Ich habe lange mit mir gerungen, ob ich mal wieder einen Text über das kleine alltägliche Glück schreiben soll, aber ich kann nichts dagegen tun und sitze nun hier während meine Finger auf der Tastatur klimpern, ohne dass ich wirklich viel dazu beitragen muss. Mein Kopf schaukelt hin und her, meine Beine trommeln leise auf dem Boden und mein Herz schlägt Purzelbäume. Warum? Ja, warum eigentlich? Heute ist ein schöner Tag gewesen. I know Darling, eigentlich sollte es jeder sein und doch gibt es Tage, die funkeln aus der Masse der Wochen heraus wie zarte Sternschnuppen. Ihre Zacken erzeugen so bestimmte Vibrations in uns, dass wir für einige Momente vergessen, wer wir sind, wo wir herkommen und wo wir hinwollen, denn wir sind einfach da: Wir sind vollkommen mit uns und der Welt da draußen. Und mal ehrlich: Wenn wir es immer wären, dann gäbe es doch diese bestimmten Schwingungen nicht mehr.

Neben dem totalem Genuss sind solche Augenblicke auch kleine weise Mönche, die zärtlich an meinem Kopf klopfen. I know Darling, ich könnte es viel öfter haben, wenn ich nicht so gedankenbeladen wäre. Wenn sich nicht immer alles um mich und meine kleinen Wehwechen drehen würde. Wenn ich loslassen könnte. Wenn ich mehr Vertrauen hätte. Wenn, wenn, wenn… Höre ich da etwa eine Abrechnung mit mir? Vielleicht. Ein bisschen.

Ich bin ein großes Mädchen, habe schon so Einiges erreicht und stelle mir selbst oft die Beine, obwohl es nicht sein muss. Wie doof, höre ich da draußen einige Stimmen. Ja und wie doof! So was will groß sein? Ich könnte jetzt sagen, aber ich bin doch ein sensibler Mensch, doch das zählt nicht, davon gibt es viele da draußen und sie beißen sicherlich öfter die Zähne zusammen als ich. Also doch: Abrechnung! Zunächst aber bitte schön: Einsicht. Bestimmt gibt es auch Menschen da draußen, die mit mir fühlen und sich selbst über sich ärgern. Aber was bringt es uns? Nichts! Reine Energieverschwendung. Ich bin mir heute darüber im Klaren, ich habe mich für einen Weg entschieden, der der Einsicht folgt und nicht immer einfach, dennoch machbar sein wird.

Wer mir dabei helfen wird? Vier Dinge, die mich heute unwahrscheinlich stärken und tanzen lassen: Ein Tuch mit dem Stadtplan von Tokyo. Die kraftvolle Stimme einer Sängerin. Weise Gedanken in einem sehr persönlichen Buch meines Lieblingsschriftstellers, Haruki Murakami. Und die Liebe von einem Menschen an meiner Seite, mit dem ich schon viel gekämpft habe. Und noch etwas: Das Gefühl, zu wissen, dass ich nicht allein bin, Freunde habe, die ehrlich zu mir sind, mich auffangen, mich wachrütteln.

Sicherlich ist das Leben hart. Wir alle kämpfen. Jeder auf seine Art und Weise. Und es gibt Tage, an denen sehen wir nur das Grau im Himmel und übersehen das Blau. Ich habe heute einen sehr wichtigen Satz gelesen: Schmerz ist unvermeidlich, Leiden eine Option. Wie oft sehen wir oder sehe ich nur das Leid als festen Baustein. Ich lege mich so gern dort hinein als wäre es mein warmes Bett. Weil es am einfachsten ist. Einknicken bedarf nicht viel Anstrengung. Sich dem Leid stellen jedoch erfordert Kraft und Mut, das man schnell übersieht oder versteckt. Es ist doch leicht, sich ein Streicheln abzuholen anstatt zu lächeln, obwohl einem nicht danach ist. Aber beeindrucken uns nicht gerade die Menschen, die in ihrem Leben kämpfen mussten und trotzdem keine vom Zorn gezeichneten Gesichter haben? Manchmal fragen wir uns, wo sie das Lachen in ihren Augen herhaben. Von ihrer Stärke dem Leid zu trotzen und weiterzumachen, zu vergessen, wer wir sind, wo wir herkommen und wo wir hinwollen. Wie beim Glück. Hier sein und nicht dort.

