Wie sieht wohl die Sehnsucht aus? Ich greife in den Berg von Buntstiften, die Augen geschlossen und erhasche ein Rot. Es ist ein tiefes Rot, das an einen guten Bordeaux erinnert, also viel mehr ein Weinrot. Ich male eine kleine Landschaft, dazwischen zwei Strichmännchen: Das eine bist du, etwas größer als ich und das andere bin ich. Lustig, obwohl mir zum Weinen zumute ist.

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Ich laufe durch die große Stadt, entdecke Plätze, die dich ebenso enzücken würden und jetzt am Abend – mein Blick aus dem Fenster. Der Fernsehturm strahlt mich in seinem silbernen Schein an und ich denke: Genau, hier links neben mir … wenn du da sitzen würdest. Es gibt so viele Dinge, die ich in deiner Gegenwart nicht erkären brauche, weil du das Gleiche empfindest. Sprachlos glücklich sozusagen.

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Gerade in den letzten Wochen sehne ich mich so sehr nach dir, weil so viel um mich herum an dich, an unseren vergangenen Sommer erinnert. Irgendwann hatte ich vollkommen den Überblick verloren und all die Dinge der Ordnung halber notiert:

  • Frischer Rucola (Jedes Mal, wenn ich ihn zupfe und wasche, spüre ich dich neben mir, erahne, dass du gerade deine leckere scharf-süße Vinegrette mischst. Wie habe ich deinen Küchentisch am Abend geliebt, immer kleine Leckereien. Aus wenig Großartiges gezaubert.)
  • Kalte Zisch-Orange-Limonade aus dem Bioladen (Die haben wir an den heißen Abenden getrunken, wenn uns der Wein über war.)
  • Rotwein (Weißt du noch? Fast jeden Abend… Und jedes Mal schworen wir uns, nicht mehr, nicht mehr bald, um bald wieder bei einem Glas zusammenzusitzen.)
  • Der Duft von Espresso (Heute noch höre ich deine Maschine rattern.)
  • Ein Buch über Rom (Es fiel mir kürzlich in die Hände und summte dein Lied der Liebe zu dieser Stadt.)
  • Ein graues Oberteil, das ich mir die Tage gekauft habe, wobei ich dachte, dass es auch deins hätte gewesen sein können. (Wo wir doch so gern Klamotten getauscht haben, uns gegenseitig beraten: Geht das, ja?)
  • Laue, lange Sommerabende, die nicht enden wollen, die Kerze wird immer kürzer und verliert trotzdem nicht an ihrer Leuchtkraft. (Obwohl es Zeit ist, ins Bett zu gehen, überhört man die ermahnende Stimme.)
  • Die Brigitte (Dein Mann hat sie dir vom Brötchenholen mitgebracht. So kleine Freuden zwischen dem Frühstück und Mittag, ach sie kommen mir verdammt bekannt vor.)
  • Erdbeeren (Beinah täglich bist du aufs Feld und hast Körbe selbst gepflückt.)
  • Englischer Harem  (Das Buch hast du mir im Frühling empfohlen und ich kann mich heute, wo ich es endlich lese, nicht lösen.)

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Ich möchte es nicht aussprechen und doch manchmal bedauere ich, dass ich so spät geboren bin. Stell dir vor, nur 20 Jahre eher. Nicht, dass ich nicht dankbar bin, das wir uns überhaupt kennengelernt haben, aber in meinen Tagträumen habe ich mir das ausgemalt – die Strichmännchen gegen zwei junge Frauen ausgetauscht, die so viel mehr vom Leben wollen, als viele Artgenossinnen aus der Provinzstadt. Wir hätten bestimmt einige Dummheiten begangen, doch am Ende des Tages glücklich dagesessen, händchenhaltend und froh darüber, dass es jemanden gibt, der einem so ähnlich und nah ist, dass man sich zwicken muss, ob dies alles überhaupt wahr ist.

