Kleines. Glaub nur daran und vor allem: Glaub an dich.“

Und eines Tages geschah es. Eine Nacht in Hamburg. Vollkommen unerwartet, wie so vieles im Leben. Ich saß mit meinen Freundinnen in einer dieser hippen Bars und spielte mit meinen Haaren. Da tauchte er aus dem Nichts auf. Ganz in Schwarz. Eine Halbglatze, ein spitzer Bart und ich spürte, wie sich eine Gänsehaut über meinem Körper bis in die hinterste Ecke des Herzens zog. Eigentlich interessierten mich damals keine anderen Männer, weil ich mit jemandem zusammen war, aber Glück sah anders aus, sollte ich in dieser Nacht feststellen. Jeder aus meinem Familien- und Freundeskreis sagte mir, wie toll der damalige Freund war, der mir jeden Goldschatz ausgrub, wenn ich es nur wollte, aber keiner ahnte, wie einsam ich mich oft in seinen Armen fühlte. Da war in vielen Situationen kein Verstandenwerden. Ich erinnere mich beispielsweise an einen Kinobesuch, der mich innerlich so aufgewühlt hatte, dass ich schreien wollte, und ich scharrte stattdessen mit den Füßen auf den Boden als würde er einen aufdringlichen Juckreiz verspüren und hätte mich darum gebeten, ihn zu kratzen. Meine Gedanken wollten rausfliegen, hinein in ein weiches Netz, doch sie fielen gegen einen harten, kalten Stein. Er konnte nichts dafür, ich spürte, wie sehr ihn das beschäftigte, aber es passt nun mal nicht jede Mutter auf eine Schraube – so sehr man es sich auch manchmal wünschte. Gegen so genannte Wellenlängebrüche half auch nicht der beste Gipsverband. Ich brauchte leider viel zu lange, um zu verstehen und habe damit jemanden sehr weh getan.

„Darf ich?“ fragte der Men in Black.
„Gern“, antwortete ich und er setzte sich neben mich.
„Du hast wunderschöne Hände“, sagte er.
„Meine Hände?“
„Ja.“
„Das hat mir noch nie jemand gesagt. Dankeschön. Außer meine Mama, die meint, ich hätte mit den langen Fingern auch gut Frauenärztin werden können.“
Er lachte und bot mir eine Zigarette an, die viel zu edel klang dafür, dass sie ja eigentlich böse zu unser Lunge war.
„Silk Cut.“
„Kenne ich nicht.“
„Aus England.“
„Ich rauche nicht mehr, aber danke.“
Und dort sah ich es, dieses Funkeln hinter seiner Iris. Ohne, dass ich etwas tat, nahm sie meine Hand, streichelte sie sanft, küsste mich und zog mich an den Ort, den ich so lange vergeblich gesucht hatte. Da war so eine Vertrautheit, die an den Bauch der eigenen Mutter erinnerte, ohne irgendwelche Erklärungen, sie war einfach da.

Wir sprachen viel in der Nacht. Über uns breitete sich ein Zauber aus, so heimlich, dass wir gar nicht bemerkten, wie kleine Feen uns unauffällig funkelnde Kronen auf die Häupter setzen, die goldig im matten Licht leuchteten und wir vergaßen alle anderen um uns herum. Zum ersten Mal hatte ich das wirkliche Gefühl, nicht allein zu sein in dieser lauten schnellen Welt. Ich kannte diesen Menschen nur ein paar Stunden und es kam mir vor, als wären wir uns nie fremd gewesen.

Ich war angekommen.

Heute küsst er mich jeden Morgen wach und sagt:
„Hab keine Angst davor anders zu sein. Menschen wie uns braucht die Welt, denn wir sind das Salz in der Suppe.“
Es wäre eine Lüge von mir zu behaupten, dass mir das Anderssein mittlerweile leichter fällt, aber ich bin nicht mehr allein damit, ich habe jemanden an meiner Seite, der mich auffängt, wenn ich ein Loch übersehe und Wellenlängebrüche habe ich seit unserer Begegnung nie mehr erlebt.

Wenn ich jetzt in den Nachthimmel schaue, friere ich nicht mehr am kalten Fenster und mein Atem geht wesentlich ruhiger.

Nächste Seite »