Ich beginne zu begreifen, sehe den Weg vor mir und stelle mich nun einfach daneben und gebe anderen den Raum. Vertrau dem Sinn und alles wird sich richten. Früher oder später. Auf jeden Fall: Ganz bestimmt.

Eigentlich sollte es ein besonderes Highlight zu meinem Wochenabschluss werden: Das Japan-Festival 2008, das dieses Jahr im Postbahnhof am Ostbahnhof stattfand. Geworden ist es ein absolutes Desaster.

Bereits am Eingang steigt der Erwartungsdruck der Besucher enorm, denn bei einer Tageskarte von 13 € – ohne Ermäßigung (bis auf für Mangakostümierte) möchte man schon etwas geboten bekommen. Aus dem Augenwinkel beobachte ich viele Besucher, die entsetzt die Hände über die Köpfe zusammenschlagen und wieder gehen. Ich hingegen gebe jedem einem Chance, erst Recht der Kultur und schon wirklich der japanischen.

Schnell stelle ich allerdings fest, das dies ein Fehler gewesen ist. Ich hätte ebenso kehrtmachen müssen. Was ich in den – teilweise überhitzten – Hallen finde, ist traurig. Ein Bühnenprogramm, das an eine Amateurtheatergruppe erinnert. Auf dem Prospekt wurde beispielsweise eine Manga-Anime-Performance angekündigt. Geboten wird dem Publikum ein japanisches Märchen, das von einer jungen Frau so hastig und verhaspelnd vorgelesen wird, das man sich am liebsten Wattestäbchen in die Ohren stecken möchte. Der anschließende Tanz ist so unkoordiniert, das einem die Augen tränen. So sitzt man in dem Zuschauerraum, schwitzt wie wahnsinnig unter den blauen Lichtstrahlern und sucht vergeblich nach dem japanischen Zauber, der hier versprochen wurde.

Geben wir also dem Kulinarischem eine Chance. Ich bin mit meiner Udonsuppe zufrieden, wenngleich ich den Seetang suchen muss. Mein Begleiter hat für seine 5 € nur zwei Stückchen Fleisch bekommen. Da frage ich mich: Einfach nur Geiz oder handelt es sich hier um die bekannte japanische Zurückhaltung?

Die heißersehnte Kimonovorstellung endet ebenso im Debakel. Der unfähige Moderator auf der Bühne verspricht sich ein paar Mal, bevor er die große Kimonosammlerin Simone Seeger ankündigt. Drei Frauen und ein Mann präsentieren ihre wertvollen Kleidungsstücke, schleichen im Zeitlupentempo über die Bühne und ich frage mich, wie lange sie wohl für die Choreographie benötigt haben. Fehlt nur noch, dass aus dem Off Hape Kerkeling auf die Bühne springt. Das Ganze ist so japanisch wie Currywurst.

Unter dem großen Namen Japan-Festival habe ich mir etwas anderes versprochen. Eigentlich war es eine kleine Messe, nicht mehr und nicht weniger. Einziger Pluspunkt waren eins, zwei inspirierende Stände, die mir den Traum von dem Land nicht genommen haben. Den Glanz jedoch für diese Veranstaltung habe ich bis heute nicht finden können.

Man übersieht sie schnell. Einige nehmen sie in der Eile nicht wahr, andere interessieren sich nicht für sie, weil ihr Glanz wahrscheinlich nicht glitzernd genug ist. Sie sind die kleinsten Teilchen im Großen Ganzen der Arbeitsmaschine, aber ohne sie würde das Rad zum Stehen kommen. Ich begegne ihnen nun Tag für Tag in einem Warenhaus im Bezirk einer großen Stadt, wo sich viele Touristen verirren und die wohlhabende Bevölkerung regelmäßig einkehrt.