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Mit meinem Lupenblick erkenne ich einiges, das uns verbindet.
Von unserer Sensibilität abgesehen, denke ich da an schlichte, stilvolle Mode und unsere göttlichen, beinah knabenhaften Figuren, die uns automatisch Schnäppchen in unseren Größen bei H&M bereithalten.
Wunderbare, herausragende Bücher, jenseits der Bestsellerliste. Geschichten, die uns herausfordern und seelig stimmen.
Unsere kindliche Begeisterung, die uns erhalten geblieben ist. Wir Zwei müssen ein Buch nicht erklären, sondern lassen stattdessen unsere Augen sprechen.
Schöne Filme fernab des Mainstreams, die uns noch Stunden später beschäftigen und kleine Narben des Glücks hinterlassen.
Die Schusseligkeit, die uns schon so manch blauen Zeh beschert hat oder Dinge, die wir übersahen, weil wir mit unseren Gedanken wieder ganz woanders waren.

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Bevor ich euer Gast auf Zeit war, wollte ich keine Kinder. Es schien mir alles so unvereinbar, zu viel, zu laut. Ganz davon abgesehen, dass ich noch nicht dafür bereit war und bin, wenngleich ich allmählich auf die 30 zugehe. Einige Schulfreundinnen haben längst ihr erstes Kind zur Welt gebracht. Ich freue mich für sie, doch ich fühlte mich fehl am Platze, bis zum Zeitpunkt, als ich bei euch war. Dein erstes Kind hast du mit Mitte Dreißig bekommen, wo viele stöhnend die Hände um den Kopf legen und rufen: Zu spät. Nix da, rufe ich heute. Schaut euch diese Frau hier an. Die hat es geschafft, zwei Kinder und was für zauberhafte Geschöpfe. Eine kleine Sonne und ein kleiner Mond. Eure Familie bewegt sich fernab jeglicher Klischees, die mich ermüden. Wenn sich heute Schatten auf mein Gemüt legen wegen dieser Fortpflanzungsgeschichte, denke ich an eure Familie und alles ist gut, warm und geborgen fühle ich mich dann. Keine Hast, sondern Zeit, ausreichend, um zu sortieren und anzukommen.

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Wenn du von deiner Erschöpfung berichtest, du dich am liebsten in ein Erdloch vergraben möchtest, sage ich: Ja, ich verstehe.
Wenn du eine tiefe Sehnsucht nach dem Alleinsein verspürst, fast beschämend manchmal, sage ich: Ja, ich verstehe.
Wenn du von deinen Zweifeln und Ängsten sprichst, die Nacht mit der Sonne vertauschst, sage ich: Ja, ich verstehe.
Wenn du glücklich über ein Buch sprichst, dass dich bis in deine hintersten Herzkammern kitzelt, sage ich: Ja, ich verstehe.

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Wahnsinn, du könntest meine große Schwester sein oder fast Mutter, aber du bist nichts von beiden, sondern meine Freundin, eine ganz besondere, mit der ich mich immer verbunden fühle werde.
Wir beide saßen letztes Jahr ganz schön im Mist, es stank und raubte uns den Atem, aber wir haben uns nicht kaputt machen lassen, uns gegenseitig an den Haaren gezogen, wenn eine kurz davor war in den Brunnen zu fallen. Das hat mir so viel Halt gegeben, wie es selbst der beste Klebstoff nicht schaffen würde.

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Es ist schon komisch, da draußen existieren tausende von Menschen. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass man jemanden findet, der genau zu einem passt? Eben. Und wenn es dann doch passiert, grenzt das schon an Wunder. Wir sind zwei Seelenmenschen, die sich einfach begegnen mussten.

Kürzlich las ich diesen Satz:

Ewig dein
Ewig mein
Ewig uns.

Ich habe mir erlaubt, diese Wörter für uns zu klauen und auf dem längsten Sonnenstrahl einzumeißeln. So können wir immer dorthin fliegen, alles hinter uns lassen und glücklich sein, wie wir es gewöhnt sind: sprachlos glücklich sozusagen.

