Ihre Hände wedeln aufgeregt,
hin und her, her und hin,
Sie hat extra ihre beste
Platte aufgelegt.

Der Plattenspieler kratzt,
hat seinen eigenen Rhythmus
und dabei fast den wichtigsten
hohen Akkord verpatzt.

Heute jubelt und lacht sie,
hüpft, springt, dass sich die
Balken biegen und fühlt sich so
lebendig wie sonst nie.

Sie schüttelt ihren Kopf,
überschlägt sich und verliert
ganz ungeschickt, nebenbei
von ihrer Lederjacke den Knopf.

Was zählt das schon im Leben,
da gibt es schlimmere Dinge,
von solchen Nichtigkeiten lässt
sie sich das Glück nicht nehmen.

Einen kurzen Augenblick nur
wie ein Wimpernschlag
gehört ihnen der Asphalt
ganz allein.

Einen kurzen Augenblick nur
wie ein Flügelschlag
halten unsere Füße an
alle zusammen.

Einen kurzen Augenblick nur
wie ein tiefer Seufzer
vergessen wir das Gestern
leben gegenwärtig.

Einen kurzen Augenblick nur
wie das Erlöschen der Kerze
sind wir hin- und hergerissen
Bestürzung und Hoffnung.

Einen kurzen Augenblick nur
wie das Kullern einer Träne
hebt der Obdachlose an der Ampel
seinen Kopf und nickt.

Einen kurzen Augenblick nur
bleiben wir stehen
tauschen verstohlene Blicke aus
legen ein paar Münzen in den Hut
greifen die zerknitterte Zeitung.

Einen kurzen Augenblick nur
spüren wir ein flüchtiges
Streicheln am Kopf
so liebevoll und zart -
einem Engelsflügel gleich.

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird es wohl noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muß, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Brüder verrät,
Geht es um dich oder um ihn.
Den eigenen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.

Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einsweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im großen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

Quelle: Die paar leuchtenden Jahre. [Mascha Kaléko]

stil.jpg

Sie ist anfällig für gutgekleidete Menschen
Wie andere süchtig nach Taschen sind.
Die Wunsch in ihr ist groß
Nach einer perfekten Garderobe.

Sieht sie schlecht angezogene Menschen
Würde sie die am besten an
Ihren Haaren ziehen und sie abknallen
So sehr schmerzt es in ihren Augen.

Die Modetrends stinken für sie wie Kot
Sobald sie in die Zeitschriften flattern
Sehen alle Menschen gleich aus
Kein Platz mehr für Individualität
Es blinkt das Schild: AUSTAUSCHBAR.

Jeder trägt genau das, was in ist
Egal, ob sie dicke Beine hat oder
Speck um die Taille und am Bauch
Rein in die enge Röhrenjeans
Leberwurst lässt grüßen

Oder das Grau derzeit
Was uns ständig vor die Augen fliegt.
Die Farbe ist ganz speziell
Reserviert für bestimmte Typen
Nicht für Jedermann.

Der Grad zwischen Trend und Stil
Ist schmal
Wer ihn nicht beherrscht
Manövriert sich ins Aus
Ohne es zu merken.