Die kleine WC-Dame.
Sie kann kaum ein deutsches Wort über die Lippen bringen, verlangt aber gleich am ersten Tag 5 Euro für den Toilettengang, mit einem herzlichen Grinsen. Ich gehöre zwar zum Personal, habe ihr trotzdem ein paar Tage später ein paar Centstücke in die Schale gelegt, die sie mir gleich wiedergeben wollte. „War nur Scherz,“ stammelte sie leicht verlegen. Nein, aber ich wollte ihr etwas geben, wertschätzen für ihre kleine Arbeit und legte ein Lächeln obendrauf.
Sie sitzt Tag ein, Tag aus auf ihrem kleinen Stuhl. Der zierliche runde Tisch, der zwischen den Damen und Männer Toiletten als Grenze agiert, beherbegt stets eine gelbe Thermoskanne, von oben donnert das harte Neonlicht auf ihr Haupt. Wo mag sie wohl herkommen? Bulgarien? Jugoslawien? Ich ertappe mich oft dabei, wie ich mich zu ihr setzen und ihre Lebensgeschichte hören möchte und stelle es mir wie ein Puzzlespiel vor… jedes einzelne Wort, das nicht grammatisch sitzt, würde ich an die richtige Stelle fügen und hätte am Ende bestimmt ein interessantes Bild. Dennoch zweifle ich daran, ob es überhaupt möglich wird, weil sie nach jedem Klogang in die Kabinen eilt und die weißen Brillen wischt auf denen vorher noch fremde, sich entladene Pobacken gesessen haben so sauber, das man sie ablecken könnte, vollkommen angstfrei vor irgendwelchen Keimen. Einmal kam sie mir mit einem verzerrten Gesicht entgegen und sagte: „Bäh, stinkt.“ Ein anderes war leider nicht frei und ich musste „Bäh, stinkt“ wohl in Kauf nehmen und hielt die Luft an. Ich schätze sie, denn trotz der ganzen Scheiße lacht sie so oft aus tiefstem Herzen, da können sich einige Pradataschenträgerinnen eine große Scheibe davon abschneiden.

Der Müllmann.
Wir kannten uns nicht mal einen Tag und er fragte mich: „Na wie geht es dir?“ Das „Sie“ hat er einfach übersprungen, wahrscheinlich kennt er es nicht. Seine Augen hinter der Brille wissen oft nicht, wo sie hinschauen sollen und ich ahne, dass er ein kleiner, einfach-gestrickter Mann ist. Zunächst stutzte ich ein wenig über seine offene Art, aber relativ schnell sah ich drüber hinweg und freue mich heute täglich über unsere Begegnung. Es scheint, als kennen wir uns ewig. Während ich auf den Personalfahrstuhl warte, kratzt er im Müll die richtigen Dinge zusammen. Er schweigt, doch ich höre das Stöhnen seiner Knochen deutlich zu mir vordringen, die Schweißperlen setzen sich an die Wände und warten auf den nächsten Luftzug. Ich frage mich, wie kann so ein unscheinbarer Mann mich täglich so glücklich machen? Ganz einfach, weil er er selbst ist und dabei noch nicht vergessen hat, was es heißt: Ein Mensch zu sein.

Sie sind kleine unscheinbare Wesen, irren oft in den dunklen Gemächern, hinterlassen dort kleine Funken und beherrschen das zwischenmenschliche Miteinander besser als viele andere, die viel höher stehen als sie. Für mich strahlen sie jeden Tag und ich werde sie niemals übersehen.

Wenn ich heute an das Mädchen zurückdenke, überkommt mich eine Kälte wie sie nur an eisigen Wintermorgenden herrscht. Und ich sehe noch etwas: Eine Träne, die sich zart an den starken Sonnenstrahlen festhält. Ich wollte sie auffangen, doch meine Arme waren zu kurz, mein Atem zu schnell, als das ich sie hätte in ein Land pusten können, das vor Freude erstrahlt. Ihre Traurigkeit berührte mich noch Stunden nach unserer Bewegung, wenn ich ganz ehrlich bin, selbst heute noch. Als ich mit meinem Liebsten freudig erzählend mit der S-Bahn in die City fuhr, spürte ich eine kalte Nebelwand zwischen ihm und mir, denn er saß genau neben ihr.