Der Auslöser war ein schlicht banales Ereignis, umwickelt vom herzenswarmen Schal der Romantik: Zwei Menschen, die sich auf der Brücke leidenschaftlich küssend verabschiedeten. Die Nachmittagssonne spiegelte sich in der Spree, die ihnen zu Füßen lagen und umgaben sie mit einem goldenen Schein. Das Bild hätte auch gut an die Seine nach Paris gepasst, denke ich, als mir eine Frau direkt vor die Nase läuft. Können Sie nicht aufpassen, sagt die Dame mit dem dunklen Bob und dem auffallend roten Lippenstift. Ich – sichtlich erschrocken – gucke sie nur mit offenem Mund an und drehe den Kopf schnell weiter nach hinten, um die beiden frisch Verliebten zu beobachten.
Was ist? fragst du.
Nichts, antworte ich.
Kleine Spannerin, sagst du.
Lass mich, antworte ich gereizt und merke, wie mein Kopf die Farbe des Lippenstifts von der bösen Dame annimmt.

Ich denke zurück an damals, als wir zwei dort so standen, will ich sagen, schweige stattdessen. Schnell huscht der Schatten der Sehnsucht zwischen meine beiden Herzhälften hin und her als könnte er sich nicht entscheiden, ob er dort bleibt oder wieder weit wegfliegt, ins Jenseits der verbotenen Gefühle. Seine Kraft ist stärker und mein Körper empfängt seine Signale. Wie kleine Krallen beißt er sich fest, das Blut fließt wie auf Speed durch die Adern und die Haut wird glühend heiß.

Möchtest du das wirklich wieder? Das lange Warten auf Nachrichten? Diese blöde Ungewissheit? Die ständige Frage, ob er der Richtige ist? Obwohl die hatte ich nie bei dir. Ich wusste es von dem Moment an, als ich dich gesehen habe. Dazu waren wir uns zu ähnlich und sind es heute noch. Wir lieben das Schöne der Ästhetik, sind verspielt wie kleine Katzenkinder und sensible Wesen, die sich manchmal nach starken Armen sehnen. In der großen Welt wären wir allein zu schwach, zusammen halten wir uns im Sturm des Alltags fest. Besondere Menschen, brauchen besondere Partner. Häufig ist die Suche endlos und erschwerlich, aber am Ende des langen Marsches zahlt es sich aus. Das weiß ich heute.

Ich greife deine Hand und gebe dir den Kuss, den sich nur zwei Liebende geben.

Die Sehnsucht führte uns heute am ersten warmen Tag in diesem Jahr an diesen Ort zurück.

Hier begann unsere Liebesgeschichte.
Hier spürte ich zum ersten Mal deine Lippen auf meinen.
Hier entschied ich mich für dich.

Und wir waren damals im Spätsommer 2003 nicht die einzigen Zeugen unserer Lovestory, denn zwischen uns tanzten die Seelen von Bertolt Brecht und Helene Weigel, Paul Dessau und Hanns Eisler, John Heartfield und Wieland Herzfelde, Anna Seghers und Arnold Zweig, J. R. Becher und Heinrich Mann, Schadow und Schinkel, die Philosophen Hegel, Heiner Müller, Bernhard Minetti, Hans Mayer.

Ich mag diesen ruhigen Ort inmitten der hektischen Großstadt sehr, weil er mich an eine Insel im brausenden Meer erinnert. Die schattigen Bäume, die mit der Sonne flirten, die alten – teilweise prunkvollen – Gräber – ein Relikt aus einer anderen Zeit, das Knirschen der kleinen Steine unter den Schuhen, die einsamen singenden Vögel. Nach meiner Ankunft in der großen Stadt habe ich mit deiner Kamera Fotos geschossen, sie in einem Kurs für Schwarz-Weiß-Fotografie selbst entwickelt und noch heute erfreue ich mich an ihnen wie an dir. Ich erinnere ich mich, wie ich damals in einem günstigen Moment über mir bedeutende Grabsteine streichelte, ich wollte eine Antwort auf meine Frage, die mir nächtelang den Schlaf raubte. Ich war hin- und hergerissen, konnte es selbst nicht aussprechen, weil ich mich einerseits so gut und andererseits so schmutzig fühlte. Meine Tränen streiften das B von Bertolt und trockneten auf dem warmen Stein, der durch schüchterne Strahlen der Sonne geküsst wurde. Für einen kurzen Moment spürte ich, wie sie mir die Nackenhaare aufrichteten und ich einen zarten Hauch auf meiner linken Wange spürte wie eine Katze, die vorsichtig meine Beine streift. Und dann hatte ich sie.