Das Mädchen hielt ihren Schokoriegel in den Händen, als wäre es ihr liebstes Stofftier, das sie schon seit ihrer Kindheit stets bei sich trägt. Ich dachte erst, es sei ein Straßenkind, doch beim genauen Hinsehen, sah ich wie makelos ihre Kleidung war. Alles sauber, keine Falte, fleckenlos. Lediglich ihr Gesicht erzählte mir die wahre Geschichte. Sie hatte es im Leben nicht leicht gehabt und ich sah ihr die Erschöpfung unter den Augen deutlich an. Die Haut erinnerte mich an kalte Asche, die mein Opa stets aus dem Ofen herausgekratzt hat, während draußen zarte Schneeflocken sachte an die Fenster klopften. Ihre Augen vergruben sich ganz hinten in den Höhlen und sehnten sich in Wirklichkeit nach Ruhe und Frieden. Dort existierte kein Leuchten, wie es bei jungen Leuten sonst der Fall ist. Das Mädchen war jünger als ich und schien älter als mein Opa.

Als wir die Bahn verließen, sagte mein Liebster leise, fast flüsternd:
Sie hat mich eben ganz traurig angesehen. Das tut weh.
Ich drückte seine Hand und verstand.
Für einen Moment blieb die Zeit vollkommen stehen, die Menschen um uns verharrten in ihrer Bewegung und wir schauten der Bahn nach, die von einem seltsamen Schatten umgeben war.

Meine Hände haben zehn Finger. Ich betrachte jeden einzelnen akribisch als wäre ich das Mikroskop höchstpersönlich und zähle sie durch. Zehn… eine 1 und eine 0. Die Zahl streift zaghaft mein Haar, verharrt dort zwei lange Atemzüge und wandert weiter am Hals entlang, in mein Ohr und fällt ins weiche rote Plüschsofa meines Herzens.

Es sind genau zehn Jahre her, dass ich endlich 18 Jahre geworden bin. Was habe ich damals dem Tag entgegengefiebert. Ich erinnere mich noch so genau, als wäre es gestern gewesen. Im Hintergrund höre ich meine Mutter sagen: „Warts nur ab, von nun an vergehen die Jahre wie im Fluge.“ Was habe ich schallend über die mütterliche Weisheit gelacht. War es wirklich Schadenfreude oder wollte ich die aufkommende Angst des kurzen Atems der Zeit überspielen?

Ich sprang mit einem Gesicht, das von Freudestränen eingeseift war, vom Felsen in das frische Nass der 18 und freute mich auf die Schätze, die der Meeresboden für mich bereit halten sollte. Als erstes schnappte ich mir das Wort Volljährigkeit und die damit verbundene Verantwortung. Hinter der nächsten Koralle versteckte sich der Führerschein und weiter dahinten mein Abi, etwas abseits lag eine neue Stadt und die erste eigene Wohnung. Hungrig war ich, als hätte ich wie eine Bärin bis dahin einen tiefen Winterschlaf gehalten und wollte nun alles auf einmal verschlingen. Alles kam langsam im Zeitlupentempo auf mich zu, aber verdaut wurde rasant und ich bemerkte es im Eifer nicht. Die Worte der Mutter lagen verborgen hinter gelesenen Bücherseiten und wisperten im Schatten ihr eigenes Lied.

Heute krame ich sie hervor und habe wieder Tränen in den Augen – es sind jedoch andere, keine von Trauer durchtränkten, viel mehr Spuren der Rührung, Tränen einer erwachsenen Frau von 28 Jahren. Die naive Leichtigkeit dominiert jetzt nicht mehr allein. Gerührt bin ich über die Geburtstagskarte meiner Mama, die Worte so wahr, herzlich und rein. Jeden einzelnen Buchstaben habe ich herausgezogen, auf eine Leine gehangen und erfreue mich über das, was ich heute bin. Leider bin ich noch immer zu oft eine kleine Chaotin, die 12 Stunden des Tages mit dem Suchen beschäftigt ist. Gleichzeitig möchte ich nicht unerwähnt lassen, dass ich enorm gewachsen in den zehn Jahren und es zu häufig übersehe. Ich habe wirklich keine Zeit vertan, wie du schreibst. Mama. Mein Rucksack, den ich schon mit 18 Jahren schnürte, trug ich stets bei mir. Einige Träume entpumpten sich als zerplatzte Seifenblasen, dafür kamen jedoch neue Perlen für meine Lebenskette hinzu. Ich habe viel riskiert, etliche Eimer an Tränen in die Blumentöpfe gegossen, Risse am Leibe erfahren, die heute in Form von Narben an jene schmerzhaften Ereignisse erinnern, mir dafür Stärke in die Knochen gebrannt haben. Meinen Weg bin ich aber unbeirrt, hartnäckig weitergegangen und manchmal hat mir meine kindliche Naivität weitergeholfen. Nicht darüber nachdenken, sondern einfach nur machen und an das Gute im Menschen glauben.

Ich bereue nichts, kein Umweg war mir zu lang, kein Berg zu hoch, keine Schweißperle zu nass, keine Träne zu feucht. Vielleicht habe ich an einigen Stellen den kurzen Atem der Zeit gelegentlich unterschätzt. Wie oft verschob ich Sachen auf Morgen, obwohl sie besser in die Gegenwart gepasst hätten? Wie oft habe ich an Dingen festgehalten, obwohl sie längst am Horizont verschwunden waren? Wie oft habe ich gegenwärtig über Sachen nachgedacht, die noch gar nicht an der Zeit waren? Irgendwann stieß ich durch einen Autor auf eine Kultur, die in der Moderne zwar ebenso eilt wie ich, doch parallel die Kunst des Anhaltens, des Verweilens beherrscht. Die Menschen dort lassen los, wenn es sein muss und beugen sich vor der Natur als wäre es der liebe Gott persönlich. Ich spreche von den Japanern und dem Buddhismus. Das fasziniert mich und hält mein Rad an, wenn es das Tempo überschritten hat.

Das Teufelchen sitzt auf meiner linken Schulter und grinst:
„Siehst du, du wolltest damals nicht auf deine Mama hören. Nun hast du den Salat.“
„Salat? Wo ist Salat? Schau sie dir an, wie wunderbar sie geworden ist. Ihre Stärke, den großen Happen an Weisheit, den sie heute schon im Bauch liegen hat“, entgegnet der Engel auf der rechten Schulter. „Sie ist ihren Weg gegangen und wird ihn weitergehen mit ihrem eigenen Atem und wenn sie die Zeit eines Tages einholt, dann hält sie diese fest und denkt an ihre Mama zurück. Sag, gibt es ein schöneres Gefühl als dieses?“

Sicherlich ist es schön, wenn es Zeitrahmen gibt, doch ich finde, man sollte für sich den eigenen Atem der Zeit finden und leben. Während ich das denke, tanzen meine zehn Finger den nächsten Jahren in ihrem eigenen Rhythmus entgegen.

Der Schmerz hat viele Formen, weißt du?

Nein, ich kenne nur den einen, wenn ich mich stoße oder hinfalle. Oder wenn ich krank bin und schrecklich Halsweh habe.

Da hast du Recht, auch der gehört dazu, aber ich meine noch einen anderen, wenn man traurig ist und einem selbst die liebste Limonade nicht schmeckt.

Das ist auch Schmerz?

Im gewissen Sinne ja, meine Liebe. Dann weint das Herz und dein Bauch füllt sich mit salzigen Tränen.

Ja, das kenne ich. Oh, wie weh das tut.

Aber auch das gehört dazu wie ein Jauchzen, das du vor Glückseligkeit herausschreist. Das sind die Zeiten eines Menschens, die schmerzhaft sind, man keinen Eingang und keinen Ausgang findet. Es scheint dann, als gäbe es nur Häuser mit geschlossenen Fenstern, ohne Türen.

Aber warum muss das so sein? Wenn es uns nicht gut geht dabei?