An diesem Ort hören wir unsere Herzen besonders laut schlagen, auch weil wir uns mit den Toten auf eine Art verbunden fühlen.
An diesem Ort bleibt die Zeit vor den eisernen Toren stehen. Die Tram rattert regelmäßig vorbei, Autos hupen, Kinder kreischen.
An diesem Ort kommt man an, bei sich und seinen Gedanken.
Manchmal stolpern wir über Touristen, die ihre Reiseführer hier her führen, aber uns stört es nicht, denn jeder von uns ist weit weg, geborgen in einer Welt, in unserer, die für Fremde verschlossen bleibt.

Hier dürfen wir sein und uns lieben.

Oktober 2003

Schon als sie sich kennenlernten, brauchten sie keine Worte für einander, dafür waren ihre Herzen zuständig. Jede Fee und jeder Engel merkte schnell, dass dort zwischen den beiden Frauen mehr als nur die Bezeichnung gute Kollegin vorhanden war. So oft man die Fenster der Augen rieb, der Durchblick blieb verschleiert und ließ zwischen den Beiden Zauberhaftes erahnen, was bei den Erdenkindern eher selten vorkam. Sie liebte die Schichten im Store, wenn SIE da war. Die Musik war nicht mehr so nervig, die Klimaanlage verlor automatisch an Kälte und das harte Licht der Lampen biss weniger in den Augen. So könnte sie neben ihrem Studium jahrelang weiterleben.Aber nichts ist von Dauer – heißt eines der zahlreichen Gesetze des Lebens auf dem runden Erdball. Ob man will oder nicht – dagegen auflehnen, kam einem ebenso absurd vor als würden alle Hunde rückwärts laufen.

Und so geschah es eines Abends – es muss kurz nach 20 Uhr gewesen sein – dass sie sich zum letzten Mal verabschiedeten. Sie standen an der lauten Straße, der Himmel von Berlin weinte bitterlich und sie hielten sich an den Händen. Ihre Gesichter waren längst plitschnass, das Salz der Augen stärker als die sanft-perlenden Regentropfen. Plötzlich ergriff sie eine Böe, als wollte man nicht, dass sich ihre Wege trennen sollten.

Dann machs gut, mein Schatz, sagte die Größere von beiden. Wir hören von einander. Die Kleinere schrie kurz auf, viel zu oft hatte sie diesen Satz in ihrer jungen Vergangenheit schon gehört. Es war eine Floskel, die sich abnutzte wie der Absatz ihrer Lieblingsschuhe. Sie spürte einen langen Herzaussetzer. Oh weh, wieder jemand Liebes, der meine Hand losgelassen hat, dachte sie, als sie über die Ampel zur S-Bahn-Station eilte. Ihre Hände öffnete sie erst sehr spät in der dunklen Nacht aus Angst, die Liebe und Verbundenheit zu verlieren.

Oktober 2020

Wieder sitzt sie in der S-Bahn, kommt aus dem Südosten von Berlin und hält die kalten Hände geschlossen, weil sich in jeder eine Kastanie befindet. Die Größere von beiden hat ihr während eines Herbstspaziergangs beide Früchte geschenkt – aus Dankbarkeit für diese wunderbare Freundschaft. Die Stadt rauscht an ihr vorbei, Leute steigen in die S-Bahn, steigen aus und sie denkt lächelnd an die Worte ihrer Großmutter:

Jahre kommen, Jahre gehen. Freunde kommen, Freunde gehen – die ganz Besonderen jedoch bleiben Dir jahrelang an Deiner Seite treu – egal, wie faltig, dick oder grau Du wirst, denn gegen die Macht tiefster Verbundenheit ist jede Zeit und jedes Regenwetter machtlos.