Weil uns solche Momente erden. Wir landen mit unseren Füßen wieder auf dem Boden, sehen uns, wie wir sind, was wir haben. Und ganz wichtig, solche Schmerzen machen uns am Ende stärker. Sicherlich dauert das, aber wenn du das überwunden hast, manchmal kann es nur einige Tage und ein anderes Mal Monate dauern, gehst du ganz anders in die große weite Welt hinaus.

Das ist anders, als wenn ich mich gestoßen habe, warum?

Weil es aus dem Inneren kommt, hier her, aus deiner Seele und deinem Herzen. Das ist viel tiefer als eine Schürfwunde.

Gehören also Glück und Unglück zusammen, ja?

Genau, sie bilden eine kleine Symbiose, also eine Einheit, der Eine kann nicht ohne den Anderen. Schau, wie der Tag und die Nacht. Allein wären sie langweilig… stell dir vor, wenn es immer hell wäre.

So was wäre echt total doof. Ohne Sonnenuntergänge und so.

Stimmt.

Das sind die Formen von denen du gesprochen hast?

Ja, nenn sie die Philosophie des Schmerzes.

Das hört sich irgendwie anders an, nicht so hart.

Fast zärtlich, so als würde ich dich wie jetzt streicheln.

Ja, so und nicht anders.

Also hab keine Angst, Kleines.

Jetzt nicht mehr.

Sport und Obdachlosigkeit – passt das zusammen? Ich weiß es nicht und wische eine Schweißperle von meiner Stirn. Während ich noch darüber nachdenke, sehe ich ihn schon von weitem auf seiner Bank sitzen. Ich lächele kurz auf und denke, dass er irgendwie schon zu meinem täglichen Morgenritual gehört. Im nächsten Moment jedoch stocke ich bei dem wohligen Gedanken. Irgendwas stimmt nicht.

Der alte, graubärtige Mann sitzt wie gewohnt auf seinem Platz, auf der zweiten Bank am Ufer gegenüber vom Fluss. Seine Haare sind strähnig und hängen wie Staubfäden in seinem Gesicht. Neben ihm liegt wie ein treuer Hund sein großer erdenfarbiger Rucksack, an dem etliche Sachen baumeln. Ich erkenne kleine Schalen aus Alu und eine Trinkflasche, die still dort hängen und froh darüber sind, einen Platz gefunden zu haben. Der Mann strahlt eine Ruhe aus, wie ich sie selten bei Obdachlosen gesehen habe. Fast so, als hätte er sich mit seinem Schicksal angefreundet, vielleicht mit ihm Brüderschaft getrunken oder hat er sich vielleicht bewusst dafür entschieden?

Jedesmal, wenn ich an ihm vorbeilaufe, spüre ich wie sich ein fremder Geruch ganz schüchtern zwischen die assimilierenden Blätter und die seichten Wellen des Wassers schiebt. Diese Mischung erinnert mich an etwas, nur an was genau, mag mir einfach nicht einfallen.

Jedesmal, wenn ich an ihm vorbeilaufe, möchte ich mich neben den alten Mann setzen und ihn so vieles fragen. Er sieht tatsächlich aus wie ein Geschichtenerzähler, dem Kinder am offenen Kamin mit leuchtenden Augen zuhören. Im Winter trägt er bestimmt einen roten Mantel und erfüllt Wünsche.

Jedesmal, wenn ich an ihm vorbeilaufe, krampft sich mein Herz zusammen, als hätte sich ein Muskel eingeklempt. Ich atme dann stets so wie es mir meine Mama beigebracht hat, langsam ein, langsam aus – der Schmerz jedoch bleibt wie eine hässliche Klette an der Stelle sitzen und streckt mir die Zunge raus.

Jedesmal, wenn ich an ihm vorbeilaufe, denke ich über den Begriff Obachloser nach. Landstreicher hießen solche Menschen früher einmal, als noch Kutschen statt Autos fuhren. Ein viel schöneres Wort, finde ich, man sollte es wieder offiziell einführen und auf den Begriff Penner ein Bußgeld setzen.

Jedesmal, wenn ich an ihm vorbeilaufe, sitzt er da, vollkommen in sich versunken, blickt auf die Spree und ist nur mit seinem Körper anwesend. Ich möchte wissen, an was und wie er über die Welt denkt.

Jedesmal, wenn ich an dem alten Mann vorbeilaufe, bleibe ich am Ende des Weges stehen, zerpflücke mit meinem hechelnden Atmen eine Pusteblume und wünsche mir, dass es so etwas irgendwann nicht mehr geben wird.

Vor einigen Tagen saß ich in einem Café an einer großen Straße. Die Sonne stand an der höchsten Stelle und nahm sich von der Erde, das was sie wollte. Sie bespuckte die Menschen frech mit Schweißperlen, einige hatten sie auf der Stirn, andere unter den Achseln. Ich trank im Schutze des Sonnenschirms einen kalten Eiskaffee und streckte der leuchtend gelben Madame über mir die gefrorene Zunge raus, die ein wenig wie ein dünner Schneemann aussah. Dabei blieben meine Augen im bunten Treiben um mich herum haften. Eigentlich wollte ich einen langen Liebesbrief schreiben; er war schon längst fällig, aber die Verführungen vor der eigenen Nase waren zu groß. Ich weiß auch nicht, aber ich kann mich in der großen Stadt einfach nicht satt sehen. Kaum ist man zur Ruhe gekommen, macht es wieder schwupps und man dreht mit dem eigenen Kopf flotte Runden, als wäre man selbst ein Pferd auf einem Karussell.

Nehmen wir doch mal den Typen links neben mir. Der sitzt schon eine Weile in der prallenden Sonne. Dicke Kopfhörer trägt er, die aussehen wie Tennisbälle, als wären sie irrtümlich an seinen Ohren hängengeblieben. Er schaut geradeaus und ich vermute, er ist gar nicht hier, nur seine Hülle. Der Geist, tja, wo mag er sich wohl gerade aufhalten? Bei einer schönen Frau zwischen den Beinen oder mit dem Mund auf ihren Lippen? Vielleicht pokert er aber gedanklich gerade und ist kurz vorm Gewinnen? Oder steht er im Fußballstadion neben Michael Ballack? Eigentlich sieht er mehr wie ein Skater aus als ein Kicker. Sein Kopf spielt Ping-Pong. Im Sekundentakt wippt er von vorn nach hinten. Ich starre ihn schon eine Zeit lang an, beobachte ihn, und er bemerkt es tatsächlich nicht.

Wumm! Auf der Straße gab es soeben eine Vollbremsung. Vor mir hält ein Lastwagen mit der Aufschrift: Mobiler Schlauchkurier! Was ist bitteschön ein Schlauchkurier? Ein Kurier, der Schläuche transportiert? Oder ein Kurier, der nur Briefe in Schlauchform von A nach B bringt? Gleich dahinter trötet auch schon ein Durstlöscher: Keine Panik, trink Garick – steht in großen Lettern auf seinem Bauch. Von dem Getränk habe ich bis dato nie etwas gehört, aber der große Wagen fährt ruhig an meinen fragenden Augen vorüber, seine Spiegel zwinkern mir frech zu und ich fühle mich ertappt.

Das Klappern eines alten Fahrrads holt mich aus meiner Gedankenspirale zurück und ich schaue auf zwei junge Männer, die händchenhaltend an mir vorbeischlenkern. Der eine trägt einen Hut, der an wilde Westernfilme erinnert und kurz denke ich, dass das an seinem rechten Arm kein Fahrrad, sondern ein brauner Hengst ist. Cold Mountain lässt grüßen.

Den Liebesbrief habe ich Stunden später noch geschrieben, abends im Bett, natürlich bei zugezogenen Fenstern, man weiß ja nie bei so einem neugierigem Geist wie meinem. Schwupps, eh man sich versieht, fliegt er duch den offenen Fensterschlitz und ich sitze am Ende da mit meinen flatternden Haaren, dem klopfendem Herzen, aber ohne Verstand.

Es geschah an einem Montag, als die Sonne schon morgens fast am Zenit stand und versprach somit lächelnd den Erdenkindern, dass es ein wunderbarer Tag werden sollte. Ich setzte meine Sonnenbrille auf und lief zur S-Bahn. Oben angekommen, stach er mir sofort in die Augen. Er war kein gewöhnlicher Wartender, irgendetwas verwirrte mich, doch ich konnte nicht genau sagen, was es war. Sein Alter ließ sich schwer schätzen, aber eines sah ich sofort: Es musste ein intelligenter Mann sein, der vom Weg abgekommen war.

Als sich die S-Bahn-Türen schlossen, hörte ich von ganz hinten eine summende Stimme, in den Worten war so ein Singsang, den ich nicht einordnen konnte. Es kam immer näher und dann hörte ich: „Ich bin seit acht Jahren obdachlos, aber ich bin nicht so einer, wie Sie hier vielleicht denken und bitte lediglich um eine kleine Spende. Bitte.“ Ich schluckte und sah zu den anderen Fahrgästen. Einige stellten ihre Musik lauter, andere versteckten sich hinter ihren Zeitungen. Kurz dachte ich: Es ist eine schwere Zeit, jetzt obdachlos zu sein, wo die Menschen sowieso weniger Geld haben. Kaum einer kann wirklich davon existieren. 50 Prozent leben mit einem Jahreseinkommen von 25.000 Euro, wie die neue McKinsey Studie erst kürzlich veröffentlichte.

Vor die Sonne schoben sich düstere Wolken und ich kämpfte mit mir – mit meinem Gewissen. Der Teufel und der Engel lieferten sich eine regelrechte Schlacht, so sehr, dass ich mich fester halten musste, um nicht umzukippen. Er kam an mir vorbei, stieß mich an und ich guckte in seine Augen. So leer, verbraucht, doch ganz hinten sah ich einen zarten Hoffnungsschimmer, dass ich erschrocken das Atmen vergaß. Neben mir raschelte es und ich sah, wie ein Mann seine Geldbörse zückte. Ich atmete auf und spüre, wie sich die Stimmung plötzlich in der S-Bahn veränderte.

Hinterher fragte ich mich: Bin ich kalt? Feige? Aber ich habe nur wenige Cent-Stücke übrig und die gebe ich Leuten, die etwas vollbringen, entweder eine Zeitung verkaufen oder auf einem Instrument spielen, obwohl letztere schon wieder eine andere Kategorie darstellen.

Die Sonne schien tatsächlich den ganzen Tag, doch über mir bewegte sich ständig ein dunkler Schatten wie ein treuer Hund, der nicht von mir weichen wollte.

Wichtig ist es, dass man nie aufhört zu fragen, sagte einst der schlaue Albert Einstein. Ich hatte erst Zweifel, ob ich wieder meine Fragen der Woche hier auftsellen soll, aber ich mache es einfach. Es gibt eben Dinge im Leben, bei denen man selbst nicht eine Antwort findet, aber es bleibt die Hoffnung, dass es andere vielleicht tun. Ihr habt mir so tolle Antworten beschert, dass ich einfach wieder welche stellen möchte.

1) Warum tragen derzeit so viele Frauen blaue Schuhe, die aussehen, als hätte man sie in ein Tintenfass getaucht?
2.) Was sind das für komische Insekten vor meinem Fenster? Sie sehen größer aus als Mücken, sind viel langsamer (lassen sich also mit einer Leichtigkeit fangen) und summen auch so? Nur tauchen Mücken nicht erst im Sommer auf?
3.) Wo kommt der schneeweiße Reisebus mit dem Anhänger her, der nachts um kurz vor 2 Uhr an der Ampel hält?
4.) Wo hat der einsame, alte Mann im Rollstuhl vorm Einkaufszentrum seine Beine verloren? Und was zieht ihn täglich dort hin?
5.) Grüntee oder Früchtetee?
6.) Woher weiß ich, dass das genau das richtige Buch für mich ist?
7.) Warum musste Raquel bei Germany Next Topmodel gehen?
8.) Warum verlieren Menschen, die ins Showbusiness einsteigen, ihre Natürlichkeit (s. Gina-Lisa und Sarah die Woche bei Stefan Raab)
9.) Wo haben die fetten Spinnen vor unseren Fenstern in der 5. Etage überwintert?
10.) Wie lange brennt das Teelicht auf meinem Tisch?

Nächste Seite »